TYPOTRAVELETTE UNTERWEGS

Typografie überall! Schriften und Beschilderungen sind allgegenwärtig und prägen Orte auf subtile und doch eindrückliche Weise. Wer durch Frankreichs Städte oder Dörfer streift, wandert durch Jahrhunderte des geschriebenen Worts. In den Straßen, auf Verkehrsmitteln, Ladenschildern, den Fassaden von Cafés und Restaurants, auf Mauern und Werbeplakaten: Jede Stadt hat ihre ganz eigene urbane Typografie. Selbst in Metropolen wie Paris, wo klassizistische Gemäuer auf immer mehr reflektierende Glasfassaden treffen, vermischen sich verblasste oder verwitterte Schriftzüge, Leuchtreklamen mit Kultstatus, historische Stadttypografie, traditionelle Restaurant- und Ladeninschriften mit urbaner Streetart und Graffiti, Neon-Zeichen und Werbeplakaten, modernen Markensignets und Leitsystemen zur Orientierung oder Texttafeln. Die Typografie im Stadtbild spiegelt die Geschichte Frankreichs auf eine ganz eigene Art wider und vereint dabei nostalgischen Retro-Charme mit stetem Wandel. Jeder Schriftzug erzählt dabei eine Geschichte, lässt Epochen und Moden erkennen.

Leider immer weniger: Durch das Verschwinden älterer Buchstaben und Beschilderungen aus dem Stadtbild gehen auch Erinnerungen verloren… Schriftzüge verschwinden nicht nur aus dem Blick, sondern auch aus unserem Bewusstsein. Und durch den wirtschaftlichen Erfolg großer Konzerne und Ketten sind leider in immer mehr Städten nur dieselben Schriftzüge und Logos zu sehen. Rasterfassaden und große Fensterfronten bieten kaum Platz für Beschriftungen. Um die buchstäblichen Zeichen früherer Zeiten zu bewahren, gibt es Fotoprojekte (wie das der Ghostletters Vienna), die Typo-Safaris für Arte (mit Schriftgestaltern durch Amsterdam, Paris, Berlin, Barcelona, London, Marseille), das Buchstabenmuseum in Berlin oder das digitale Typemuseum im Netz. Im Denkmalschutz kommen Fassadenbeschriftung und Außenwerbung leider traditionell zu kurz.

Typotravelette unterwegs: Mit meinem Twitter-Account firmiere ich als Typotravelette, bislang ohne weitere Erläuterung, nur eines meiner Lieblings-Gs fungiert als Profilbild. Denn immer wandere ich mit dem Blick auf Buchstaben, Worte und Schriften durch Städte, und in meinem Beruf als Büchermacherin war mir die typografische Gestaltung immer ein besonderes Anliegen. Dem Faible für Typografie (und den vielen im Lauf der vergangenen Jahre fotografierten Buchstaben und Schriftzügen) will ich nun auch in meinen Blogbeiträgen nachgehen. Einerseits soll es um »Typotopografie« gehen, also die Frage, wie sich eine Stadt mit ihrer Typografie präsentiert, was ist charakteristisch, woran erkennt man auch ohne geografische Angaben, dass die Fotos aus Bastia, Bordeaux, Nizza oder Marseille, Köln, Dresden oder Stuttgart stammen? Neben solchen »Typewalks« durch Städte gehe ich immer mal wieder Themen nach, schaue mir Schaufensterbeschriftungen, das Metro-Leitsystem, Mosaikschriftzüge und Buchstaben in der Street-Art an, oder richte meinen Blick auf Verwittertes oder auf Inschriften auf dem Boden… Die neue Rubrik heißt »Aufgeschrieben«, das Schlagwort »buchstäblich«, und der erste Beitrag dazu war der Blogartikel zu den Metro-Signets in Paris. Am Anfang habe ich vor allem den Buchstaben G in vielerlei Typo fotografiert sowie die Ziffer 2, bald auch ganze Schriftzüge. Von einem weiteren Lieblings-G, 2016 in einem Hinterhof in Straßburg fotografiert, war 2018 nur noch ein Schatten übrig, auch Ghostletter oder Ghost Signs genannt, wenn es sich nur um die Umrisse demontierter Buchstaben handelt. Gekauft habe ich schon diverse Buchstaben, Gs natürlich, aber auch ein OUI in Paris, das angeblich von einer BOULANGERIE stammte. Die in Lyon (mein Beitragsfoto) kann es nicht gewesen sein, die abmontierten Buchstaben sind grau und kursiv.

 

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