TYPOTRAVELETTE UNTERWEGS: LEUCHTSCHRIFT IN PARIS

Leuchtende Lettern: Der Times Square in New York, der Piccadilly Circus in London, Las Vegas oder Tokio zählen zu den bekanntesten Orten, an denen Neonreklame Botschaften leuchtstark verkündet. Was als amerikanisches Phänomen gilt, wurde tatsächlich in Frankreich erfunden. Doch in der französischen Hauptstadt kommt sie nur verhalten zum Einsatz, und viele der hier und dort zu entdeckenden bunten Leuchtreklamen an Cafés oder Brasserien sind schon älteren Datums – ihre Blütezeit hat Neonschrift offensichtlich hinter sich (siehe auch meinen Blogartikel: 50 Arten, Café zu schreiben).

Der »Edison« Frankreichs: Als Erfinder der Neonröhre gilt der Chemiker Georges Claude (1870–1960). Anfang des 20. Jahrhunderts suchte der vielseitige Tüftler einen Weg, reinen Sauerstoff aus der Luft zu destillieren, und gründete die Firma »Air liquide«, mit der er ein großes Vermögen erwarb. Neben seiner Experimentierlust zeichnete ihn auch ein hervorragender Geschäftssinn aus. Da bei seinen Versuchen zur Verflüssigung von Luft größere Mengen an Edelgasen wie Neon anfielen, suchte Claude auch nach vermarktbaren Ideen, wie diese kommerziell zu nutzen seien. Und so fiel die Neonröhre quasi als Abfallprodukt an. Im Dezember 1910 führte Georges Claude der Öffentlichkeit vor, welche Möglichkeiten die neue Beleuchtungstechnik bot, indem er das Grand Palais anlässlich des Salon de l’Automobile erstrahlen ließ. Die ersten Neon-Reklamezeichen der neu gegründeten Firma »Claude Lumière« erstrahlten zwei Jahre später – an einem Barbiersalon am Montmartre und die auf einem Dach installierte Neonschrift »Cinzano« an den Champs-Elysées.

Die Lichter der Großstadt: Schnell erweist sich Claudes Neonröhre als die ideale Lichtquelle des Industriezeitalters und für Leuchtreklamen. Nach der durch den Ersten Weltkrieg erzwungenen Zäsur begannen vor allem in den 1920er- und 1930er-Jahren moderne Metropolen wie Berlin neonfarben zu leuchten. Auch um die Wende zum 20. Jahrhundert hatte es schon Leuchtreklame gegeben, jedoch aus Glühlampen – die 1912 in Berlin installierte Werbung für die Sektmarke Kupferberg bestand aus 1600 Glühbirnen. Doch der Zweite Weltkrieg stoppte den Siegeszug der Leuchtreklame erneut. In Europa brach das Neonfieber in den 1950er-Jahren wieder aus. Die farbigen Neonröhren schufen völlig neue Möglichkeiten, Laufschriften oder sogar große bewegte Bilder herzustellen. Dünne Leuchtröhren lassen sich vom Glasbläser in fast jede beliebige Form biegen. So können auch durchgehende Schriftzüge, Logos oder bewegte Bilder angefertigt werden – in Köln steht ein fleißig Kölsch trinkendes Männchen aus den 1960er-Jahren unter Denkmalschutz. Schwungvolle Schriftzüge in zeittypischer Typo lockten die Menschen in die neuen Kinos, Kaufhäuser, Läden und Restaurants. Insbesondere in Vergnügungsvierteln wie St. Pauli in Hamburg, Pigalle in Paris oder dem West End in London bedeckten bunte Leuchtreklamen ganze Gebäude.

Neon in der Kunst: Die Hersteller von Neonreklame können heutzutage zwar nahezu jede noch so ausgefallene individuelle Gestaltungsidee umsetzen, doch immer häufiger kommen Leuchtdioden und Leuchtfolien zum Einsatz, deren Wartungsaufwand und Unterhaltskosten geringer sind bei gleichwertiger oder sogar besserer Leuchtkraft. Dafür reizen die Neonröhren seit einigen Jahrzehnten die Künstler zu Experimenten, und ein Großteil ihrer Werke besteht aus Worten oder Buchstaben. Dan Flavin gilt als der Neon-Künstler schlechthin, doch auch die amerikanische Künstlerin Jenny Holzer wurde mit Leuchtschrift weltberühmt.

Typografie überall! Eine ganze Schriften- und Schilderwelt tut sich für alle die auf, die die Augen offen halten. Schriftzüge und Buchstaben sind allgegenwärtig und prägen Orte auf subtile und doch eindrückliche Weise. Wer durch Frankreichs Städte oder Dörfer streift, wandert durch Jahrhunderte des geschriebenen Worts. In den Straßen, auf Verkehrsmitteln, Ladenschildern, den Fassaden von Cafés und Restaurants, auf Mauern und Werbeplakaten: Jede Stadt hat ihre ganz eigene urbane Typografie. Selbst in Metropolen wie Paris, wo klassizistische Gemäuer auf immer mehr reflektierende Glasfassaden treffen, vermischen sich verblasste oder verwitterte Schriftzüge, Leuchtreklamen mit Kultstatus und Mosaike, historische Stadttypografie, traditionelle Restaurant- und Ladeninschriften mit urbaner Streetart und Graffiti, Neon-Zeichen und Werbeplakaten, modernen Markensignets und Leitsystemen zur Orientierung oder Texttafeln. Die Typografie im Stadtbild spiegelt die Geschichte Frankreichs auf eine ganz eigene Art wider und vereint dabei nostalgischen Retro-Charme mit stetem Wandel. Jeder Schriftzug erzählt dabei eine Geschichte, lässt Epochen und Moden erkennen. Leider immer seltener: Durch das Verschwinden älterer Buchstaben und Beschilderungen aus dem Stadtraum gehen auch Erinnerungen verloren… Schriftzüge verschwinden nicht nur aus dem Blick, sondern auch aus unserem Bewusstsein. Und durch den wirtschaftlichen Erfolg internationaler Konzerne und Ketten sind leider in immer mehr Städten nur dieselben Schriftzüge und Logos zu sehen.

Paris Caveau de la Huchette Quartier Latin

Paris Nationalbibliothek

Paris Gare de Lyon Train Bleu

 

Paris Centre Pompidou

Paris Centre Pompidou

 

 

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