TYPOTRAVELETTE UNTERWEGS: TROTTOIR-TYPO IN PARIS

Nach unten schauen: Street-Art taucht meist an Wänden und nur selten unter unseren Füßen auf. Einige Street-Art-Künstler versuchen, dem Handicap, dass eigentlich niemand nach unten schaut, mit Fiktion und Fantasy etwas entgegenzusetzen. Am liebsten tun sich große Löcher auf, eines der größten dieser Katastrophenszenarios in London wurde von einer Sportswearfirma gesponsert. Das französische Street-Art-Duo Ella & Pitr aus Saint-Etienne wiederum kreiert gigantische Anamorphosen – also Bilder, die man nur aus einer bestimmten Perspektive sehen kann. Das Bedauerliche: Für ihre »Sleeping Giants« oder »colosses endormis«, schlafenden Riesen und Riesinnen, nutzt das Paar vor allem Flachdächer und Parkplätze als »Mauer« – nur aus der Luft sind sie gut zu sehen (daher hier einige Links zu Luftaufnahmen). In aller Welt, von Billom in der Auvergne bis Kanada, Chile und Portugal: In Berlin haben Ella & Pitr bei der Urban Art Week 2018 das Dach des Centre Français mit ihren poetischen Figuren gestaltet (dort mussten sie allerdings mit abwaschbaren Farben arbeiten). In Paris entstand auf dem Dach des Messepavillons von Paris Expo Porte de Versailles das größte Street-Art-Kunstwerk Europas, auf einer Fläche von 2,3 Hektar – das entspricht vier Fußballfeldern.

Wo Giganten schlafen

 

Trottoir-Typo statt Pflastermalerei: Von den ohnehin raren Bodenkünstlern setzt kaum einer Schrift ein. Auf den Gehwegen, Straßen und Plätzen von Paris werden eher kleine Stencils – durch vorgefertigte Schablonen – auf den Asphalt gesprüht. Bei den typografisch eher anspruchslosen Bodengraffiti auf dem Asphalt von Paris handelt es meist um politische Botschaften, aus Anlass bestimmter Termine etwa – als Aufruf zu einer Klima-Demonstration oder zum Boykott der Filmfestspiele in Cannes, »César de la honte«. In Deutschland stirbt jeden dritten Tag eine Frau durch die Hand eines Mannes – meist des Ex-Partners oder des eigenen Ehemanns. Aktivistinnen machen auch in Frankreich unter dem Hashtag #noustoutes und mit gesprayten Slogans wie »ras le viol« (ein Wortspiel mit »ras le bol«, umgangssprachlich für »Schnauze voll« und »viol«, Vergewaltigung) darauf aufmerksam, dass die Zahl der Femizide erschreckend hoch ist. Dagegen darf sich La Dactylo schon mit dem Titel »poétesse du street art parisien« schmücken – ihre kurzen Aphorismen und Wortspiele könnten auch als »Twitteratur« die literarische Gemeinde erfreuen. Ich finde sie etwas einfallsreicher als den »unsichtbaren Künstler« (der Chinese Liu Biolin ist mit seinen Fotos, bei denen er dank Body-Painting vor dem Hintergrund verschwindet, überaus erfolgreich), aber vielleicht war das Quadrat des »Artiste invisible« nur Guerilla-Marketing für eine Galerie oder Ausstellung? Übrigens: Wenn es sich bei der Farbe um Sprühkreide handelt, verblasst diese nach wenigen Wochen durch Regen und Wind – anders als die recht langlebigen Graffiti-Farben.

Guerilla-Marketing: Einige Agenturen bieten potenziellen Kunden an, Sprayer mit Schablonen loszuschicken, um »Gehwege, Plätze und Fußgängerzonen in Werbeflächen für Ihre Werbebotschaften« zu verwandeln. »Über Nacht« tauchten die Stencils unerwartet dort auf, »wo Ihre Zielgruppe steht und geht«. So werde die »gesamte Stadt zu einem Kunstwerk Ihrer Marke«, werben Marketingfuzzis da um Aufträge. Das hat uns gerade noch gefehlt! Legal sind solche Aktionen in Deutschland zudem keineswegs, auch wenn sie beim nächsten Regen verschwinden, sondern gelten als Sachbeschädigung und werden mit Bußgeldern geahndet. Nur Kinder haben Narrenfreiheit und dürfen mit Malkreide nach Lust und Laune Gehwege gestalten. Wie das in Frankreich aussieht, wird die Band »L’Impératrice« vielleicht inzwischen wissen, die ihr Album »Matahari« ganz cool auf den Straßen von Belleville bewirbt. Agenturen greifen fürs Guerilla-Marketing allerdings inzwischen auf Reverse-Graffiti zurück: Statt durch Schablonen Farbe zu sprühen, wird der Untergrund mit Hochdruckreiniger gesäubert.

Pariser Stadtgeschichte: In der Metrostation Bastille laufen die meisten achtlos darüber hinweg, doch in den Boden eingelassene Schriftbänder kennzeichnen den historischen Grundriss der einstigen Festung, deren Erstürmung den Beginn der Französischen Revolution 1789 markiert. Andere in den Boden eingelassene Medaillons mit der Beschriftung »Arago« kennzeichnen den Verlauf des Meridians von Paris. Vor Greenwich bildete er vom Jahr 1667 bis 1884 einen wichtigen Nullmeridian. Wer die Augen ab und zu nach unten richtet, entdeckt noch mehr, den Kilometer Null, die ehemalige Adresse der Zeitung »Intransigeant«, die Einladung auf eine heiße Schokolade in Mosaikschrift…

Typografie überall! Eine ganze Schriften- und Schilderwelt tut sich für alle die auf, die die Augen offen halten. Schriftzüge und Buchstaben sind allgegenwärtig und prägen Orte auf subtile und doch eindrückliche Weise. Wer durch Frankreichs Städte oder Dörfer streift, wandert durch Jahrhunderte des geschriebenen Worts. In den Straßen, auf Verkehrsmitteln, Ladenschildern, den Fassaden von Cafés und Restaurants, auf Mauern und Werbeplakaten: Jede Stadt hat ihre ganz eigene urbane Typografie. Selbst in Metropolen wie Paris, wo klassizistische Gemäuer auf immer mehr reflektierende Glasfassaden treffen, vermischen sich verblasste oder verwitterte Schriftzüge, Leuchtreklamen mit Kultstatus, historische Stadttypografie, traditionelle Restaurant- und Ladeninschriften mit urbaner Streetart und Graffiti, Neon-Zeichen und Werbeplakaten, modernen Markensignets und Leitsystemen zur Orientierung oder Texttafeln. Die Typografie im Stadtbild spiegelt die Geschichte Frankreichs auf eine ganz eigene Art wider und vereint dabei nostalgischen Retro-Charme mit stetem Wandel. Jeder Schriftzug erzählt dabei eine Geschichte, lässt Epochen und Moden erkennen. Leider immer seltener:Durch das Verschwinden älterer Buchstaben und Beschilderungen aus dem Stadtraum gehen auch Erinnerungen verloren… Schriftzüge verschwinden nicht nur aus dem Blick, sondern auch aus unserem Bewusstsein. Und durch den wirtschaftlichen Erfolg internationaler Konzerne und Ketten sind leider in immer mehr Städten nur dieselben Schriftzüge und Logos zu sehen.

Paris Typo

Print Friendly, PDF & Email