TYPOTRAVELETTE UNTERWEGS: ALTE REKLAME IN FRANKREICH

Dubo Dubon Dubonnet: Ein französischer Aperitif, der zwar in Vergessenheit geriet, doch der Werbespruch blieb im Gedächtnis und auch noch an manchen Häuserfassaden erhalten. Mit der Wiederentdeckung von Cocktail-Klassikern wie dem Negroni wanderte der Aperitifwein aber unlängst zurück ins Spirituosenregal. Inzwischen entdecken Bartender die Vielfalt weiterer, mit Kräutern versetzter Aperitifweine wie Picon, Lillet, Cap Corse oder Dubonnet wieder und mixen Cocktails damit. Viele dieser in Frankreich »Mistelles« genannten, gespriteten Weine enthielten zunächst Chinin und wurden teils erfunden, um vor Malaria zu schützen. Auch die Rezeptur des Pariser Chemikers Joseph Dubonnet (1818–1871) für das 1846 von ihm »erfundene« Getränk enthielt Chinarinde, daher setzte er wegen des bitteren Geschmacks Kräuter und Gewürze zu. Besonders populär war der »Quinquina Dubonnet« in den 1930er-Jahren, als auch der Slogan »Dubo, Dubon, Dubonnet!« erfunden wurde, den man entlang der Nationalstraßen überall sah. Heute ist der Schriftzug nur noch vereinzelt an Häuserfassaden oder Brandmauern zu finden, und häufig bemühen sich dort Bürger initiativen um den Erhalt und die Restaurierung. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hatte die »Reklamemalerei« ihren Höhepunkt, riesige Werbebotschaften wurden auf Hauswände gepinselt. Einfacher austauschbare Großplakate haben die Fassadenmalerei abgelöst und den Beruf des Schilder- und Schriftenmalers fast aussterben lassen.

Cassandre: Der Gestalter der Werbung, der Maler, Bühnenbildner, Typograf und Grafikdesigner A. M. Cassandre (Pseudonym, eigentlich Adolphe Jean-Marie Mouron, 1901–1968) mit Atelier am Montparnasse gestaltete auch berühmte Art-Déco-Plakate für Züge und Luxusdampfer wie die »Normandie«, Titelbilder für das Modemagazin »Harper’s Bazaar« und 1961 das Logo für Yves Saint Laurent. Als Schriftgestalter entwarf er in den 1930er-Jahren die Bifur, die Acier und die Peignot. Auf den dreiteiligen Plakaten mit dem Dubonnet-Werbespruch spielt er auch mit der Farbe der Buchstaben – ihre Umrisse füllen sich mit jedem geleerten Glas, genau wie die des Trinkers– bis heute Kult! Cassandre wurde auf dem Montparnasse-Friedhof (8. Div.) begraben, angeblich beging er Selbstmord, weil seine Schrift Cassandre keinen Anklang fand.

St-Raphaël, Noilly Prat: Die Geschichten ähneln sich, zur damaligen Zeit waren die »Quinquinas«, weinhaltige, mit Chinarinde versetzte Getränke in Mode. Zunächst wurden sie als Tonikum vorwiegend in Apotheken verkauft. Für den St-Raphaël entwickelte der Apotheker Adhémar Juppet 1890 in Lyon ebenfalls einen Aperitif auf der Basis von Wein, den er mit Chinarinde, Bitterorangen, Kakao und Vanille aromatisierte. Wie für Likörweine üblich, stoppt man an einem genauen Punkt die Gärung des Traubensafts durch die Zugabe von Alkohol, um den natürlichen Zucker der Trauben zu erhalten. Dem Noilly Prat wiederum gaben Joseph Noilly und Claudius Prat den Namen, die das Rezept für den Wermut entwickelt hatten und ihre Firma schon 1813 in Lyon gründeten – Noilly Prat ist damit der erste französische trockene Wermut (Lillet und Dubonnet sind keine, sie kommen ohne das Wermutkraut aus).

Typografie im Stadtbild: Schriften und Beschilderungen sind allgegenwärtig und prägen Orte auf subtile und doch eindrückliche Weise. Wer durch Frankreichs Städte oder Dörfer streift, wandert durch Jahrhunderte des geschriebenen Worts. In den Straßen, auf Verkehrsmitteln, Ladenschildern, den Fassaden von Cafés und Restaurants, auf Mauern und Werbeplakaten: Jede Stadt hat ihre ganz eigene urbane Typografie. Selbst in Metropolen wie Paris, wo klassizistische Gemäuer auf immer mehr reflektierende Glasfassaden treffen, vermischen sich verblasste oder verwitterte Schriftzüge, Leuchtreklamen mit Kultstatus und Mosaikschriften, historische Stadttypografie, traditionelle Restaurant- und Ladeninschriften mit urbaner Streetart und Graffiti, Neon-Zeichen und Werbeplakaten, modernen Markensignets und Leitsystemen zur Orientierung wie das Metro-Signet in Paris oder Texttafeln. Die Typografie im Stadtbild spiegelt die Geschichte Frankreichs auf eine ganz eigene Art wider und vereint dabei nostalgischen Retro-Charme mit stetem Wandel. Jeder Schriftzug erzählt dabei eine Geschichte, lässt Epochen und Moden erkennen. Leider immer seltener: Durch das Verschwinden älterer Buchstaben und Beschilderungen aus dem Stadtbild gehen auch Erinnerungen verloren… Schriftzüge verschwinden nicht nur aus dem Blick, sondern auch aus unserem Bewusstsein. Und durch den wirtschaftlichen Erfolg großer Konzerne und Ketten sind leider in immer mehr Städten nur dieselben Schriftzüge und Logos zu sehen.

 

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