VITTORIO MAGNAGO LAMPUGNANI: BEDEUTSAME BELANGLOSIGKEITEN

Kleine Dinge im Stadtraum: Woran erkennt man auf dem Foto einer Straße, um welche Stadt es sich handelt, auch wenn die Bildlegende fehlt und kein bekanntes Wahrzeichen zu sehen ist? In Großstädten wie Paris neben der klassischen Architektur der Sandsteinfassaden mit den schmiedeeisernen Balkongeländern und Mansarddächern vor allem an der urbanen »Mikroarchitektur« für Kioske, Metro-Eingänge und Anschlagsäulen (den »Colonnes Morris«) wie auch an den unscheinbaren, aber ubiquitären Objekten, die sich seriell über die ganze Stadt verteilen: Poller und Straßenlaternen, aber auch Baumscheiben, Abfallbehälter und Gullydeckel, Stadtmobiliar wie Bänke, ja sogar an Straßenschildern, Gehweg- oder Straßenpflaster oder Hausnummern lässt sich Paris identifizieren.

Unverwechselbar? In seinem im Wagenbach Verlag erschienenen Buch stellt Vittorio Magnago Lampugnani »Bedeutsame Belanglosigkeiten« in den Mittelpunkt und betrachtet die Geschichte von rund zwanzig repräsentativen Elementen der Stadtmöblierung und Details des öffentlichen Raums (darunter die oben genannten). Einen Namen gemacht hat sich der italienische Stadtwissenschaftler und Architekturhistoriker mit einer umfangreichen Geschichte des europäischen Städtebaus (ebenfalls bei Wagenbach). Seine Auswahl, so schreibt Lampugnani, solle die »Vielfalt einigermaßen widerspiegeln«. Das tut sie vor allem dann, wenn man sich für europäische Metropolen interessiert und den Schwerpunkt auf das 19. und beginnende 20. Jahrhundert legt. So stammen denn die Beispiele aus dem höchst ansprechend bebilderten Band vorwiegend aus London, Rom, Paris, Berlin, Wien, Zürich. Lampugnani weist selbst darauf hin, dass auch Parkuhren, Feuermelder, Verkehrszeichen, Pflanzkübel, Fahrradständer, Gedenktafeln oder Postkästen noch dazugehören könnten. So fällt an dieser Stelle auf, dass die Gegenwart und neue Technologien wie Überwachungskameras, Mülltrennungsbehälter, Leitsysteme, Ticketautomaten, Feinstaubfilter, Ladestationen für Räder und Elektro-Autos nicht vorkommen. Und dass die Unverwechselbarkeit für viele andere Städte nicht gilt…

Augen auf: Das schmälert nicht den Lesegenuss und verändert den Blick auf die Stadt und ihre »Kleinigkeiten«, spätestens beim nächsten Besuch. Zudem verweist der Autor auch auf die literarischen, malerischen, fotografischen und filmischen Spuren der städtischen Objekte, etwa in Gustave Caillebottes Gemälde »Le boulevard vu d’en haut«, und er thematisiert mit Anekdoten und Geschichten mehr als nur Gestaltungsfragen oder Funktionalität. So erfährt man, warum der britische Philanthrop Richard Wallace Paris öffentliche Trinkwasserspender schenkte oder dass es in Paris im Jahr 1883, als der Präfekt Eugène-René Poubelle mit einem Erlass den Mülleimer zur Pflicht in jedem Wohnhaus machte, zum Aufstand der Lumpensammler kam, denen damit die Erwerbsgrundlage genommen wurde.

 

Vittorio Magnago Lampugnani, Bedeutsame Belanglosigkeiten. Kleine Dinge im Stadtraum, Verlag Klaus Wagenbach

Paris Colonne Morris

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