TYPOTRAVELETTE UNTERWEGS: PARISER STRASSENSCHILDER

Einst und heute: Wie in anderen mittelalterlichen Städten gab es auch in Paris in früheren Jahrhunderten keine ausgeschilderten Straßennamen. Erst im 18. Jahrhundert (ab 1729) begann man, den Namen und die Nummer des Arrondissements in Steine des ersten und des letzten Gebäudes einer Straße einzugravieren – eine ganze Reihe dieser Inschriften sind noch erhalten. In einigen Straßen sind so auch Umbenennungen noch zu erkennen. Ende des 19. Jahrhunderts ging die Stadt zu emaillierten Schildern über, mit weißer Schrift auf blauem Grund »bleu d’outremer« und grünem Rahmen. Ausnahmen gibt es immer mal wieder, die Rue Agar im 16. Arrondissement mit Jugendstilbauten von Hector Guimard erhielt ein passendes Schild, einige andere wie die Rue Réaumur, die Rue des Petits Carreaux oder die einstige Rue Mercedes Mosaikschilder. Seit Anfang der 1980er-Jahre wird bei nach Personen benannten Straßen eine kurze Erläuterung mit den Lebensdaten hinzugefügt.

Frauentag am 8. März: 2019 war ich am Frauentag in Paris – der in Frankreich nicht einfach »Journée de la Femme« heißt, sondern »Journée des Droits de la Femme«, also Tag der Frauenrechte. Schnell fielen mir die überklebten Straßenschilder auf. Wie in vielen Städten weltweit ist nur eine geringe Zahl nach Frauen benannt – Anfang 2018 meldete Libération, von 6449 Straßen und Plätzen in Paris seien 173 nach Frauen benannt (= 2,6 %, ohne Heilige und andere religiöse Benennungen wie Notre-Dame de Nazarath, Filles du Calvaire). Verantwortlich für die Aktion war #noustoutes (noustoutes.org), die in der Nacht zum Frauentag viele Straßen umbenannten – insgesamt wohl rund 1400 Schilder, meldete NouvelObs. Damit es nicht beim Namedropping bleibt, war bei fast allen noch eine kurze Info zur jeweiligen Politikerin, Schriftstellerin, Journalistin, Suffragette oder Kämpferin für Menschenrechte zu finden.

https://fr.wikipedia.org/wiki/Liste_des_voies_de_Paris_se_référant_à_un_nom_de_femme

Street-Art: Die Straßennamen in Paris scheinen Street-Art-Künstler geradezu magisch anzuziehen. Aber klar, für große »Murals « ist der cleane Innenstadtbereich, wo die sandgestrahlten Fassaden im Nullkommanichts von Graffiti und anderen Hinterlassenschaften wieder befreit werden, keine Option. Dafür muss man mitten im Zentrum nur mal hochschauen, und schon wimmelt es von öffentlichen, aber meist kleinformatigen Kunst-Kommentaren zur Stadt. Der bekannteste und zugleich berüchtigtste Pariser Street Artist Invader bringt seine Space-Invader- und Pac-Man-Motive gerne an jeder zweiten Hauswand an. Fast ebenso häufig betätigt sich Mr Ride in Peace, der Radteile installiert – meist nur Lenker und Vorderrad, oft wie nach einem Unfall verbogen. Clet Abraham versieht Straßenschilder mit humoristischen Kommentaren, Intra Larue, eine der wenigen Frauen in dem noch männlich dominierten Milieu, bringt Abdrücke ihres Busens an.

Typografie überall! Eine ganze Schriften- und Schilderwelt tut sich für alle die auf, die die Augen offen halten. Schriftzüge und Buchstaben sind allgegenwärtig und prägen Orte auf subtile und doch eindrückliche Weise. Wer durch Frankreichs Städte oder Dörfer streift, wandert durch Jahrhunderte des geschriebenen Worts. In den Straßen, auf Verkehrsmitteln, Ladenschildern, den Fassaden von Cafés und Restaurants, auf Mauern und Werbeplakaten: Jede Stadt hat ihre ganz eigene urbane Typografie. Selbst in Metropolen wie Paris, wo klassizistische Gemäuer auf immer mehr reflektierende Glasfassaden treffen, vermischen sich verblasste oder verwitterte Schriftzüge, Leuchtreklamen mit Kultstatus, historische Stadttypografie, traditionelle Restaurant- und Ladeninschriften mit urbaner Street-Art und Graffiti, Neon-Zeichen und Werbeplakaten, modernen Markensignets und Leitsystemen zur Orientierung oder Texttafeln. Die Typografie im Stadtbild spiegelt die Geschichte Frankreichs auf eine ganz eigene Art wider und vereint dabei nostalgischen Retro-Charme mit stetem Wandel. Jeder Schriftzug erzählt dabei eine Geschichte, lässt Epochen und Moden erkennen. Leider immer seltener: Durch das Verschwinden älterer Buchstaben und Beschilderungen aus dem Stadtraum gehen auch Erinnerungen verloren… Schriftzüge verschwinden nicht nur aus dem Blick, sondern auch aus unserem Bewusstsein. Und durch den wirtschaftlichen Erfolg internationaler Konzerne und Ketten sind leider in immer mehr Städten nur dieselben Schriftzüge und Logos zu sehen.

Paris

 

 

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