KULINARISCHE LITERATOUR: FRANÇOIS RABELAIS ÜBER SALAT

Riesenbaby mit Appetit: Wer würde Gargantua mit Salat in Verbindung bringen? Wenn der sprichwörtlich gewordene Vielfresser und seine ungeschlachte Familie zum Nachtessen laden, wird dieses aus sechzig Ochsen, drei Färsen, zweiunddreißig Kälbern, fünfundneunzig Hammeln, dreihundert Spanferkeln und Rebhühnern, Schnepfen, Kapaunen, Tauben, Hühnern und Hasen in noch größeren Mengen sowie »noch etwas« Wild zubereitet. Doch wird dem Gourmand ein wenig flau vor dem Abendessen und er holt sich »ein Maulvoll Lattichsalat« – hierzulande »so groß wie Pflaumen- und Nussbäume«. Pech, dass sich sechs Pilger unter dem Lattich ein Nachtlager bereitet hatten. Gargantua legt sie samt dem Salat in eine Küchenschüssel, so groß wie das Fass von Citeaux (das wohl um 800 Hektoliter fasste), fügt Essig, Öl und Salz hinzu und beginnt zu essen. Schwups, schon sind die Pilger verspeist. Nur mit Mühe retten sie sich vor den »Mühlsteinen seiner Zähne«. Wider Erwarten befreit machen sich die erlösten Pilger schnell durch den Garten davon.

François Rabelais: Als zweiter von insgesamt fünf Bänden erschien nach dem »Pantagruel« im Jahr 1534 das »Höchst erstaunliche Leben des Gargantua«. Der französische Schriftsteller Rabelais (um 1494–1553) lässt es richtig krachen, mit derbem Humor, so sprachmächtig wie drastisch, mit überbordender Fabulierlust. Gargantua und Pantagruel, die beiden bekanntesten Riesen der europäischen Literatur, sind ausgelassen, maßlos und frech und geben sich gern der Völlerei hin, wenn sie nicht gerade ihren ewigen Durst löschen. »L’appétit vient en mangeant«, der Appetit kommt beim Essen, das Zitat wurde zum geflügelten Wort, doch hemmungslos geprasst wird in diesem grotesken Roman nicht nur beim Essen. Man sollte jedoch nicht vergessen, dass Rabelais nicht nur ein großer Satiriker und unflätiger Spaßmacher war, sondern auch ein belesener Humanist und Gelehrter mit enzyklopädischem Wissen.

Klassiker lesen: Trotz des großen zeitlichen Abstands ist »La vie tres horrifique du grand Gargantua, pere de Pantagruel jadis composee par M. Alcofribas abstracteur de quinte essence. Livre plein de pantagruelisme« ein hinreißendes, komisches Leseabenteuer, auch wenn man nicht alle Zitate und Verweise des anspielungsreichen Werks heute noch verstehen kann. Die burleske Geschichte der merkwürdigen Abenteuer nimmt Rabelais zum Anlass, Jurisprudenz, Kirche, Staat und Wissenschaftsbetrieb mit beißendem Spott zu überschütten. Seiner satirischen Überzeichnung gesellschaftlicher Verhältnisse setzt Rabelais ein ausgesprochen friedfertiges Ende entgegen: Mit einem versöhnlichen Frieden nach einem aufgezwungenen Verteidigungskrieg und der menschlichen Behandlung gefangengesetzter Gegner erweist sich Gargantua als großer Humanist. Die Besiegten werden freigelassen, erhalten sogar Sold und sicheres Geleit, nur die »Unruhstifter« müssen »in seiner neu errichteten Buchdruckerei« arbeiten, den eigenen geschädigten Bürgern ersetzt er »allen ihren Schaden auf ihre eidlich erhärtete Aussag« und belohnt seine Söldner großzügig.

Ganz aktuell liest sich der Anlass für den Krieg: Aus einem räuberischen Überfall durch König Pikrochol – weil Frieden herrscht, schaffen seine Soldaten die Fakten selbst, verwüsten und zerstören alles, was ihnen in den Weg kommt und schonen »weder arm noch reich, weder Haus noch Heiligtum«, trotz aller Bitten um menschlichere Behandlung – entwickelt sich ein zerstörerischer Eroberungswahn. »Was weiland die Sarazenen und die Barbaren Tapferkeit hießen, das heißen wir heutzutag Raub und Gewalt. Besser hätt’ er daran getan, er wär in seinem Haus geblieben und hätt’ es königlich bestellt, statt daß er hie meines überfällt und feindlich plündert. Denn durch gute Bestellung hätt’ er’s gemehrt; durch Plünderung von meinem wird er zerstört.« Das setzt Grandgousier König Pikrochols »Vorsatz und Entschluß, das ganze Land zu erobern« entgegen – am Ende siegreich.

 

 

 

Wie Gargantua sechs Pilger im Salat aß

 

Die Sach erheischt, daß wir berichten, was mit sechs Pilgern sich begab, welche von St. Sebastian bei Nantes kamen und selbige Nacht, in Furcht vor den Feinden, zu einem Unterstand sich in das Bohnenstroh im Garten unter Kohl- und Lattichstauden verkrochen hatten. Gargantua spürt’ ein wenig Durst und frug, ob man nicht Lattich haben könnt’, einen Salat zu machen.

Und als er hört’, daß es im ganzen Land die schönsten und größten da hätt’, denn sie waren so groß wie die Nuß- oder Pflaumenbäum, ging er vor Lust selbst hin und bracht’ in seiner Hand so viel davon mit, als ihm gut deucht’; und zu gleicher Zeit bracht’ er auch die sechs Pilger mit, die sich vor großer Furcht und Angst weder zu reden noch husten trauten.

Wie er den Lattich nun am Brunnen vorläufig abwusch, sagten die Pilger mit leiser Stimme zueinander: »Ei, ei, was da zu tun? Wir ersaufen hier unter dem Lattich. Sollen wir reden? Reden wir aber, so tötet er uns gewiß als Kundschafter.« Während sie also noch ratschlagten, warf sie Gargantua mitsamt dem Lattich in einen Küchennapf, so groß wie das Faß zu Cisteaux, und aß sie mit Essig, Öl und Salz zu seiner Erfrischung vorm Abendbrot. Und hatte bereits fünf Pilger verschlungen. Der sechste lag noch im Napf verborgen unter einem Lattichblatt, bis auf den Pilgerstab, der drüber hervorguckte. Als den Grandgoschier sah, sprach er zu dem Gargantua: »lch glaub, da ist ein Schneckenhorn. Iß es nit.« – »Warum?« sprach Gargantua, »die sind gesund diesen ganzen Monat.« Ergriff damit den Stab und hub den Pilger daran zugleich mit auf und aß ihn lustig. Tat darauf einen schauderhaften Zug Zirbelwein, bis das Nachtessen fertig wäre.

Die so verschluckten Pilgersleut wandten sich, so gut ihnen möglich, aus den Mahlsteinen seiner Zähne und meinten, man hätt‘ sie ins unterste Gewölb eines Kerkers hinabgestoßen. Als aber Gargantua den großen Trunk tat, dachten sie nicht anders, denn sie müßten ihm all im Maul ersaufen; auch hätt‘ sie der Strom des Weins beinah in den Abgrund seines Magens geschwemmt: doch halfen sie sich mit ihren Stäben und sprangen daran, nach Art der Älpler so weit, bis sie am Rand der Zähne aufs Trockene kamen. Aber zum Unglück stieß einer von ihnen, wie er mit seinem Pilgerstab das Land sondiert’, ob sie festen Boden gewonnen hätten, so heftig in die Grub eines hohlen Zahnes und traf den Nerv des Kiefers, daß dem Gargantua sehr weh geschah, und er vor wütendem Schmerz laut aufschrie. Doch dem Übel zu steuern, ließ er sich seinen Zahnstocher bringen, ging hinaus an den Walnußbaum und hub die lieben Pilgervöglein da aus dem Nest.

Den einen erhascht’ er beim Bein, den andern bei den Schultern, den dritten beim Bettelsack, den vierten bei der Sparbüchs, den fünften beim Skapulier; und den armen Schelm, der ihn angebohret hatt’, ergrapscht’ er gar durch den Hosenlatz. So flohen die entnisteten Pilger im vollen Trott über Heck und Zaun, und das Zahnweh legte sich.

 

https://www.projekt-gutenberg.org/rabelais/pantagru/chap033.html

Die Gutenberg-Ausgabe beruht auf einer Bearbeitung (durch Ulrich Rauscher, 1913) der ältesten deutschen Gesamtübertragung von Gottlob Regis (1832–41). Für die Lektüre sind neuere Übersetzungen empfehlenswert, beispielsweise von Wolf Steinsieck (Reclam Verlag).

 

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