KULINARISCHE LITERATOUR: HEINRICH MANN ÜBER SALAT

Klotzsche machte unsicher eine Bemerkung über fatale Lebewesen. Sonst aber sei er sehr für die frische freie Natur, besonders für Segelsport … Gretchen seufzte schon wieder. Er brach ab und fragte, ob auch sie die Natur liebe. Ja? Und was sie denn vorziehe: die Berge? die kleinen Lämmer?

»Grünen Salat«, sagte Gretchen, halb im Traum.

Sie sah selber grünlich aus und fiel vor Bleichsucht fast in Ohnmacht, wie es ihr immer geschah, wenn sie sich sehr langweilte; beim Strümpfestopfen oder in der Kirche.

»Grünen Salat?«

Ja. Denn Gretchen hatte am Morgen von ihrem Wochengeld sofort ein halbes Pfund Pralines gekauft und sie alle aufgegessen; und jetzt träumte sie von Salat mit Pfeffer und Senf.

Klotzsche war von ihrer Antwort überrascht, aber nicht unbefriedigt.

 

 

Medias in res: Ein schöner erster Satz eröffnet die 1910 erschienene Novelle »Gretchen« und gibt den Tonfall vor in Heinrich Manns kurzer Satire auf die bürgerliche Doppelmoral im wilhelminischen Deutschland: »Am Sonnabend mittag hatte Frau Heßling es immer noch nicht ihrem Manne beigebracht, daß Gretchen sich am Sonntag verloben sollte.« Es heißt abzuwarten, bis der Vater gute Laune hat, doch nach dem Mittagessen plagt ihn sein Bauch. In der lustspielartigen Erzählung mit wunderbar komischen Dialogen im Dialekt geht es recht häufig ums Essen, so nimmt Gretchen ihrem Verlobten seine Esslust übel, obwohl »sie selbst neun Brote verschlang«, und vergleicht »unter keuschen Lidern, wieviel seinem Bauch noch fehle, damit er so dick werde wie Papas.« Mittags gibt es fetten Aal oder deutsches Beefsteak mit Blumenkohl, im Theater in der Pause Himbeerlimonade und Baisers, und Gretchens besondere Vorliebe gilt Pralinen.

Öde Ehe: Gretchen ist mit dem langweiligen Assessor Klotzsche verlobt, und eine ihrer Sorgen vor der Ehe gilt dem Sockenstopfen: »Du, Mama, muß ich Klotzsche später auch die Strümpfe ausbessern, wenn er sie schon angehabt hat? Papa gibt mir seine immer; und wenn ich sage, ich mag sie nicht riechen, sagt er, ich bin gemütlos.« Zusammen mit ihrer Freundin Elsa beschließt sie, dass auch Frauen sich vor der Ehe ausleben dürfen. Ein Blick auf ihre Eltern genügt als Rechtfertigung: »Ob auch Papa vor der Ehe nichts erlebt hatte? Er sah nach nichts aus. Und Mama kannte es nicht besser, sie war nicht modern … Was hatte Mama eigentlich vom Leben gehabt? Bloß Papa: das war wenig.« Wer nun auf eine Emanzipationsgeschichte hofft, schließlich will Freundin Elsa gar nicht heiraten und nach Berlin gehen, hat nicht mit Gretchens »blutleerem Gehirn« gerechnet. Sie provoziert eine Begegnung mit dem feschen Schauspieler Leon Stolzeneck, den sie schon lange anhimmelt und der in der Damenwelt durchaus beliebt ist. Doch es kommt anders, als Gretchen es sich erträumt hat…

Wilhelminische Moralvorstellungen: Die »heuchlerische Wohlanständigkeit« seiner Zeitgenossen war häufig das Thema des Schriftstellers. Heinrich Mann (1871–1950) ist in meinem Bücherregal wie im Kanon der Literaturgeschichte als großer Romancier vertreten, mit »Professor Unrat«, »Der Untertan« und den beiden Romanen zu »Henri Quatre«, die als sein bedeutendstes Werk gelten, sowie auch mit seinen Memoiren »Ein Zeitalter wird besichtigt«. Das Theaterwerk, das im Wesentlichen aus den Jahren bis 1920 stammt, ist so gut wie vergessen, was auch an der bruchstückhaften Überlieferung von Manns Stücken liegt. Doch in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg wurden in Berlin alljährlich Theaterstücke Heinrich Manns uraufgeführt, und zahlreiche seiner dramatischen Arbeiten sind aus Prosawerken (mit bereits dialogischem Charakter) entstanden. Denn neben seinen weltberühmten Romanen hat Mann rund sechzig Novellen und Kurzgeschichten geschrieben, die das eigene Romanschaffen vorbereiten, begleiten und fortführen. Wie in Manns größtem Erfolg, dem Roman »Der Untertan«, begegnet uns als Protagonist und Gretchens Vater bereits Diederich Heßling, ein Tyrann im Kleinen, dessen Prioritäten sich in reichlichem Essen, reichlichem Trinken, täglichen Stammtischbesuchen sowie unerschütterlicher Verehrung für den Kaiser und »Deutschlands Weltmacht« erschöpfen.

 

https://www.projekt-gutenberg.org/mannh/4novelle/chap006.html

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