KULINARISCHE LITERATOUR: PLAUTUS ÜBER SALAT
Auch bereit’ ich nicht das Essen, wie die Anderen,
Die ganze Wiesen auf die Tafel stellen, Gras
Den Tischgenossen bieten, als bewirtheten
Sie Kühe, dann zu diesen Kräutern andre thun,
Auch Koriander, Fenchel, Knoblauch, braunen Kohl;
Auch thun sie Mangold, Ampfer, Melde, Salat dazu,
Und brühen’s an mit einem Pfunde Teufelsdreck.
Und obendrein noch reibt man den verwünschten Senf,
Der aus dem Auge Thränen preßt dem Reibenden.
Die Art von Leuten koche für sich selbst das Mahl!
Denn nicht Gewürze thun sie dran, nein, Galgenkraut,
Das fressend an des Gastes Eingeweiden zehrt.
Drum leben auch die Leute hier so kurze Zeit,
Da sie den Bauch mit solchen Kräutern stopfen, die
Schon schrecklich sind zu nennen, nicht zu schmecken nur.
Woran das Vieh sich nicht vergreift, das ißt der Mensch.
Pseudolus (ins Deutsche übersetzt von Johann Jakob Christian Donner, Leipzig und Heidelberg 1865)
https://www.projekt-gutenberg.org/plautus/pseudol/pseudo3.html
Plautus: Der Dichter Plautus (gestorben um 184 v. Chr.) lebte im Rom der Antike, doch es ist wenig über seine Person bekannt. Er verfasste zahlreiche Komödien (beziehungsweise bearbeitete griechische Vorlagen) und gewann damit nicht nur den Beifall des zeitgenössischen Publikums, sondern auch vieler Nachfahren von Shakespeare über Goethe und Lessing bis zu Lenz. Von seinen rund 20 Theaterstücken, die dank der Wiederentdeckung im späten Mittelalter in lateinischen Versionen überliefert sind, gab es auch mehrfach Übersetzungen.
Pseudolus: Die in Athen angesiedelte Komödie um einen listigen Sklaven und dessen witzigen Betrug wurde erstmals 191 v. Chr. aufgeführt. In einer Szene hat einer der Protagonisten auf dem Markt einen Mietkoch engagiert. Dieser fordert zwei Drachmen als Entgelt, ein doppelt so hohes Salär wie seine Kollegen. Was das rechtfertigt, erklärt der Koch, ist ausgerechnet die Tatsache, dass er keine »Wiesen« auftischt. Ich kenne viele Männer, die es weit von sich weisen, Salat zu essen, und »Grünzeug« für Viehfutter halten. Kein Spaß! Und offensichtlich sorgte die antivegetarische Polemik schon in der Antike für Lacher…
Ich würze meine Speisen nicht wie jenes Volk,
Das ganze Wiesen auf den Platten herserviert,
Als gält es Rindvieh zu bewirten, Kraut nur gibt
Und dieses Kraut dazu noch mengt mit anderem Kraut,
Das Koriander, Fenchel, Knoblauch, schwarzen Kohl,
Sauerampfer, Mangold und Spinat zusammenwirft
Und mit einem ganzen Pfunde Silphion zergehen läßt.
Darunter reiben sie den gottverdammten Senf,
Der, eh er noch ausgerieben ist, den Reibenden
Die Tränen auspreßt. Mögen diese für sich selbst
Das Mahl bereiten. Wenn sie würzen würzen sie
Statt mit Gewürz mit Hexenkraut, das dem, der’s ißt,
Bei noch lebendigem Leibe das Gedärm zerfrißt.
Drum dauert auch der Menschen Leben nur so kurz,
Wenn mit dergleichen Krautwerk sie den Bauch sich füllen.
Furchtbar schon auszusprechen, nicht zu essen bloß:
Was selbst das Vieh nicht fressen mag, das ißt der Mensch.
Foodtrends der Antike: In dieser zweiten hier zitierten Übertragung, eine Bearbeitung der Übersetzung von Wilhelm Binder aus dem Jahr 1864 durch den Herausgeber Walther Ludwig (für die dreibändige Ausgabe »Antike Komödien« in der Reihe Winkler Weltliteratur), wird der Teufelsdreck der ersten Übersetzung botanisch konkret benannt: Bei Silphion oder Silphium handelt es sich um eine bei Griechen und Römern begehrte Heil- und Gewürzpflanze, die aber wohl ausgestorben und daher nicht zweifelsfrei zu identifizieren ist. Als Forscher meinten, die Pflanze in der Türkei gefunden zu haben, widmete etwa selbst der »National Geographic« der verschwundenen »miracle plant« einen Artikel (www.nationalgeographic.com/premium/article/miracle-plant-eaten-extinction-2000-years-ago-silphion).
Römische Salate: Die Komödie von Plautus dürfte wohl eine der ältesten Erwähnungen von Salat in der Literatur sein. Rezeptsammlungen gab es auch in der Antike schon, als ältestes Kochbuch gilt »De re coquinaria« aus dem 3. oder 4. Jahrhundert. Als Verfasser wird oft Caelius Apicius genannt, doch vermutlich verdanken die 475 Rezepte mehrfachen Bearbeitungen ihre überlieferte Form – übrigens meist ohne Mengenangaben und Zubereitungsart, offensichtlich wurde Küchenwissen vorausgesetzt und die Angaben sind eher Gedächtnisstütze als Kochanleitung. Dutzende Rezepte in dieser Sammlung verlangen nach Silphion, und zwar in einer von drei Formen: als Gummiharz (Laser vivum), mit Mehl vermischtes Harz (Laserpicium) oder als Pulver, für das die getrocknete Wurzel (Laseris radix) im Mörser zerstoßen wurde. Weniger auf das Interesse von Forschern stießen bislang die im Gemüsekapitel erwähnten Salate: Intuba et lactucae (Endivien und Lattich).
Weiterlesen über Salat in der Literatur:
in Grimms Märchen bei E.T.A. Hoffmann bei Karl Kraus bei Jean de La Fontaine bei Heinrich Mann bei Erich Mühsam bei Marcel Proust bei François Rabelais bei Kurt Tucholsky bei Emile Zola.