FRANKREICHS WELTERBESTÄTTEN

Bares Geld wert? Ende der 1970er-Jahre wurden zum Schutz des Kultur- und Naturerbes die ersten zwölf Kandidaten von der Unesco zum Welterbe erklärt, seit den 1990er-Jahren auch ganze Kulturlandschaften einbezogen. Mit 39 Weltkulturerbestätten und sechs Naturerbestätten steht Frankreich heute an einer der vorderen Stellen weltweit, in Deutschland tragen ähnlich viele Stätten den prestigeträchtigen Titel. 37 weitere Anträge für französische Monumente, Städte und Landschaften gibt es derzeit (2019), die auch dazugehören und von touristischer Aufmerksamkeit (und dem Anstieg von Besucherzahlen sowie entsprechender Einnahmen und /oder Spendengelder) profitieren möchten. Inflationär und eurozentristisch? Die Welterbeliste wächst stetig, mit rund 1100 Stätten ist die Liste deutlich angewachsen, allerdings global sehr ungleich verteilt.

Overtourism: Und was bewirkt der ehrenvolle Titel vor Ort? Während manche »Must-See-Highlights« völlig überlaufen sind und inzwischen mit den negativen Folgen des rücksichtslosen Massenansturms kämpfen, bleiben andere trotz des prominenten Status komplett unter dem Radar. Allerdings war der Welterbetitel auch nie als Marketinginstrument gedacht. Tourismus ist in Frankreich ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, doch inzwischen sind immer häufiger auch die negativen Folgen (Müll, Zerstörung, Einschränkungen für die Anwohner, steigende Preise, zusätzlicher Verkehr…) Thema. Die in den letzten Jahren stark wachsende touristische Mobilität weltweit hinterlässt überall in Europa ihre Spuren. So wird für den Pont du Gard Eintritt genommen, am Mont Saint-Michel halten riesige, abseits gelegene Parkplätze und Shuttle-Busse die Besucher auf Distanz, in Bordeaux murren Einwohner über die anziehenden Immobilienpreise. Großstädte wie Paris, Lyon, Marseille verkraften den Touristenansturm leichter, weil es genug intaktes Stadtleben gibt, kleinere Städte mit historischen Zentren wie Avignon oder Carcassonne bekommen viel schneller Probleme.

Ungleichgewicht: Doch die Touristenströme verteilen sich nicht gleich. In Frankreich ziehen 20 Prozent der Orte 80 Prozent der Touristen an. Denn mit oder ohne Welterbe-Status – die Ernennung spielt etwa für die Strahlkraft der ohnehin schon vielbesuchten Tourismusdestination Paris keine Rolle. Zwar hatte die französische Hauptstadt eine Zeit lang mit Einbrüchen zu kämpfen, was auf die Attentatsserie 2015 zurückgeht. Nun ist Paris aber wieder gefragt und wird von Touristen überrannt – 2020 soll die Marke von 100 Millionen ausländischen Touristen geknackt werden. Zudem gerade Großstädte durch neue Bauprojekte oft in Konflikt mit den strengen Auflagen der Unesco geraten. Der Norden Frankreichs dagegen? Eher auf dem Abstellgleis, das wird ein Unesco-Label für Bergbaustätten in Nord-Pas-de-Calais nicht ändern.

Welterbe Bordeaux

Überlaufene Welterbe-Ziele: Hier ist man gut beraten, die Nebensaison zu bevorzugen oder solche Reiseziele antizyklisch zu besuchen (sehr spät oder sehr früh am Tag in der Hauptsaison). Wer in der Nebensaison zu möglicherweise günstigeren Preisen länger bleibt, trägt ebenfalls dazu bei, die negativen Folgen des Massenandrangs zu mildern.

→ Mont Saint-Michel: Die Kloster- und Festungsinsel an der Grenze zwischen Bretagne und Normandie ist mit Millionen Besuchern pro Jahr eine der wichtigsten Touristenattraktionen Frankreichs. Die fortschreitende Versandung der Bucht führte dazu, dass die Insel kaum noch vom Meer umspült wurde – ein millionenteures Projekt zur Regulierung schuf Abhilfe. Das Kloster war 966 von Benediktinermönchen gegründet worden; 1023 wurde mit dem Bau der majestätischen Abtei begonnen.

→ Carcassonne: Die befestigte Stadt im Languedoc ist die größte und beeindruckendste mittelalterliche Burganlage in Europa.

→ Schloss und Park von Versailles: Das für König Ludwig XIV. im 17. Jahrhundert erbaute Prunkschloss nahe Paris wurde zum Vorbild ähnlicher Residenzen anderer Monarchen. Beteiligt waren die größten Baumeister ihrer Zeit: Louis Le Vau, Jules Hardouin-Mansart, André Le Brun. Den Garten gestaltete André Le Nôtre.

→ Pont du Gard: Der 2000 Jahre alte und 48 m hohe römische Aquädukt ist ein beeindruckendes Beispiel technischer Meisterleistungen der Antike.

→ Höhlenmalereien im Vézère-Tal: Prähistorische Malereien besitzt Lascaux (1940 entdeckt), doch es gibt noch mehr als 20 weitere Höhlen zwischen Vézère und Dordogne. Um Schäden durch die Übernutzung durch Touristen zu vermeiden, kann von Lascaux nur eine Rekonstruktion besichtigt werden.

→ Altstadt von Avignon: Das späte Mittelalter war die Glanzzeit Avignons, als dort mehrere Päpste residierten. Der abweisende, mit dicken Mauern befestigte Papstpalast dominiert die historische Altstadt.

→ Altstadt von Lyon: Vieux-Lyon mit seinen Renaissancebauten und die klassizistische Architektur auf der Halbinsel dokumentieren die Entwicklung einer Stadt, die über Jahrhunderte große strategische und wirtschaftliche Bedeutung hatte.

→ Saint-Emilion: Mit dem Weinbaugebiet wurde eine ganze Kulturlandschaft zum Weltkulturerbe erklärt.

→ Strasbourg Grande Ile: Die von zwei Flussarmen der Ill umschlossene Grande Ile ist das historische Zentrum von Straßburg. Die Altstadt mit zahlreichen Fachwerkhäusern und der gotischen Kathedrale wurde als charakteristisches Beispiel einer mittelalterlichen Stadt zum Weltkulturerbe erklärt.

→ Hafen von Bordeaux, Port de la Lune genannt, weil die Stadt sich mondsichelförmig an der Garonne entlang zieht.

→ Römische Bauwerke in Orange: Der Triumphbogen und das Theater in Orange zählen zu den besterhaltenen römischen Bauwerken weltweit.

→ Römische und romanische Bauwerke in Arles: Einige römische Monumente in Arles wie das Amphitheater stammen aus dem 1. Jahrhundert v. Chr., andere wie die Thermen und die Nekropole Alyscamps aus einer zweiten Blütezeit im 4. Jahrhundert n. Chr. Im 11. und im 12. Jahrhundert entstand Saint-Trophime, eines der schönsten Beispiele provenzalischer Romanik.

Welterbe Lyon

Welterbe selbst entdecken

Während es ein paar Dutzend überlaufene Reiseziele gibt, sind eine ganze Reihe von Welterbestätten in Frankreich zwar keine Geheimtipps, aber doch nicht ganz so belagert.

→ Schloss und Park von Fontainebleau: Im Renaissanceschloss südöstlich von Paris übernahmen Künstler aus Italien im 16. Jahrhundert die prunkvolle Innenausstattung.

→ Kathedrale in Amiens: Nordfrankreich ist berühmt für seine mächtigen und majestätischen Kathedralen. Notre-Dame ist Frankreichs höchste Kirche und ein klassisches Beispiel französischer Gotik.

→ Zisterzienser-Abtei Fontenay: Die 1119 vom heiligen Bernhard von Clairvaux gegründete Abtei im Burgund ist das älteste noch erhaltene Zisterzienserkloster. Die Architektur ist formvollendet, aber schlicht, denn kein überflüssiger Zierrat sollte vom sakralen Zweck der Gebäude ablenken.

→ Vézelay: Die mächtige Basilika war schon im Mittelalter eine Wallfahrtshochburg auf einer der klassischen Pilgerrouten des Jakobswegs, da sich hier die Gebeine der heiligen Maria Magdalena befanden – bis später herauskam, dass die Reliquie eine Fälschung war. Berühmt ist das romanische Tympanon über dem inneren Portal. Schon 1881 wurde auf Veranlassung Viollet-le-Ducs eine Rekonstruktion für das Pariser Musée des Monuments Français (heute Cité de l’Architecture) angefertigt.

→ Saline in Arc-et-Senans: Die königliche Saline in der Franche-Comté, nahe Besançon, wurde ab 1775 von Claude Nicolas Ledoux für König Ludwig XVI. errichtet.

→ Kirche in Saint-Savin-sur-Gartempe: Die Kirche im Poitou besitzt den schönsten romanischen Freskenzyklus Europas. Die Deckengemälde schildern Szenen aus dem Alten Testament.

→ Loire-Tal zwischen Chalonnes und Sully-sur-Loire: Der unbegradigte Fluss, der längste Frankreichs, ist ein bedeutendes Naturdenkmal. Zum Weltkulturerbe gehören historische Städten an seinen Ufern und einige der schönsten Schlösser Frankreichs, beispielsweise Blois, Chambord, Chenonceau.

→ Kathedrale in Chartres: Die 1145 begonnene und nach einem Brand 1194 wiederaufgebaute Kathedrale ist ein Meisterwerk der französischen Gotik.

→ Le Havre: Die im Zweiten Weltkrieg durch Bombardierungen völlig zerstörte Stadt am Ärmelkanal wurde 1945–1964 wiederaufgebaut, nach Plänen von Auguste Perret. Sie hat eine Ausnahmestellung unter den Wiederaufbauprojekten der Nachkriegszeit als Beispiel für konsequente Stadtplanung.

→ Festungsanlagen von Vauban

→ Place Stanislas, Place de la Carrière und Place d’Alliance in Nancy: Die drei Plätze stehen beispielhaft für die im 18. Jahrhundert durchgeführte Stadtplanung.

→ Chauvet-Höhle in der Ardèche. Auch hier können Besucher nur eine Rekonstruktion besuchen, zu fragil sind die prähistorischen Wandgemälde des Originals.

→ Champagne und Burgund, auch hier zählen ganze Kulturlandschaften zum Welterbe

→ Bauten von Le Corbusier

Festung Blaye Zitadelle

Die Fotos zeigen Mont Saint-Michel, Bordeaux, Vieux Lyon und die Vauban-Festung in Blaye

Print Friendly, PDF & Email