PARIS STRASSENWEISE: RUE DU CHÂTEAU D’EAU
Château d’Eau: Ich bummle gern durch solche unspektakulären Straßen, wo man noch halbwegs Pariser »Alltag« zu erkennen glaubt. Früher, vor Jahrzehnten, war das beispielsweise die Rue Mouffetard – heute kaum noch als Einkaufsmeile für die Anwohner zu erkennen, da eine Zeitlang jeder Reiseführer die »Mouff« als pittoreske Marktstraße anpries. Und wo die Touristen erstmal sind, ziehen immer mehr Fastfood-Lokale ein, ihnen folgen die Filialisten der Burgerbräter und amerikanischen Pizzabäcker, die durch grelle Beschriftung dann auch noch die Fassaden verunstalten. Der Straßenname bedeutet Wasserspeicher. Im 19. Jahrhundert hieß die Place de la République noch Place du Château d’Eau, aber auch dort darf man sich keinen Hochbehälter vorstellen, hier stand ein Brunnen. Die Rue du Château d’Eau liegt mitten im 10. Arrondissement – das früher verrufene Bahnhofsviertel hat sich zum Trendquartier gewandelt, weil anderswo in Paris Gewerbe- und Wohnmieten Neueröffnungen von Hipster-Restaurants oder Boutiquehotels nicht mehr zulassen und selbst »DINKS« in Wohnlagen ausweichen müssen, die sie früher nicht in Erwägung gezogen hätten. Auch in der Rue du Château d’Eau hat sich jedes Mal etwas geändert, wenn ich wieder hindurchspaziere, die Gentrifizierung hat das ganze Viertel erreicht. So zog beispielsweise die Librairie Solidaire (jetzt in Nr. 27), eine ehrenamtliche Viertelsinitiative, die gebrauchte Bücher von den Anwohnern verkauft und verschenkt, aus dem eigenen Laden aus.
Afrika in Paris: In den Teil der Rue du Château d’Eau direkt bei der gleichnamigen Metrostation kommen Kundinnen und Kunden der afrikanischen und karibischen Diaspora, um sich Zöpfchenfrisuren flechten oder Extensions ins eigene Haar einarbeiten zu lassen oder Kosmetikprodukte und Perücken zu erwerben. Hier komplettiert frau ihren Look in der »onglerie« mit künstlichen Fingernägeln, erhält der trendbewusste Mann den angesagten Low Fade Haircut, den Curly Mohawk oder Short Twists. (Nur nebenbei: Etwas weiter weg bekundet das Hotel 25 Hours direkt an der Gare du Nord der afrikanischen Kultur des Arrondissements mit der Ausstattung Respekt. Wobei immer zu berücksichtigen bleibt, das Afrika ein vielfältiger Kontinent ist und kein Land…)
Marché Saint-Martin: An der Ecke zur Rue Bouchardon liegt die kleine Markthalle (Nr. 31–33), die im 19. Jahrhundert erbaut wurde, was man ihr mit Ausnahme einiger architektonischer Elemente aber kaum noch ansieht. Im Innern finden neben Obst- und Gemüse-, Käse-, Fisch- und Fleischhändler ein marokkanisches Restaurant und spanische Feinkost, es gibt Sushi und Fastfood, doch die Lage scheint schwierig, der Tante Emma-Laden mit Produkten aus Deutschland hat dichtgemacht und auch das Comptoir du Marché hatte beim letzten Besuch geschlossen (www.marchesaintmartin.com). Die Feuerwehr gleich gegenüber hält die Stellung, der noble Coworking Space von Deskopolitan gleich nebenan ist allerdings schon wieder Geschichte.
Village Saint-Martin: Bunt ist die Mischung hier im Viertel – die Anrainer der Rue du Château d’Eau kommen täglich am Trödler, Mineralien-Fachgeschäft, einer Fahrradwerkstatt und einer Kunstgalerie vorbei, am Metzger, Barbershop oder Optiker, der Comic-Buchhandlung Univers BD (Nr. 29ter, www.univers-bd.fr) und der auf Miniterrarien unter Glashauben spezialisierten Floristin Adelaide Avril (Nr. 41, https://adelaideavril.com). Zur Nachbarschaft gehören alteingesessene Lokale wie Les Etoiles, das auf frühere Zeiten als Cabaret, Theater und Kino zurückblickt, heute ein Club und Konzertsaal (Nr. 61, www.etoiles.paris). Einkehren lässt sich ebenfalls gut, einladend wirken vor allem Le Chardon an der Markthalle (www.restaurantlechardon.com) und das Bistro Les Parigots (Nr. 5, www.lesparigots.fr) fast schon an der Place de la République. Das so altmodische wie günstige Le Petit Château d’Eau (Nr. 34, https://www.restaurantlepetitchardon.com) wurde behutsam modernisiert und heißt jetzt Le Petit Chardon. Seit 2017 gibt es sogar eine Zeitung für das »Dorfleben« hier, das Journal du Village Saint-Martin (www.lejournalduvillagesaintmartin.fr). Wer Acht gibt, kann das schmalste Haus von Paris entdecken (Nr. 39), weniger als 1,50 Meter breit, das sich in einen früheren Durchgang zwischen zwei Nachbargebäude quetscht und einer Jeansboutique Raum bietet.
Urbane Verdrängung: Am längsten für eine zahlungskräftigere Klientel ist schon der Concept Store La Trésorerie vor Ort, mit Leuchten, Mobiliar, Textilien, Keramik, Glas und Küchenequipment von französischen und skandinavischen Manufakturen in zwei Läden (Nr. 8 und 11, www.latresorerie.fr). Ein paar Schritte weiter lässt Jamimi Tagesdecken, Kissenbezüge, Stoffbeutel und andere Textilien in Indien mit bunten Mustern bedrucken (Nr. 10, www.jaminidesign.com). In zwei Boutiquen bietet Poudre Organic nachhaltige Mode für Kids und Erwachsene an (Nr. 22 und 38, https://poudreorganic.fr). Ein Neuankömmling in der Straße ist die Bäckerei Mamiche, vor deren Eckladen mit knusprigen Sauerteig-Brotlaiben im Schaufenster sich stets eine Warteschlange bildet. Nach ihrem durchschlagenden Erfolg im 9. Arrondissement eröffneten die beiden jungen Gründerinnen hier ihr zweites Geschäft (Nr. 32, www.mamiche.fr). Im Gefolge solchen Wandels ist stets ein »fancy« Coffeeshop mit Rösterei dabei, hier Blondie, das der jungen Kundschaft auch Sandwiches und Salate offeriert (Nr. 27, https://cafeblondie.com). Die Pâtisserie La Tarte au Carrée fertigt statt wie üblich runder nur quadratische Törtchen in süßen und herzhaften Varianten (Nr. 38, https://latarteaucarre.com). Das Restaurant Les Resistants hat es mit moderner Bistroküche bereits als Empfehlung in den Guide Michelin geschafft und mit eigenem Lebensmittelladen gegenüber und Weinbar nebenan schon drei Adressen okkupiert (Nr. 16, 18 und 29, www.lesresistants.fr). Mit Brutus hat eine auch anderswo in Paris vertretene Crêperie eine weitere Filiale eröffnet, die sich zeitgeistig »cidrologue et crêpophile« nennt und statt auf bretonische Folklore eher auf skandinavisches Interieur und moderne Interpretation von Galette und Crêpe setzt (Nr. 27, www.brutus-creperies.com). Mit Amoi kam gerade ein neues Hotel dazu, dessen Übernachtungspreise ein deutliches Indiz für den Wandel des Viertels sind (Nr. 12, www.hotelamoiparis.com).
Paris straßenweise: Rue des Abbesses, Rue de Bretagne, Rue Gabrielle, Rue des Martyrs, Rue Montmartre, Rue Montorgueil, Rue Saint-Maur





