PARIS STRASSENWEISE: RUE DES ABBESSES

Meine Straße: In der Rue des Abbesses habe ich mal gewohnt, deshalb verbinde ich einige sentimentale Erinnerungen an diese schon länger zurückliegende Zeit, in der die »Halbhöhenlage« am Montmartre noch ein echtes Pariser Dorf war, und betrachte sie als eine »meiner« Straßen. Der Fischhändleran der Ecke zur Rue Lepic reservierte auf Wunsch ein paar Austern, der »tabac« gegenüber kannte meine Zigarettenmarke, und dass der Weinhändler etwas versteckt hinten im Laden ein paar Tische stehen hatte, an denen man gemütlich ein Gläschen trinken konnte, war nur den Anwohnern bekannt. In der steilen Rue Lepic und der Rue des Abbesses gab es alles für den täglichen Bedarf in größter Frische und Auswahl, beim Bäcker oder Metzger, Fisch-, Gemüse- und Käsehändler. Weil schon damals die Mieten exorbitant waren, jedenfalls im Verhältnis zu meinem Budget, fuhren wir weit durch die Stadt, um in Chinatown riesige, aber preiswerte Schüsseln Nudelsuppe zu vertilgen, auf die ein großes Büschel frischer grüner Kräuter und hauchdünn geschnittenes rohes Fleisch geworfen wurde – sättigend und erschwinglich. Lebensmittel kann man hier nach wie vor gut einkaufen, aber dazwischen haben immer mehr Cafés eröffnet, und die Touristen bleiben nicht mehr nur bei Sacré-Coeur und der Place du Tertre, sondern wollen auch das Café des Deux Moulins aus »Amelies Welt« sehen und ein Selfie vor der »Mur des Amoureux« machen.

Je t’aime: Die kleine Grünanlage hinter dem Jugendstil-Metroeingang (meine Blogbeiträge zur Metrostation und zu den Eingängen hier und hier) auf der Place des Abbesses ist dank Instagram wohl weltweit bekannt. Denn an der angrenzenden Brandmauer eines Gründerzeitbaus steht auf einer Kachelwand in 311 Sprachen »Je t’aime« geschrieben, ein Werk von Frédérique Baron und Claire Kito. Der Andrang junger Menschen, die sich hier fotografieren oder beim Fotografieren küssen wollen, ist stetig. Wer bei Instagram vorbeischaut, fördert eine Flut immergleicher Selfies zutage, dazwischen ein paar besonders Kreative in Unterwäsche oder Ballettpose. Weniger beachtet: Ein Teil des kleinen Square Jehan Rectus ist medizinischen Pflanzen vorbehalten. Ihren Namen verdanken die Straße und der Platz übrigens dem Kloster oben auf der Anhöhe des Montmartre, das es vom Mittelalter bis zur Französischen Revolution gab und das während dieser Zeit von 46 Äbtissinnen geführt wurde. Einen Blick wert ist die Kirche Saint-Jean-de-Montmartre gegenüber, um die Wende zum 20. Jahrhundert erbaut. Hinter der Backsteinfassade mit Mustern aus glasierten Keramikfliesen verbirgt sich eine der ersten Kirchen, die aus dem neuartigen Stahlbeton erbaut wurde.

Atmosphäre, Atmosphäre: Die Cave des Abbesses (Nr. 39) mit ihrem Hinterzimmer gibt es nach wie vor, heute stehen auch ein paar Minitischchen auf der Straße vor dem Eingang. Gleich drei Bäcker der Straße wurden schon mit dem jährlich vergebenen Preis für das beste Baguette ausgezeichnet (und beliefern dann ein Jahr lang den Elysée-Palast). Obwohl viel Zeit vergangen ist, seit ich in der Rue des Abbesses gewohnt habe, und die Straße touristischer, hipper und kommerzieller geworden ist, blieb das Flair dank einiger typischer Pariserischer Ingredienzien und der Mischung von Alltagsläden, coolen Cafés mit schönen Straßenterrassen und ein paar Restaurants, ein bisschen Street-Art (Intra LaRue gleich an mehreren, teils recht versteckten Orten, Gregos in der Passage des Abbesses und beide auch in den Seitenstraßen) und Kopfsteinpflaster, zwei, drei bezahlbaren Hotels und ein paar schicken Boutiquen, die nicht groß stören. Dazwischen zogen Eisdielen, Kosmetikmarken wie Aesop, Bioläden und Le Slip Français, die es damals noch gar nicht gab. Und ob auch in Coronazeiten donnerstags noch Jazz live im Saint-Jean auf dem Programm steht? Doch seit Ende des »confinements« (der Ausgangssperre) gibt es tagsüber oder am frühen Abend wieder viel zu gucken, die lebendige Straße lädt nicht nur zum Einkaufen ein, sondern verleitet auch zum Schlendern oder Entspannen beim Apero. Am liebsten sitze ich im Petit Montmartre oder im Sancerre, auch wenn nach mehrmaligem Betreiberwechsel sogar das schöne Mosaik an der Fassade zerstört wurde, was ich ihnen übelnehme. (Die Fotos sind aus dem regnerischen März 2020, die Sommersituation muss man sich dazudenken, oder vielleicht hänge ich noch ein paar Sommerbilder aus den vorherigen Jahren an).

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