STREET-ART IN PARIS: EMEMEM

Paris und Lyon: Ganz schön aufwendig ist die Suche nach Mosaiken des Street-Art-Künstlers Ememem. Denn in Paris fällt es doch recht schwer, ausdauernd nach unten zu schauen (obwohl das allein schon wegen der Hunde-Tretminen zu empfehlen ist). Und der ein oder andere postet zwar Fotos von Fundstücken im Internet, allerdings mit nur ausgesprochen vagen Angaben wie »beim Friedhof Père Lachaise« oder »am Canal Saint-Martin«. In Lyon dagegen kann man sich mehr aufs Finden als aufs Suchen konzentrieren, denn dort hat Ememem nicht nur deutlich mehr »Flickwerk« hinterlassen, sondern ein fleißiger Lyoner Blogger legte eine hilfreiche Karte im Internet an.

Flickwerk: Was man so an Typografie und unerwarteter Kunst auf Pariser Trottoirs finden kann, das habe ich schon in einem früheren Beitrag gezeigt. Ememem setzt die Technik des »Flacking« ein – der bislang nur unter Pseudonym bekannte Künstler flickt Löcher und Risse im Asphalt oder Bürgersteigpflaster mit Mosaiken, den Begriff dafür erfand er gleich selbst. In wenigen Jahren wurde der selbsternannte »raccommodeur de bitume, poète du trottoir, chirurgien du macadam« zum Star. Ein paar schöne Vokabeln lernt man so nebenbei, im Französischen heißen Schlaglöcher »nids de poule«, Hühnernest, »macadam« steht für Straßenbelag, Schotter, Pflaster und ein »raccommodeur« ist ein Flickschneider. Trotz Social-Media-Accounts, Website (www.ememem-flacking.net) und Galerie-Ausstellungen kultiviert Ememen bislang seine Anonymität und dokumentiert seine Vorliebe für die (ungestörte und unbeobachtete) Arbeit nachts auf Instagram (@ememem.flacking). Seit 2016 kümmert er sich in Lyon um »trottoirs maltraités«; begonnen hatte der Künstler damit eher zufällig und spontan, als er auf einer vereisten Pfütze vor seinem Atelier ausrutschte und anschließend  die Stelle reparierte. In Lyon stößt man auch zufällig auf seine Arbeiten, so viele sind es inzwischen. Seine farbenfrohen Mosaike werden längst so geschätzt, dass der »Pflaster-Chirurg« auf Einladung inzwischen auch anderswo Löcher flickt und die Orte so etwas bunter macht. Nicht nur in Frankreichs Städten wie Amiens, Biarritz, Sète, Privas, Besançon, Dole beispielsweise, auch in Aberdeen in Schottland, Pointe-a-Pitre auf Guadeloupe, in Madrid, Turin und Genua oder Stavanger in Norwegen.

Kintsugi: Den Hinweis gestattet sich Ememem selbst, seine Flicktechnik im urbanen Raum erinnert an die traditionelle japanische Reparaturmethode für zerbrochene Keramik, bei der die Risse mit Goldlack eher betont als versteckt werden. Die bunten Steinchen und Fliesen in aufwendigen Mustern bringen den anthrazit-grauen Asphalt zum Leuchten, wo vorher noch ein hässliches Loch klaffte. Da kann man sich viele schäbige oder triste Orte vorstellen, die etwas mehr Poesie und Leichtigkeit gebrauchen könnten. Und genau um »Stadtreparatur« geht es dem Künstler immer mehr, wo er anfangs den Menschen nur einen Anlass zum Lächeln geben wollte (genau wie die Frères Toqué mit ihren geschriebenen Feelgood-Botschaften den »grauen Alltag« verschönern möchten).

Mosaike: Geklebt wird in Paris wie verrückt, vorzugsweise allerdings an Wände (Clet Abraham bevorzugt Straßenschilder). Dort tauchen kleine Mosaike auf, aber auch Fotos hinter Glas, Briefmarkenbilder, Paste-up-Plakate, Sticker, Gipsabgüsse wie von Intra La Rue. Diese Vorliebe mag daran liegen, dass der sanftere Vandalismus eher toleriert wird als großflächige Murals und juristisch auch nicht so streng geahndet wie Graffiti und Stencils, weil Aufgeklebtes meist weniger beschädigt und kurzlebiger ist. In Lyon, so erzählte Ememem in einem Interview, heben selbst Polizeistreifen den Daumen, wenn sie ihn erwischen – wobei er ohnehin die Ansicht vertritt, das Flicken nicht strafbar sei. Was es für wunderschöne historische Mosaikbeschriftungen in Paris gibt, darum geht es hier. Und um die Stencils von Miss.Tic hier.

Paris Street-Art Ememem

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