LYON: DAS CONFLUENCE-VIERTEL
Schuhschachtel-Architektur: Schaut man sich deutsche Neubauviertel an, beispielsweise auf dem ehemaligen Clouth-Gelände in Köln oder fast überall anderswo, gibt es bei heutiger Architektur für Mehrfamilienhäuser berechtigte Gründe für Unbehagen. Zu beklagen sind gesichtslose, stereotype Bauten mit Flachdach und glatten Fassaden, nebeneinander gestellte Kisten, Trauerspiele einfallsloser Architektur mit Tiefgaragen, ein paar Spielplätzen und etwas Stadtgrün als unkomplizierte Erfüllung von Auflagen (und nicht mal begrünte Flachdächer sind Pflicht). Für wünschenswerte Urbanität und Harmonie im Stadtbild fehlen sowohl die Mischnutzung mit Läden und Gewerbe wie auch alternative Verkehrslösungen und Plätze mit Aufenthaltsqualität (siehe auch »Eckhäuser«) statt Straßenkreuzungen.
Stadtplanung à la française: Anders, genauer gesagt, viel radikaler läuft das in zeitgenössischen Wohnvierteln in Frankreich. Kein Gebäude gleicht dem anderen, oft wird jede Bauparzelle von einem anderen Architekturbüro gestaltet. Das kann man sich in den ehrgeizigen Stadtentwicklungsprojekten der Metropolen auf vormals industriell oder gewerblich genutzten Flächen anschauen, ob in Paris im 13. Arrondissement bei den Grands Moulins oder im 17. Arrondissement im Batignolles-Viertel auf ehemaligem Bahngelände, in Boulogne-Billancourt auf dem Renault-Gelände, in Marseille entlang der sanierten Hafenfront, in Nantes auf der großen Loire-Insel, in Bordeaux in den Vierteln flussabwärts an beiden Ufern der Garonne, in Montpellier, Lille oder eben in Lyon auf der Halbinsel südlich des Bahnhofs Perrache. Am auffallendsten sind die Vorliebe für weit vorkragende Geschosse, für Farbe im Stadtbild und für ungewöhnliche Fassadenlösungen. Wird durch lauter Solitäre ein städtisches Umfeld geschaffen, und gewinnt ein neues Quartier durch eine Kombination architektonischer »Handschriften« eine Identität? Das Entwerfen origineller Fassaden verschafft zwar jedem Bauvorhaben eine oberflächliche Eigenständigkeit, reiht sich aber nicht automatisch zu einem harmonischen Stadtbild und sagt noch nichts über die Wohnqualität. Andererseits könnte man sich an den Vorgaben Frankreichs für den Anteil an Sozialwohnungen sowie für nachhaltiges und energieeffizientes Bauen in Deutschland durchaus ein Beispiel nehmen statt über die Abschaffung bisher gültiger Vorgaben für Wohnbauten zu diskutieren. In Lyon war das ehrgeizige Ziel der Planer eine vernetzte, soziale und grüne Smart City mit vielfältigen Angeboten für Wohnen, Arbeiten, Freizeit und Kultur.
Das neue Lyon: Hinter der Gare de Perrache, dem ehemaligen Hauptbahnhof von Lyon, begann früher eine andere Welt. Bahnhof und Gleisanlagen bildeten eine Barriere zum Viertel dahinter, in dem einst Industrie, Gewerbe, zwei Gefängnisse, der Großhandelsmarkt und der Güterhafen angesiedelt waren. Auf 150 Hektar Fläche entstand und entsteht noch bis 2032 im Rahmen eines gigantischen Stadterneuerungsprojekts und unter Beteiligung vieler internationaler Architekten ein modernes Wohnquartier für rund 16.000 Menschen, dazu Einkaufszentren und Schulgebäude, Sportstätten und Grünanlagen, Büro- und Hotelgebäude, und mit den Uferpromenaden hübsche Spazierwege am Wasser (www.lyon-confluence.fr). Ein neues Stadtviertel, das die Innenstadtfläche verdoppelt, wuchs auf dem südlichen Teil der Halbinsel zwischen den beiden Flüssen Rhône und Saône, und gerade wird der Bahnhof von der Sperre zum offenen Durchgang umgebaut. Mittelpunkt des neuen Stadtteils bildet die Place Nautique mit einem weiten Wasserbecken, flankiert von Wohnbauten auf der einen Seite und einem Einkaufszentrum auf der anderen. Das Centre Commercial Confluence kommt größtenteils ohne Aircondition und dank des transparenten Dachs teils ohne Kunstlicht aus, und bietet rund 75 Boutiquen, 30 Restaurants, mehr als einem Dutzend Kinosälen, einem Spa und der höchsten Indoor-Kletterwand Frankreichs Raum.
Die Stadt von heute: Noch ist nicht alles fertig, doch ein Besuch lohnt schon länger – es entstand eine Art Mustercity modernen Bauens in Frankreich. Die Wohnarchitektur der Frontreihe am Wasser mutet wie eine Leistungsschau für Material- und Formexperimente an: Glitzernde Aluminiumfassaden wechseln sich ab mit Holz, Glas und Mut zur Farbe. Für den Masterplan von Lyon Island zeichnete das italienische Studio von Massimiliano Fuksas verantwortlich. Unter so einem weit vorkragenden Geschoss würde ich ungern einziehen (zu dunkel), aber auch nicht in die Wohnung im Vorsprung (zu fußkalt). Von Pritzker-Preisträger Jean Nouvel, der vor drei Jahrzehnten schon das Lyoner Opernhaus gestaltete, stammt ein turmähnlicher, sechzehngeschossiger Bau mit pastelligem Farbschema. Auffallend ist die transparente, fast aufgelöste Hülle des Gebäudes mit dem sprechenden Namen Ycone, die sich in den oberen Geschossen nach außen neigt. Unter den multiplen Lösungen für Balkone am besten gefällt mir die Residenz Amplia, deren faltbare Glaswände aus einzelnen verstellbaren Lamellen bestehen und so zum Lüften, Öffnen und Verschließen des Balkons vielfältig variierbar sind. Amplia ist nicht der schönste Bau im Confluence-Viertel, aber das erste Wohngebäude in Lyon, das durch ein großes Photovoltaik-Dach mehr Energie erzeugt als es verbraucht.
Büros und mehr: Das mächtige Gebäude für den Conseil régional entwarf Christian de Portzamparc, andere an Bürobauten beteiligte Architekten sind David Chipperfield, Rudy Ricciotti mit dem lattenummantelten Pavillon 52 und Odile Decq mit dem Dark Point, das Gebäude vor dem MOB-Hotel mit einer dunklen, bedruckten Glasfassade. Und am Zusammenfluss von Rhône und Saône, an der Südspitze der Halbinsel, ist das Musée des Confluences sichtbarstes Zeichen dieser Veränderung, ein spektakulärer Blickfang für Architekturfans. Tagsüber wirkt der auf Stützen errichtete dekonstruktivistische Bau mit seiner Stahl- und Glasfassade wie ein Riesenreptil oder ein gerade gelandeter Ufo, nachts wie ein leuchtender Kristall. Nach dem Vorbild des Guggenheim-Museums in Bilbao bewusst als selbstzentriertes »Signature-Building« konzipiert, wurde das von dem österreichischen Architekturbüro Coop Himmelb(l)au geplante Museum 2014 eröffnet.
Nah am Wasser gebaut: Statt beim Museum in die Tram zu springen, lohnt sich der Weg zu Fuß entlang des Quai Rambaud am Saône-Ufer, am Wochenende ein beliebtes Ziel der Lyoner für einen Sonntagsspaziergang und für Hausboote ein beliebter Ankerplatz. Wo einst im Port Rambaud Lagerhallen, Hafenkräne und Verladeflächen das Bild bestimmten, tummeln sich heute Lokale und coole Clubs, Medienunternehmen und Hipsterhotels an der neuen Uferpromenade, teils in den ehemaligen Lagerhäusern wie der Sucrerie (Zuckerspeicher) mit zwei riesigen Silos und dem Pavillon des Salins (Salzdepot), teils in grellfarbenen Kuben. Orange und grasgrün leuchten zwei Büro-Würfel mit trichterartigen »Löchern« in den Fassaden aus ornamental gelaserten Stahlblechen, beide entworfen vom Pariser Architekturbüro Jakob + MacFarlane. Zu den erhaltenen Industriebauten zählt auch der Pavillon des Douanes. Die Verladeöffnungen für die Güter des ehemaligen Zollgebäudes verwandelte Jean-Michel Wilmotte in Balkone. In einem Neubau residiert die regionale Tageszeitung Le Progrès, mit Blick auf den Jardin aquatique, einem 5000 Quadratmeter großen Wassergarten.



