PARISER DÖRFER: BATIGNOLLES

Clichy, Batignolles und Epinettes: Der Pariser Nordwesten spielt in den meisten Reiseführern keine Rolle, zu viel Sehenswertes anderswo ist auf den Buchseiten unterzubringen, und Spektakuläres gibt es hier wenig. Doch ein Spaziergang lohnt sich durchaus, das dorfartige Viertel Batignolles ist bekannt für originelle Läden, urige Bistros und den nach englischem Vorbild angelegten Park Square des Batignolles. Wir starten an der Place de Clichy und werfen noch einen Blick auf die »Quatrième Pomme« am Beginn des Boulevard de Clichy. Der stahlglänzende Apfel ersetzt – auf dem alten Sockel – ein Denkmal für den Utopisten und Kapitalismuskritiker Charles Fourier (1772–1837), das im Zweiten Weltkrieg von den deutschen Besatzern eingeschmolzen wurde. Allerdings fehlt heute die transparente farbige Einrahmung, die der Bildhauer Franck Scurti ursprünglich vorgesehen hatte.

Le Bal und Square des Deux Nèthes: Jenseits der Place de Clichy beginnt die gleichnamige Passage, die zweimal um die Ecke biegt und ihren Namen in Passage Lathuille ändert. Gleich unter dem Straßenschild ist zwischen anderer Street-Art ein Brustabguss von Intra LaRue zu zusehen. Die Passage führt zur Avenue de Clichy, rechterhand lohnt sich ein Abstecher in die Impasse de la Défense: In der Nummer 6 befand sich einst ein Cabaret, ein »hôtel d’amour« (Bordell) und ein Ballsaal. Heute befindet sich hier mit dem von Raymond Depardon begründeten »Le Bal« ein Kunstzentrum für Fotos, Video, Film, in dem Workshops für Kinder und Ausstellungen stattfinden, Bücher verlegt, Vorträge gehalten, Filme gezeigt und Debatten angeregt werden. Im zugehörigen »Le Bal Café Otto« könnte schon ein erster Zwischenstopp eingelegt werden (www.le-bal.fr). Bei einer Runde durch den Square des Deux Nèthes, die kleine Grünanlage mit Spielplatz und »jardin partagé«, lässt sich an der Brandmauer daneben ein Wandbild des Abbé Pierre entdecken. Der US-Street-Art-Künstler JonOne erschuf es 2011.

 

Rue Cavallotti und Villa des Arts: Und gleich noch ein Abstecher rechts durch die Rue Ganneron – sie trifft auf die Rue Cavallotti, deren Besonderheit die mit Motiven vom Montmartre bemalten Rolläden der Geschäfte und Lokale sind, leider teilweise besprüht und verunziert. In der Rue Hégésippe Moreau bietet sich »Le Karambole« für ein Getränk auf der Terrasse an, gegenüber verkauft der Laden »Comme en Pologne« polnische Spezialitäten von Bonbons bis Wodka und auch Kunsthandwerk. Die »Villa des Arts« mit fast 50 Ateliers versteckt sich hinter einem Gittertor, hier haben einst Maler wie Paul Cézanne, Paul Signac, Raoul Dufy und Francis Picabia an ihren Bildern gearbeitet. Leider ist das (städtische) Ensemble nur anlässlich der Journées du Patrimoine im September zugänglich. Durch die Rue Etienne Jodelle mit einem großen Wandbild von dem Duo Zag & Sìa geht es zurück zur Avenue de Clichy.

 

Saint-Michel des Batignolles: Immer die Backsteinkirche im Blick schlendern wir durch die Passage Saint-Michel, ihr Glockenturm aus den 1930er-Jahren bildet genau das Ende der Sichtachse. Der goldene Erzengel Michael ist eine Replik der Statue auf dem Klosterberg Mont Saint-Michel, beide wurden vom selben Bildhauer angefertigt. Durch die Rue Saint-Jean und die Rue Jacquemont erreicht man die Rue Lemercier. Das Lokal Bon Coin ist schon wieder eine nette Einkehradresse, und es folgen noch viele weitere, mit Les Puces des Batignolles schon die nächste an der Ecke zur Rue Legendre, der belebten Einkaufsstraße des Viertels mit hübschen Boutiquen und Fachgeschäften wie der Crèmerie du 17ème. Vorbei an der kleinen Markthalle von Batignolles geht es leicht abschüssig hinunter zum großen neuen Park Clichy-Batignolles.

Parc Martin Luther King: Auf dem ehemaligem Bahngelände entstand erst der 10 Hektar große Park, dann die Bebauung ringsherum (ZAC Clichy-Batignolles, auf 54 Hektar entstanden 3400 Wohnungen). Die Landschaftsarchitektin Jacqueline Osty, die auch schon in Rouen, Amiens, Reims, Les Sables d’Olonnes und in Lyon tätig war, stattete die Grünanlage mit Sportstätten, Skatepark und Spielplatz aus, einem Teich mit Seerosen, Schilf und anderen Wasserpflanzen und Grünanlagen nach nachhaltigen Gesichtspunkten – so wird Regenwasser aufgefangen und wurden Pflanzen mit wenig Wasserbedarf ausgewählt. Mehr als 600 Bäume, 5600 Sträucher und 200 Kletterpflanzen wurden gepflanzt und 47000 Blumenzwiebeln gesetzt – ein Bereich mit Kirschbäumen, Magnolien, Apfel- und Judasbäumen erstrahlt im Frühjahr in voller Pracht, ein anderer mit Eichen und Ahornbäumen färbt sich im Herbst in Goldgelb und Rot. Eine Passerelle überquert die (stillgelegten) Gleise der Petite Ceinture (ich habe nicht herausgefunden, warum das nicht integriert werden konnte). Die Gebäude ringsherum sind als Ökoquartier zertifiziert, so kann etwa durch Solaranlagen 40 Prozent des Energiebedarfs der Siedlung gedeckt werden. Man staunt dennoch über manche architektonischen Entscheidungen, so ist es in Zeiten des Klimawandels nicht zu verstehen, wenn Neubauten noch mit schwarzen Fassaden verkleidet werden. Und nur kurios wirkt die Idee, kleine Häuschen in die Geschosse zu setzen. Ein unscheinbares Zufahrtsträßchen wurde nach einer Frau benannt, was inzwischen in Paris selbstverständlicher geworden ist – die Allée Colette Heilbronner erinnert an eine Widerstandskämpferin (1915–1944). Die Verlängerung der vollautomatisierten Linie 14 nach Norden soll eine Entlastung des Viertels vom Autoverkehr bringen (es werden zwei neue Stationen entstehen, Pont-Cardinet und Porte de Clichy, die voraussichtlich im Dezember 2020 bzw. im Januar 2021 eröffnet werden).

 

Cité judiciaire: Der 2017 fertiggestellte Wolkenkratzer des neuen Justizpalasts steht schon nahe dem Périphérique, der Pariser Stadtautobahn, unweit der Porte de Clichy. Für das so hochhausfeindliche Paris eine erstaunliche, 160 Meter hohe Landmarke (die ursprünglich niedriger werden sollte). Der Architekt Renzo Piano, der in den 1970er-Jahren am Centre Pompidou beteiligt war, entschied sich für eine Stufenform mit drei begrünten Dachterrassen in der 8., 19. und 29. Etage. Einige Gerichte zogen hierher um, etwa das Tribunal de grande instance aus dem Palais de Justice auf der Ile de la Cité, sowie auch Teile der Bundespolizei verließen den legendären Quai des Orfèvres – allen Film noir-Freunden und Krimilesern von Malet bis Simenon eine wohlbekannte Adresse. Architekturmagazine finden überwiegend lobende Worte für dieses »neue Monument der zeitgenössischen Architektur«, das ein Symbol der Dezentralisierungsabsichten der Stadt und ihre Öffnung zu den Vororten sei. Interessant wäre, ob das auch die Menschen so sehen, die in dem Glasturm arbeiten müssen.

Cimetière de Batignolles: Wer den langen Spaziergang noch ausdehnen will, kann auch auf diesem weniger bekannten Friedhof einige prominenten Künstlern die Ehre erweisen, zum Maler Edouard Vuillard gesellen sich die Schriftsteller Paul Verlaine, Blaise Cendrars und André Breton. Oder man schlendert durch den Park zurück und gelangt durch Rue Nollet und Rue Brochant gleich zur nächsten grünen Insel im Häusermeer.

Square des Batignolles: Aus 20 Arrondissements besteht Paris und jedes der Arrondissements wiederum aus vier Quartiers – Batignolles bildet die Nr. 67 der 80 Quartiers. Die heutigen Verwaltungsgrenzen entsprechen aber nicht genau der ehemaligen Ausdehnung des Dorfs, Batignolles reichte einst bis ins heutige 18. Arrondissement (in das Quartier Les Epinettes). Noch bis zur Eingemeindung im Jahr 1860 war Batignolles eine ländliche Gemeinde jenseits der Stadtgrenze. Erstaunlich, dass gleich 1862 ein Park angelegt wurde – man würde sich wünschen, dass das in Neubaugebieten auf Stadtbrachen, stillgelegentlichen Bahnhofs- oder Industriearealen heute genauso gehandhabt würde und das Grün nicht zuletzt käme! Im Zuge des Stadtumbaus durch Baron Haussmann war der Ingenieur Jean-Charles Adolphe Alphand zuständig für die Promenaden und Parks, ihm sind all die kleinen Squares in den Pariser Stadtvierteln zu verdanken. Hier ließ er auf 1,6 Hektar künstliche Grotten mit Mini-Wasserfall, Bachlauf und einem kleinen See anlegen. In den 1880er-Jahren machte Emile Zola den Park zum literarischen Schauplatz in seinem Roman »Das Werk« (L’Oeuvre) – die Hauptfigur, der impressionistische Maler Claude Lantier, sucht hier nach »plein air«-Motiven. Seit 2007 heißt der Hauptweg im Park Allée Barbara. Die französische Chansonsängerin und Komponistin Barbara wurde 1930 in Nr. 6 der nahen Rue Brochant geboren und erlebte hier sieben Jahre ihrer Kindheit. »Perlimpinpin«, eines ihrer Lieder, bezieht sich auf den Square des Batignolles: »Pour retrouver le goût de vivre, le goût de l’eau, le goût du pain, et celui du Perlimpinpin, dans le square des Batignolles!« Übrigens heißt der »jardin partagé« im Martin-Luther-King-Park Perlimpinpin.

Place du Docteur Félix Lobligeois: Belebtes Zentrum des Batignolles-Viertels ist die Platzanlage, die sich halbkreisförmig vor Sainte-Marie des Batignolles öffnet. Die Kirche gibt sich mit Säulenvorbau und Dreiecksgiebel ganz klassizistisch wie ein Tempel. Rundherum und in der nahen Rue Brochant warten weitere Cafés, Bars und Restaurants – etwa die Kaffeerösterei Dose, die Weinbar Pignon und die »bar à fromages« Formaticus, mit Käseladen und Käsekarte im Restaurant.

Rue des Dames und Rue Biot: Als ich vor wenigen Jahren in der Rue Legendre ein Hotel als Unterkunft hatte, erschien mir das Viertel abends eher tot. Heute gilt das Gegenteil, in der lebendigen Rue des Dames finden sich sympathische Cafés, angesagte Bars und kleine Restaurants in bunter Vielfalt, und die ab 18 Uhr für den Verkehr gesperrte Rue Biot wird abends zur Ausgehmeile in direkter Nachbarschaft zur Place de Clichy. Mein Favorit: Die Caves populaires in der Rue des Dames, mit einer guten Auswahl an Weinen, Craftbeer und Aufschnitt- oder Käsetellern. Am Ende Rue Biot, wo sie sich zur Place de Clichy öffnet, sind gleich drei weiße Männer von Jérôme Mesnager zu entdecken, vereint mit den Schmetterlingen von Mosko et associés, einem gecrashten Fahrrad von Mr Ride in Peace und anderen Street-Art-Werken.

https://www.parisetmetropole-amenagement.fr/fr/clichy-batignolles-paris-17e

 

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