VERENA LUEKEN: ALTE FRAUEN

Rollenbilder: So ab vierzig Jahren etwa werden sie unsichtbar. Je älter Frauen werden, desto mehr verschwinden sie aus der Wahrnehmung. Nicht nur Schauspielerinnen klagen darüber, dass es kaum Rollen gibt, auch »in Gesprächsrunden zur aktuellen Lage sind sie rare Gäste, als Expertinnen selten gefragt«. Erst als Rekordalte tauchen sie wieder auf, wenn sie die hundert überschreiten, wie die Französin Jeanne Calmont, die 122 Jahre alt wurde. Bleibt denn nur die Rolle der freundlichen Oma, der alten Schachtel oder verrückten Nudel? Verena Lueken zeichnet mit ihren Porträts ein ganz anderes Bild. Keine der von ihr vorgestellten Künstlerinnen, allesamt über achtzig, entspricht dem reduzierten Bild, das die Gesellschaft für sie vorsieht. Für ihre Gesprächspartnerinnen ist Alter kein Verschwinden, sondern ein Aufbruch.

Späte Karrieren: Die Journalistin, über lange Jahre für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung tätig, hat mit rund einem Dutzend Frauen gesprochen, unter anderem mit den Filmemacherinnen Jeanine Meerapfel und Ulrike Ottinger, den Autorinnen Jane Campbell und Ulrike Edschmid, und mit der Malerin Carmen Herrera. Sogar den »Verpassten« gilt ein Kapitel, und tatsächlich hätte ich gern über Agnès Varda (die nach ihrem achtzigsten Geburtstag noch drei Filme drehte und mit neunzig den Ehrenoscar für ihr Lebenswerk erhielt) und Etel Adnan gelesen. Doch trotz des Titels »Alte Frauen« für die Porträtsammlung hat Verena Lueken mit ihren Interviewpartnerinnen übers Alter kaum gesprochen. Ihr Thema sind weibliche Lebenserfahrung, Ausdauer und unbeirrbare Lebendigkeit, praktisches Talent und Kreativität. Da wundert es dann kaum noch, dass auch Tänzerinnen zur Reihe der Porträtierten gehören, wo man doch denken könnte, wie Lueken schreibt, dafür sei »eine gewisse Jugendlichkeit alternativlos«. Statt dem Altern gilt ihr Interesse der künstlerischen Arbeit, und weil Lueken klug nachfragt und humorvoll schreibt, ist man als Leserin so fasziniert wie sie von ihren Gesprächspartnerinnen.