MARSEILLE: DAS NEUE HAFENVIERTEL

Meer-Wert: Unterhalb des Panier-Hügels erhebt sich die mächtige Kathedrale La Major, die Mitte des 19. Jahrhunderts im neoromanisch-byzantinischen Stil errichtet wurde. Unter dem komplett neu gestalteten Vorplatz stößt man auf die umgebauten Voutes de la Major und ein Stück weiter auf die ehemaligen Docks de la Joliette, historische Speicherhäuser, ein Vorzeigestück des neuen Marseille. Nun sollen sich auch dort, wo die Fähren nach Korsika und Nordafrika ablegen, Leben, Wohnen und Arbeiten zu einer lebendigen Mixtur verbinden und die Vorzüge einer Hafenstadt ganz neu zur Geltung kommen. »Euroméditerranée«, das größte Stadtentwicklungsprojekt Europas, umfasst als urbane Sanierungszone den ehemaligen Industriehafen der Stadt. Durch die Auslagerung eines Großteils der maritimen und industriellen Hafenaktivitäten nach Fos-sur-Mer weiter westlich blieb nur der Fährhafen an den Docks de la Joliette.

J4: Der so fotogene Vieux Port mit seinen Segeljachten und Ausflugsbooten wird eingerahmt und bewacht von zwei Festungen. Unterhalb des Fort Saint-Jean wurden die Werften und Molen des J4 benannten Hafenbereichs schon vor einigen Jahren umgestaltet. Das MuCem von Architekt Rudy Ricciotti ist bereits seit 2013  – als die Mittelmeermetropole Kulturhauptstadt Europas war – eine neue Architekturikone der Stadt. Nicht die Ausstellungen sind das Spektakulärste am Museum der Zivilisationen Europas und des Mittelmeers, sondern die Dachterrasse und die ornamentale »Häkelspitze aus Beton«, die als filigranes Netzwerk das kubische Gebäude umhüllt. In die benachbarte Villa Méditerranée, deren Architektur an ein Sprungbrett erinnert, zieht eine Nachbildung der Grotte Cosquer ein.

Les Voutes de la Major: In den beeindruckenden Gewölbehallen unter der Esplanade der neoromanischen Kathedrale gaben einst die offiziell beauftragten Wiegemeister die umgeschlagenen Waren frei. Heute sind in die renovierten Räume am Quai de la Tourette einige Restaurants, Bars und Pubs eingezogen, nicht alle haben nach dem kurzen Anlauf die beiden Pandemiejahre überlebt. Weiter geöffnet sind die Halles de la Major, kein Markt, sondern eher ein kleiner Foodcourt. Bei schönem Wetter kann man draußen auf den Stufen davor Platz nehmen.

Bassins de la Joliette: Hinter der bauchlosen Skulptur von Bruno Catalano, die an die Hafenarbeiter erinnern will, steht momentan die hässliche Betonhalle J1, der einstige Gare Maritime des Port de Marseille, noch ungenutzt abgesperrt hinter Gittern. Im Rahmen der Neugestaltung des Hafenbereichs sollen in diesem 1923 von der Société Eiffel errichteten Gebäude ein großer Freizeitbereich entstehen, mit Freibad, Spa und exotischem Garten, aber auch Platz für Co-Working, Start-ups und ein Hotel.

Les Docks de la Joliette: Vier Innenhöfe, 52 Türen, 352 Meter lang – die Speicherhäuser aus dem 19. Jahrhundert ziehen sich über eine beachtliche Länge an der Uferstraße entlang. Auch diese historischen Docks, nach Plänen des Architekten Gustave Desplaces von 1858 bis 1868 realisiert und bis Ende der 1970er-Jahre in Betrieb, wurden saniert und neu belebt, als Teil des urbanen Großprojekts Euroméditerranée. Eine zentrale Flaniermeile durchzieht das Gebäude von einem Ende zum anderen und führt auch durch die teils glasüberdachten Innenhöfe. Besonders auffällig ist die Ricard-Vertretung Mx mit Ausstellung, Shop, leuchtend-gelber Cocktailbar und absinth-grünem Restaurant, die ganz dem Pastis gewidmet sind. Selbstredend wird hier mit Pastis gekocht und gebacken, gerüttelt und geschüttelt, und in halbstündigen »Ateliers de Pastisologie« kann man sich in die Geheimnisse der Herstellung einweihen lassen. Dass auch ein Hof nach Gründer Paul Ricard benannt wurde, legt die Vermutung nahe, dass sich das Unternehmen finanziell an der aufwendigen Restaurierung beteiligt hat.

Terrasses du Port: Sogar eine Vorwerk-Filiale findet man dort unter den rund 200 Geschäften auf mehreren Ebenen, die die moderne Shoppingmall direkt gegenüber der Speicherhäuser zu bieten hat. Obwohl ursprünglich als Anlaufadresse für Kreuzfahrttouristen auf Landgang gedacht, scheint es für die Marseiller zu einem beliebten Sonntagsausflug avanciert, wenn im Rest der Stadt fast alle Rolläden heruntergelassen bleiben. Neben den großen Marken von Adidas bis Zara fehlt auch die Möglichkeit zum Futtern nicht. Oben auf der langen Aussichtsterrasse sitzt man etwa bei Dammann fast in Reichweite der riesigen Korsika-Fähren. Der Blick auf das Mittelmeer scheint auch die Marseiller jeden Tag noch zu faszinieren. An einem trüben, kalten und windigen Februartag genießen jede Menge dick eingemummte Besucher den Ausblick auf das graue Meer und den grauen Himmel – momentan sind hier nur die Stühle blau.

Tour La Marseillaise: Mit 135 Metern setzt der Turm von Jean Nouvel einen weithin sichtbaren Akzent und trägt bei zur Entwicklung einer global gleichförmigen Waterfront-Silhouette. Die Fassade des Wolkenkratzers, derzeit das zweithöchste Gebäude in Marseille nach dem Büroturm der Reederei CMA CGM von Zaha Hadid Architects gleich nebenan, wurde vom Architekten ganz in »bleu blanc rouge« gestaltet, den französischen Nationalfarben. Außer Hotels, Büro- und Gewerbeflächen entstehen in diesem Bereich auch 18.000 neue Wohnungen, die Hälfte davon ist bereits fertig. In das 1924 errichtete Getreidesilo zog ein Theatersaal ein. Und wo vorher ein Verschiebebahnhof war, soll ein 10 Hektar großer Park begrünt werden, dafür auch das in unterirdischer Kanalisation verschwundene Flüsschen Aygalades renaturiert werden.

Masterpläne für Ballungsräume: Lyon-Confluence auf der Halbinsel am Zusammenfluss von Rhône und Saône, die Plaine du Var in Nizza, Bordeaux-Euratlantique, die Île de Nantes – das sind nur einige weitere der größeren Stadtentwicklungsprojekte in Frankreich, allesamt Zeichen für die zunehmende Verstädterung und leider auch gigantische Immobilienprojekte für private Investoren – trotz aller Bemühungen, die Projekte jeweils mit Vorgaben zum Anteil an Sozialwohnungen und zur Nachhaltigkeit einen Öko-Anstrich zu verpassen. So umfasst Euroméditerranée insgesamt mehr als 1 Million Quadratmeter Büro- und rund 400.000 Quadratmeter Gewerbefläche. Was daran falsch läuft? Die Vergesellschaftung der Kosten und Privatisierung der Gewinne: Stadt und Staat finanzieren die Infrastruktur, Schulen und Kindergärten, Kanalisation und Straßen, Grünanlagen und Beleuchtung…

 

www.mucem.org, www.mxmarseille.com, www.lesvoutes-marseille.fr, www.lesdocks-marseille.com, www.euromediterranee.fr, www.lesterrassesduport.com

Marseille Hafenfront

Marseille MuCem und Villa Méditerranée

Marseille Bruno Catalan

Marseille Gare Maritime

Marseille Les Docks de la Joliette

Marseille Ricard-Bar Les Docks de la Joliette

Marseille Les Terrasses du Port

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