PARISER DÖRFER: QUARTIER DE LA GARE
Paris Rive Gauche: Hinter diesem Namen versteckt sich eine 130 Hektar große ZAC (= Zone d’aménagement concerté) östlich des Gare d’Austerlitz entlang der Seine, die bis Ivry und zum Périphérique reicht. Einem Dorf ähnelt das Quartier de la Gare, wie der Bereich rund um die Nationalbibliothek als Verwaltungsbezirk heißt, nirgendwo mehr. Lange Jahre eine große Baustelle, kann man sich heute im 13. Arrondissement anschauen, was in Paris derzeit als städtebauliche Erneuerung gilt. Seinen Namen verdankt das Pariser Quartier Nr. 50 (von 80 insgesamt) nicht dem nahen Gare d’Austerlitz, der ebenfalls gerade modernisiert wird, sondern einem früheren Flusshafen dort, wo heute die Nationalbibliothek steht.
Grands Projets: Direkt an der Seine erheben sich an den Ecken einer Art großen Podests die vier Türme der Bibliothèque Nationale de France (BNF), die an aufgeklappte, aufrecht stehende Bücher denken lassen. Das letzte der präsidialen »Großen Projekte« von François Mitterrand zog viel Spott auf sich, denn die Lesesäle wurden von dem französischen Architekten Dominique Perrault ins Dunkle unter die Erde verbannt, die 420 Kilometer an Bücherarchiven in den 80 Meter hohen verglasten Türmen dagegen mussten mit Holzverschalungen gegen Licht und Hitze durch die Sonneneinstrahlung abgeschirmt werden. Die mit Holz bedeckte Hochfläche des Podests rahmt einen Patio im Innern ein, in dem ein »Wald« mit Kiefern gepflanzt wurde. Von allen publizierten Werken müssen der Nationalbibliothek Pflichtexemplare ausgehändigt werden, sie sammelt aber auch Manuskripte und Periodika, Landkarten und Pläne, Briefmarken, Fotos, Partituren, Plakate, Websites und Multimedia-Dokumente. Ihr Bestand von 150 Millionen Dokumenten wächst jährlich allein um rund 70.000 Bücher und 250.000 Periodika. Häufig finden interessante Ausstellungen statt, zuletzt habe ich dort »Les mondes de Colette« besucht. Und zuhause nutze ich als Leserin »Gallica«, die digitale Bibliothek der BNF, dem Gutenberg-Projekt vergleichbar. Bei der Benennung der umliegenden Straßen kamen literarische Autoren zu Ehren, von Jean Anouilh über Marguerite Duras bis zu Thomas Mann. Mit René Goscinny wurde auch dem legendären Comic-Autor von Asterix eine Straße gewidmet. Die charakterischen ersten Sätze »Toute la Gaule est occupée par les romains… Toutes? Non!« liest man auf einem Straßenschild, dazu kommen Sprechblasen im Boden und an Laternenmasten.
Frigos und Grands Moulins: Gegenüber blieben die Entrepôts Frigorifiques, ehemalige Kühlhäuser erhalten, kurz Frigos genannt. Schon 1921 stillgelegt, zogen dort Anfang der 1980er Jahre Kunsthandwerker und Künstlerinnen ein. In knapp 90 Ateliers arbeiten Malerinnen und Bildhauer, Architekten und Fotografinnen, Grafikerinnen und Töpfer, Verleger, Stylistinnen, Webmaster und Instrumentenbauer (zugänglich nach Verabredung und am Tag der offenen Tür: www.les-frigos.fr). Nur der Widerstand des Kreativkollektivs verhinderte in den 1990er Jahren den Abriss.
Erhalten blieben etwas weiter östlich auch Halle aux Farines und Grands Moulins, alte Speicherhäuser und eine industrielle Getreidemühle aus den 1920er Jahren, in die 2006 ein Teil der Pariser Universitäten einzog. Via Fußgängerbrücke über den Jardin des Grands Moulins, der in der Mittagspause bei Studenten sehr beliebt ist, gelangt man zu den Gebäuden mit Hörsälen, Bibliothek und Uni-Verwaltung. Auf der Esplanade Pierre Vidal-Naque, dem Grünstreifen Richtung Seine-Ufer, stößt man auf einen quietschgelben Wallace-Brunnen (normalerweise sind sie dunkelgrün) und einen seltsamen Metallbaum, ein Werk von Nancy Rubins (geb. 1952). Die Arbeiten der amerikanischen Bildhauerin bestehen oft aus Schrottobjekten, etwa Matratzen, Flugzeugteilen, Wohnwagen, Boilern oder Fernsehgeräten – hier bei »Monochrome for Paris« sind es Aluminium-Kanus. Der Bétonsalon in der Halle aux Farines, ein Kunst- und Forschungszentrum (www.betonsalon.net), öffnet mittwochs bis samstags.
Am Quai Panhard et Levassor entlang der Seine ist ein weiteres modernisiertes architektonisches Ensemble zu entdecken – in die Hallen der Sudac, einer ehemaligen Fabrik zur Luftkompression, und zeitgenössische Erweiterungen zog die École Nationale Supérieure d’Architecture de Paris (ENSA), die Architekturhochschule.
Albern oder alltagstauglich? Ein Teil des industriellen Architekturerbes blieb also erhalten, doch rundherum ist alles neu. Unter den Wohnbauten fällt die Tour M6B2 besonders auf, mit ihrer begrünten Fassade auch »Turm der Biodiversität« genannt (Place Farhat Hached). Die Samen der an einem Drahtgeflecht wachsenden Pflanzen sollen in alle vier Winde verteilt werden. Ein Hingucker ist auch der Home Turm, ein goldenes Gebäude mit 13 Stockwerken auf der einen und 16 Stockwerken auf der anderen Seite (8 rue Nicole-Reine Lepaute). Beim Rückweg Richtung Nationalbibliothek über die Avenue de France folgen weitere mehr oder weniger einfallsreiche Bauten. Von dem französischen Architekten Rudy Ricciotti stammt die Idee für die Fassadenverkleidung mit »Zweigen« (115 avenue de France), die das Bürogebäude T8 zum Nest werden lasse. Daneben steht das von ihm ebenfalls entworfene, mit dunklem Stein verkleidete Wohngebäude, das »Troglodytenarchitektur« wie aus einem Steinblock gehauen darstellen soll. Für eine Diskussion darüber, ob die Kühnheit der Ideen für Fassaden und Materialien auch immer mit ästhetisch Gelungenem gleichzusetzen ist und funktionalen Kriterien gerecht wird, dafür bietet der Rundgang allerhand Anschauungsmaterial noch neben den erwähnten Bauten.
Tours Duo: Nach dem Bau der heftig umstrittenen Tour Montparnasse in den 1970er Jahren galt jahrzehntelang: Wolkenkratzer haben im Stadtbild von Paris nichts zu suchen. Nur in der Satellitenstadt La Défense ragen sie in immer weitere Höhen. Doch ab 2010 erschien das vertikale Bauen als Zeichen der Modernität. Der strikte Kurs wurde aufgegeben und am Rand der Innenstadt entstanden das neue Justizgebäude »Tribunal de Paris«mit 160 Meter Höhe im 17. Arrondissement und die 2021 und 2022 fertiggestellten beiden »gratte-ciel« hier im Osten. Mit 27 und 39 Etagen erreichen die Zwillingshochhäuser mit ihren gestürzten Silhouetten 122 und 180 Meter Höhe. Nach dem Duo steht gerade als letzter der Triangle des Schweizer Architekturbüros Herzog & de Meuron kurz vor der Fertigstellung, ein pyramidenförmiger, 44geschossiger Bau mit 180 Metern Höhe an der Porte de Versailles. Inzwischen gilt der Hochhausbau als ökologischer Unsinn in Paris: »Une tour, c’est tout le contraire de la moderation de notre consommation électrique«, sagt eine Stadträtin. 2023 wurde mit einem neuen »plan local d’urbanisme« (PLU) die Gebäudehöhe wieder auf 37 Meter und zwölf Etagen beschränkt, die bis 2010 in den meisten Vierteln schon einmal galt.
Halle Freyssinet: Die riesige, mehr als 300 Meter lange Halle, benannt nach dem Ingenieur Eugène Freyssinet, der sie plante, wurde bis 2006 von der Bahn für den Gütertransport genutzt. Als eines der ersten Gebäude, bei dem vorgespannter Beton zum Einsatz kam, steht die 1929 errichtete Halle seit 2012 unter Denkmalschutz. Der französische Unternehmer, Investor und Milliardär Xavier Niel erwarb die Halle und richtete darin 2017 den größten Start-up-Campus der Welt ein. Sein Projekt Station F versteht er als Gründerzentrum für Start-ups im Bereich digitaler Technologien. In einem riesigen 4500 m² großen Teil der Halle entstand mit La Felicitá zudem ein italienisches Groß-Restaurant mit verschiedenen Küchenstationen von Burger bis Pizza und einer wirklich beeindruckenden Bar.
Monde und Mode: In der Avenue Pierre Mendès bezog in Nr. 78 die Tageszeitung Le Monde ein großes, vom norwegischen Architekturbüro Snøhetta entworfenes Glasgebäude. Der Bau soll eine Brücke zwischen der Tageszeitung und ihren Lesern symbolisieren. An der Fassade stellen LEDs »den sich bewegenden Informationsfluss« dar. Solche illuminierten »Medienfassaden« im Stadtraum, zwischen Lichtinstallation, Werbefläche und Gebäudehülle, sind derzeit ein (strittiges) Thema, auch wenn der Trend in Europa noch zurückhaltender ist als in asiatischen Metropolen.
Für die Cité de la Mode et du Design, die sich als lange grüne Schlange am Wasser entlang windet, wurde ein unspektakulärer Betonbau am Seine-Ufer umgestaltet. Im Inneren und auf der Dachterrasse kamen das Institut Français de la Mode (IFM), ein Restaurant und mehrere Clubs, Hotspots der Pariser Nächte, unter.





