TYPOTRAVELETTE IN FRANKREICH: 50 ARTEN CAFÉ ZU SCHREIBEN

Klassisch: Schrift wirkt. Sie tut es mit Größe, Form, Breite, Stil… Vier Großbuchstaben, in der Typografie auch Versalien oder Majuskeln genannt, sind allerdings nicht viel. Doch selbst vier Großbuchstaben lassen sich ganz unterschiedlich gestalten. Ob gedruckt, aus Holz geschnitten, gegossen oder aufgemalt, in einer Groteskschrift ist die Aussage klar, nüchtern, schließlich wird ein Lokaltyp bezeichnet. Andererseits ist das »CAFÉ« oft Teil des Eigennamens, und dann möchte man doch individuell und wiedererkennbar sein. Angesichts der wenigen Buchstaben scheint das Mittel der Wahl eine größere Laufweite (der Buchstabenabstand) wie bei mehreren Beispielen zu sehen, etwas ausgefeilter auf der Markise des Café Noir, das mit Zweifarbigkeit, fein/fett und unterschiedlichen Schriftgrößen ein einprägsames Bild erschafft. Um sich eine gewisse Extravaganz zu gönnen, setzt das Café des Anges auf eine Schrift mit hoch angesetzten »Armen« und tiefen »Querstrichen«, das wirkt schön retro. Mir gefällt besonders die dreidimensionale Wirkung von Holzbuchstaben, doch den Aufwand solcher Beschriftung treiben nicht mehr viele Gastronomen. Singulär bleibt das Café Beaubourg mit einer Negativschrift auf der Markise, die auch das »Fleisch« zeigt, den nicht druckenden Bereich um einen Buchstaben herum (die Bezeichnung stammt noch aus dem Bleisatz, als die Buchstaben noch bewegliche, wiederverwendbare Lettern waren).

Noch klassischer: Mit Serifenschriften wirds vornehmer, erst recht in goldfarbener Ausführung. Und eleganter. Aber auch altmodischer. Das Café de l’Epoque in Paris, neben der Galerie Vero-Dodat gelegen, setzt gleich auf beides, eine Groteskschrift auf der Markise, und eine Serifenschrift auf der Fassade. Serifen sind die »Füßchen« von Buchstaben, auch An- und Abstriche genannt. Art und Form der Serifen können ganz unterschiedlich sein, weich und gerundet oder fein und in dünner Strichstärke oder betont und als wären die Buchstaben in Beton gegossen. Das Coworking Café mit den geraden, hart im rechten Winkel angesetzten Serifen wirkt klarer und strenger, dadurch auch moderner als die anderen Beispiele. Aber wenn Schrift und Ambiente so gut harmonieren wie beim Maison du Café in Bordeaux (in einer Passage aus dem 19. Jahrhundert) oder beim Café des Musées im Marais in Paris mit der ochsenblutfarbenen Fassade, darfs gerne mit Füßchen sein.

Leuchtend: Nicht wenige Cafés haben sich für beleuchtbare Schriftzüge entschieden – tagsüber nicht ganz so vorteilhaft, wenn man die Röhren gut erkennt und vielleicht auch Taubenschiss, Abnutzung und Befestigung. Für Linienleuchten oder Neonschriften eignen sich schwungvolle Schriftzüge besser als Einzelbuchstaben, denn dafür fertigten früher Neonglasbläser eigens dünne, gebogene Glasröhren, die dann mit Gas gefüllt wurden. Kein Wunder, das die Buchstaben vielerlei Verbindungen (Ligaturen) erhielten, die mit Typografie wenig zu tun haben – auch in den Beispielen zu sehen. Der älteste Vorläufer von Lichtreklame sind Schriften aus Punktleuchten (Glühbirnen) – die des Café Loustic im Marais gefiel mir so gut, dass ich sie schon mehrfach fotografiert habe, sie ist allerdings hipster-neu. Heute werden Leuchtschriften mit LEDs gefertigt und der Neonglasbläser ist ein aussterbender Beruf.

Pixelig: Steinchen für Steinchen ergibt einen Buchstaben, je kleiner das Material, umso präziser der Schriftzug. Die wunderbaren Mosaikschriften, die es in Frankreich an vielen Gebäuden noch zu entdecken gibt, habe ich in einem eigenen Blogbeitrag vorgestellt.

modern: eines meiner absoluten lieblingsbilder aus paris: während es im café mitten im zentrum der metropole, nahe der place de l’odéon, ums sehen und gesehen-werden geht, verkürzt sich der chauffeur der schönen und reichen die wartezeit in der limousine mit einem (guten?) buch. dass so ein café für »tout paris« auf kleinschreibung setzt, kann zufällig sein. vielleicht soll es aber auch assoziationen an literatur wecken, denn wo sonst arbeiten autoren konsequent mit kleinschreibung? schließlich befinden wir uns hier in saint-germain, dem viertel der verlage, intellektuellen und literatencafés. auch das interieur des cafés gibt sich mit gut gefüllten bücherregalen literarisch. was sich das café de la poste bei der verklecksten schreibmaschinenschrift gedacht hat, liegt auch nahe – wie war das noch, wurden nicht früher noch briefe geschrieben? dass ausgerechnet eigennamen klein geschrieben werden, ist allerdings auffällig, schließlich wird ihnen selbst in jenen sprachen ein großer anfangsbuchstabe zugestanden, die alle andere wörter klein schreiben.

Einfallsreich: Um sich unter den unzähligen Cafés der französischen Metropole abzuheben, verfällt der ein oder andere Cafébesitzer auch auf ausgefallene Typovarianten. Da darfs dann schon mal zweifarbig werden, radikal modern oder das Gegenteil – im Elsass kann man mit frakturartiger Schrift offensichtlich noch punkten. Das Grizzli-Café in Paris hat sich eine Schrift mit extrem kurzen »Armen« beim F und E ausgesucht – ob das zum schönen Ambiente passt? Bei mir weckt es Assoziationen zu Ketchup und Burgerbuden… Vorher / Nachher ist beim angesagten Pause Café im Bastille-Viertel von Paris kein Thema – ungewöhnliche Typo ist Pflicht, mal mit seitenverkehrtem »a«, mal mit Punkt hinter der gerundeten Schrift. Das FL-Café dagegen setzt auf »bleu-blanc-rouge« und ein Wortspiel: Eiffel spricht man im Französischen FL.

Filigran: Meine Nachzügler unter den Fotos haben sich für sehr feine Schriften entschieden und fallen damit aus der Reihe, doch das mag daran liegen, dass die Beschriftung nicht von der Hauptfassade stammt. So ganz repräsentativ sind sie also nicht. Ob das Café des Phares mit seinen dicht gedrängten Buchstaben und extrem verringerter Laufweite eine Aussage treffen will, wer weiß? Dicht gesät sind allerdings weder Leuchttürme (phares) noch Philosophen…

 

Typografie überall! Schriften und Beschilderungen sind allgegenwärtig und prägen Orte auf subtile und doch eindrückliche Weise. Wer durch Frankreichs Städte oder Dörfer streift, wandert durch Jahrhunderte des geschriebenen Worts. In den Straßen, auf Verkehrsmitteln, Ladenschildern, den Fassaden von Cafés und Restaurants, auf Mauern und Werbeplakaten: Jede Stadt hat ihre ganz eigene urbane Typografie. Selbst in Metropolen wie Paris, wo klassizistische Gemäuer auf immer mehr reflektierende Glasfassaden treffen, vermischen sich verblasste oder verwitterte Schriftzüge, Leuchtreklamen mit Kultstatus, Mosaikschriften, historische Stadttypografie, traditionelle Restaurant- und Ladeninschriften mit urbaner Street-Art und Graffiti, Neon-Zeichen und Werbeplakaten, modernen Markensignets und Leitsystemen zur Orientierung oder Texttafeln. Die Typografie im Stadtbild spiegelt die Geschichte Frankreichs auf eine ganz eigene Art wider und vereint dabei nostalgischen Retro-Charme mit stetem Wandel. Jeder Schriftzug erzählt dabei eine Geschichte, lässt Epochen und Moden erkennen. Leider immer seltener: Durch das Verschwinden älterer Buchstaben und Beschilderungen aus dem Stadtbild gehen auch Erinnerungen verloren… Schriftzüge verschwinden nicht nur aus dem Blick, sondern auch aus unserem Bewusstsein. Und durch den wirtschaftlichen Erfolg großer Konzerne und Ketten sind leider in immer mehr Städten nur dieselben Schriftzüge und Logos zu sehen.

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