PARISER DÖRFER: CHARONNE

Déconfinement: Der Guardian zählt das (aus touristischer Sicht) abgelegene Pariser Stadtviertel Charonne zu den »ten coolest neighbourhoods« des Jahres 2020. Was man auch immer von solchen Rankings hält, neugierig macht diese Einschätzung doch, also habe ich mich gleich am zweiten Tag der Lockerungen, als man auch aus den EU-Ländern wieder nach Frankreich einreisen durfte, auf den Weg nach Paris gemacht. Im 20. Arrondissement im Nordosten von Paris zählt eigentlich nur der große Friedhof Père Lachaise zu den Sehenswürdigkeiten im klassischen Sinn. Vielleicht ist der ein oder andere Street-Art-Fan schon durch Belleville gestreift, doch Charonne liegt am anderen Ende des recht großen Arrondissements. Hier mischen sich HLM (sozialer Wohnungsbau in Form vielgeschossiger Hochhäuser), flache Gewerbebauten, niedliche Puppenhäuschen, moderne Architektenhäuser und sogar erste Ecoquartiers (mit nachhaltigem Anspruch). Gentrifizierung light? In Paris erreicht das Problem teuren Wohnens längst den letzten Winkel.

Rue des Vignoles: Der Straßenname erinnert noch daran, dass es einst im 1860 eingemeindeten Dörfchen Weinberge gab. Geradezu ländlich-bukolisch wirken auch all die schmalen, von viel wucherndem Grün und Topfpflanzen gesäumten Sackgassen, die von der Rue des Vignoles abzweigen. Dabei entstanden die hübschen kleinen Häuser in der Impasse Poule, Impasse Bergamo oder Impasse Satan Ende des 19. Jahrhunderts als Arbeiterquartiere im Zuge der Industrialisierung und Bebauung dieses Viertels. Heute sind sie begehrte Immobilien, auch wenn man sich wundert, wie viele Pariser der urbanen Wohnumgebung solche Provinzidylle vorziehen. Gleich drei Möglichkeiten, einzukehren, bietet die Straße, die Biokantine La Petite Fabrique (Nr. 15) machte am 16. Juni nach Corona-Sperre gerade wieder auf, in der begrünten Laube des Restaurants Les Mondes Bohèmes (Nr. 31) drängte sich die Mittagsklientel schon wieder wie eh und je, und auch auf der schönen Terrasse des Bistros 20emeArt war kein Platz mehr frei. Der kleine Platz unter Bäumen ist aber auch wirklich eine kleine Pause wert. Wie auch der Jardin Casque d’Or gleich dahinter, mit einem Jardin partagé für die Anwohner. Benannt wurde die Grünanlage nach der von Simone Signoret verkörperten Gangsterbraut Marie, wegen ihres blonden, hochgetürmten Haars »Goldhelm« genannt, in dem Film von Jacques Becker (1952).

Paris La Petite Fabrique Charonne

 

 

Paris Charonne 20e

Place und Rue de la Réunion: Donnerstags und sonntags belebt sich der runde Platz, wenn in der Mitte ein Wochenmarkt stattfindet. Als Boxenstopp nach dem Einkauf dient das »Café sans nom«, das weder einen Namen noch eine Website braucht. Den runden Brunnen in der Mitte haben Schüler des Viertels mit unzähligen bunten Punkten verziert, nachdem die Putten knallgelb gestrichen worden waren. Übrigens sind der Platz und die gleichnamige Straße nicht nach der Insel Réunion benannt, sondern weil hier Teile von Charonne vereint wurden, die zuvor durch die Mur des Fermiers généraux, die Pariser Zollmauer, getrennt waren.
Die Rue de la Réunion führt bis an den Friedhof Père Lachaise heran und endet dort als kleine Sackgasse. Der Jardin Naturel Pierre Emmanuel vor der hohen Mauer des Friedhofs bietet Pflanzen, die in der ländlichen Ile de France heimisch waren, ein Zuhause. Damit der Garten seinem Namen gerecht wird, bleiben Teich, schattiges Unterholz und eine Blumenwiese sich selbst überlassen und werden nur ab und zu gestutzt.

Rue de Bagnolet: Die befahrene Straße bildet die nördliche Grenze des Charonne-Viertels. Viele Geschäfte und Galerien hatten noch zu, doch bald werden sie wohl wieder öffnen, die Kaffeerösterei L’Escargot d’Or (Nr. 53), die Weinhandlung Au Bon Vingt mit Schwerpunkt Naturweinen (Nr. 52) oder die Galerie La Botica (Nr. 69). Die schönen Backsteinvillen an der Rue de Lesseps verstecken sich hinter hohen Mauern, vernachlässigt wirkt dagegen die Gare de Charonne (Nr. 102), einst einer der Bahnhöfe der Ringbahn an der Petite Ceinture. Mehr als zwei Jahrzehnte (bis 2017) war darin die Flèche d’Or ein legendärer Pariser Konzertsaal. Einen Blick auf die Petite Ceinture erlaubt die andere Straßenseite: die Caféterrasse des Hotels Mama Shelter (Nr. 109) grenzt direkt an die Bahnbrache, von der ein anderer Teil weiter nördlich (zwischen Rue des Couronnes und Rue de Ménilmontant) schon wieder zugänglich gemacht wurde. Das Pariser Mama Shelter, 2008 eröffnet, war das erste einer ganzen Reihe Hotels, die auf Instagramability, wohnliche Lobbys, bunte Restaurants und Rooftop-Bars, die auch die Locals ins Hotel ziehen, und erschwingliche Übernachtungspreise setzen. Das sehr erfolgreiche Lifestyle-Konzept bewährt sich auch in Bordeaux, Marseille und weiteren Städten Europas. Nachbarin des Hotels ist die moderne Médiathèque Marguerite Duras (Nr. 115).

Saint-Germain-de-Charonne: Das historische Zentrum des Dorfs Charonne bildet die Kirche, die aus erhöhter Lage quasi auf ihre Schäfchen blickt, mit ihrem kleinen Friedhof dahinter, wie es im Mittelalter üblich war. Während solche Begräbnisstätten anderswo fast überall aufgelöst und die Toten in die Katakomben umgebettet wurden, sind die Kirche von Charonne und Saint-Pierre de Montmartre die einzigen in Paris, deren umfriedete Kirchhöfe noch existieren. Der Turm ist der älteste Teil des sonst gotischen Bauwerks aus dem 15. Jahrhundert – er stammt noch von der Vorgängerkirche aus dem 12. oder 13. Jahrhundert und lässt Saint-Germain recht wehrhaft wirken. Die stabile Statur täuscht, weil der Untergrund Probleme machte, musste die Kirche über mehrere Jahre aufwendig statisch saniert werden. Besonders gut gefielen mir die modernen Bleiglasfenster von Pauline Peugniez (1890–1987), einer französischen Glasmalerin, die mit ihren Kirchenfenstern wesentlich zur Erneuerung der sakralen Kunst beitrug und auch Fenster für Notre-Dame und Saint-Médard schuf. Sie arbeitete meist eng mit ihrem Mann Jean Hébert-Stevens, dessen Schwester Adeline Hébert-Stevens und deren Ehemann Paul Bony zusammen, alle Glasmaler, sodass sich nicht immer exakt feststellen lässt, wer die Kartons zeichnete und wer an der Herstellung der Fenster beteiligt war. Auch einen Filmauftritt hatte die Kirche schon, im Film »Au bon beurre« (1981) nach einem Roman (1952) von Jean Dutourd über die Zeit der deutschen Besatzung von Paris im Zweiten Weltkrieg. In Nr. 21 der Rue Saint-Blaise befindet sich die (fiktive) Crèmerie des Ehepaars Poissonnard, und während die Kunden vor dem Laden Schlange stehen, ist die Kirche im Hintergrund kurz sehen.

Rue Saint-Blaise: Leicht abwärts zieht sich die Rue Saint-Blaise von der Kirche den Hügel hinunter, und heute bummelt man an hübschen Hutläden, Ateliers, Kunstgalerien und Cafés vorbei. Gleich neben der Galerie Lithium prangt auf einer roten Haustür ein Motiv von Jerôme Mesnager. Seine weißen Männer, im Osten von Paris recht häufig zu entdecken, sind inzwischen so prominent, dass der Street-Art-Künstler auch für Auftragsarbeiten verpflichtet wird und Werke in Galerien verkauft. An der Place des Grès beeindrucken nicht nur zwei riesige Magnolien über der Terrasse des sinnigerweise »Le Magnolia« betitelten Lokals, es lohnt sich auch, gegenüber in den Eingang zu schauen und das gelb-schwarze Kachelkunstwerk von Françoise Schein in Augenschein zu nehmen.

 

Marguerite Duras: Was Marguerite Duras mit dem 20. Arrondissement zu tun hat, habe ich nicht in Erfahrung bringen können, vielleicht ist der Name der Mediathek auch nur dem politischen Willen geschuldet, den auffälligen Mangel an Frauennamen in Paris zu beheben und mehr Plätze, Straßen und Gebäude nach ihnen zu benennen. Bemerkenswert ist aber doch, dass im Gegensatz zu Deutschland, wo sie geschlossen werden, in Paris neue Stadtteilbibliotheken eröffnen. Neben der Médiathèque Marguerite Duras, der größten öffentlichen Ausleihbibliothek, sind das die Bibliothèque Louise Michel, ebenfalls im 20. Arrondissement, und die Médiathèque Marguerite Yourcenar im 15. Arrondissement.

Barbara: In der Rue Vitruve (Nr. 50) hat die Chansonsängerin, Komponistin und Musikerin Barbara (1930–1997) gelebt, von 1946 bis 1959 sagt die Erinnerungsplakette. Ganz stimmen können die Zahlen nicht, da Barbara ab 1950 in Brüssel lebte, aber vielleicht blieb ihre Mutter dort wohnen. Jedenfalls muss es für die jüdische Familie ein Aufatmen gewesen sein, nach Kriegsende endlich wieder ein Zuhause zu haben, nachdem sie sich vor der Verfolgung durch die Nazis jahrelang von Versteck zu Versteck retten musste. Als Barbara (ihr Künstlername, geboren als Monique Serf) zehn Jahre alt war, floh sie mit ihren Eltern und Geschwistern aus dem besetzten Teil Frankreichs, immer häufiger wechselten die Stationen, und als wäre die Flucht und kein Zuhause nicht genug Leid für ein Kind, kam auch noch der Missbrauch durch den Vater hinzu. Berühmt machten sie eigene Chansons wie »Gottingen«, aber auch Versionen der Kompositionen von Jacques Brel und Georges Brassens. Gewürdigt wurde die Sängerin schon mit einer Briefmarke der französischen Post (leider nicht mehr zu Lebzeiten), einer »Allée« (siehe unten) im Batignolles-Viertel und demnächst wird eine Metrostation nach ihr benannt (die noch im Bau ist).

Françoise Schein: Über die Gestaltung der Metrostation Concorde durch Françoise Schein habe ich hier schon berichtet. Das ganze weiß gekachelte Gewölbe ist mit Buchstaben versehen, insgesamt rund 44.000 – die Deklaration der Menschen- und Bürgerrechte der französischen Revolution, freilich ohne Leerstellen, ohne Punkt und ohne Komma. Auf den ersten Blick ein Meer von Buchstaben. Doch wenn man auf die U-Bahn wartet, bemerkt man, dass hier ein Wort ist, und da, dann entdeckt man immer weitere. »Demokratie braucht Anstrengung, man muss sie lernen wie das Lesen, und immer wieder neu lernen.«, hieß es dazu von Françoise Schein in einem Interview der Wiener Zeitung.

Auf Deutsch gibt es leider wenig Infos über die »Menschenrechtskünstlerin«, obwohl sie in Bremen den Garten der Menschenrechte und in Wien den Vorplatz des Museumsquartiers gestaltete. Im Rhododendronpark in Bremen sind alle 30 Artikel der UN-Menschenrechtserklärung von 1948 auf einem zehn Zentimeter breiten und insgesamt 600 Meter langen begehbaren Bronzeband dauerhaft in die Erde geschrieben. Die Aktion steht im Zusammenhang mit dem internationalen Projekt »Inscrire – die Menschenrechte schreiben«. Mittlerweile hat Schein weitere U-Bahn-Stationen gestaltet – in Brüssel, Berlin, Lissabon und Rio de Janeiro – und viele partizipative Kunstprojekte initiiert, beispielsweise in Brasilien mit 1000 Schülern aus den Favelas die Metrostation Luz in Sao Paolo. Auch im Charonne-Viertel beteiligten sich Hunderte von Anwohnern aus dem Quartier Saint-Blaise an der Gestaltung. »Le Buisson Cartographique« wurde ebenfalls auf Kacheln gebrannt und 2012 auf beiden Seiten des Eingangs von Nr. 44 der Rue Vitruve angebracht.

Boulevard de Charonne: Weil in Paris so wenig Straßen nach Frauen benannt sind, wurden die Alleen im Mittelteil in den letzten zwei, drei Jahren mit neuen Namen versehen, Allée Maya Surduts (Aktivistin für Frauenrechte 1937–2016), Allée Neus-Català (katalanische Bürgerkriegskämpferin, 1915–2019), Allée Maria Doriath (Widerstandskämpferin und Aktivistin für Frauenrechte 1913–2005). Ein erster Schritt, den Gender Gap zu verringern, doch ganz zufriedenstellend nicht, denn frau wünscht sich doch weniger marginalisierte Orte. Statt nur unbeachtete Pseudo-Straßen und abgelegene Außenbezirke nach großen Frauen zu benennen, wäre es mutiger, auch Innenstadtstraßen umzubenennen.

 

 

Action Light

Le Buisson Cartographique

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