NEUE SACHBÜCHER IM FRÜHJAHR 2026
Buchmesse Leipzig: Im März findet in Leipzig wieder die große Buchmesse statt, ein wichtiger Frühjahrstreff der Buchbranche und mit »Leipzig liest« ein noch größeres Lesefest (www.leipziger-buchmesse.de). Kritikerinnen der Zeitungsfeuilletons und Buchblogger, TV- und Rundfunk-Journalistinnen begleiten das vielfältige Programm mit Besprechungen von Novitäten und Gesprächsrunden mit Autorinnen und Verlagsmenschen. Die unendlich große Produktion an Romanen und Lyrik, Thrillern und Romantasy, Kinderbüchern, Ratgebern oder Graphic Novels habe ich nicht gesichtet, sondern mir nur aus den Herbstvorschauen der Verlage Sachbuchtitel vorgemerkt, die ich lesen möchte. Eine Auswahl, die zwar meinen ganz persönlichen Interessen folgt, deren Autorinnen und Autoren ich aber eine große Leserschaft wünsche. Alle Zitate stammen aus den Vorschautexten.
Feminismus: Wer gern Bücher von klugen Frauen liest, kann sich auf Funkenschwestern von Barbara Blaha (Molden, Februar) freuen. Die Österreicherin spricht seit Jahren auf Bühnen darüber, was es heißt eine Frau zu sein, in ausverkauften Vorstellungen. Jetzt hat sie ein Buch darüber geschrieben, »warum ökonomische Fragen immer auch feministische Fragen sind«, in dem sie persönliche Geschichten mit Zahlen, Fakten und Studien verbindet.
Und Silke Burmester versteht ihr Buch Leuchten jetzt! (Ullstein, August) als Einladung an »lebenserfahrene Frauen«, gesellschaftlichen Wandel zu schaffen. Wer Jahrzehnte Erfahrung, Netzwerke und den Mut zur Veränderung mitbringe, sei »nicht am Ende, sondern am Anfang der interessantesten aller Lebensphasen«.
Antje Schrupp nennt den gegenwärtig zu beobachtenden Backlash Postpatriarchales Chaos (Aufbau Verlag, Februar). Heute basiere Macht »auf dem Recht des Stärkeren, physischer Gewalt, ökonomischer Überlegenheit und Willkür«. Feministische Strategien müssen darauf reagieren, fordert die Politologin und Journalistin, und entwirft in ihrem Buch »Perspektiven für einen zukunftsorientierten, konstruktiven Feminismus, dessen oberstes Anliegen eine freiheitliche Gesellschaft ist«.
Gegenwartsthemen: »Tax the rich!« könnte man mit einer Kurzformel zusammenfassen, worum es Gabriel Zucman in Reichensteuer (Suhrkamp, Februar) geht. Der französische Wirtschaftswissenschaftler forscht seit Jahren zum Thema Steuergerechtigkeit. »Gerade diejenigen, so sein Befund, die ein im wahrsten Sinne des Wortes unvorstellbares Vermögen angehäuft haben, leisten oft keinen angemessenen Beitrag zur Finanzierung öffentlicher Kassen. Das ist nicht nur ein Problem für die Staatsfinanzen, sondern auch eine eklatante Verletzung des Gleichheitsgrundsatzes.« In seinem neuen Buch erläutert er, wie eine Steuer für Superreiche funktionieren kann – auch in Deutschland.
Ein »prophetischer Essay« sei der Text von Aldous Huxley 1946 gewesen, deshalb wurde Zeit der Oligarchen (Hanser, bereits erschienen) nun wiederaufgelegt. Klarsichtig beschreibe der britische Autor eine »Tech-Oligarchie« und »geopolitische Machtspiele« in Zeiten gesellschaftlichen Umbruchs, »während Demokratie und Solidarität leiden«.
Der Frage nach der »Architektur demokratischer Räume« geht Jan-Werner Müller in Straße, Platz, Palast (Suhrkamp, Mai) nach. In seinem Buch verknüpft der Politikwissenschaftler die »Geschichte von Städtebau und politischem Denken« – eine Tour d’Horizon von der antiken Agora über Planstädte bis zu Parlamentsgebäuden.
Ökologie: Unter der Vielzahl an Neuerscheinungen zu Klima- und Umweltschutz widmet sich ein Buch dem (so wichtigen) Stadtgrün: Claudia Acklin zeigt in Grüne Städte (Oekom Verlag, Januar) an rund einem Dutzend Beispielen von Paris bis Vancouver, wo »die Transformation bereits gelingt«, Städte lebenswerter und widerstandsfähiger zu machen, etwa durch begrünte Dächer, urbane Landwirtschaft oder als Schwammstadt.
Mit Acker, Baulücke, Deponie startet David Bröderbauer zu einer Erkundungstour durch Brachland (Matthes & Seitz, März). Der Biologe und Autor arbeitet im Botanischen Garten der Universität Wien und nimmt uns mit – als Teil der schönen Naturkunden-Reihe – auf zwölf Etappen in Bahnviertel, auf Zechenareal, Truppenübungsplatz und anderswo, um die »Vielfalt unbekümmerten Lebens« im »scheinbar unbedeutenden Raum zu erkunden, sein Nischendasein zu würdigen und seine widerständige Schönheit zu entdecken«.
Geschichte: Dass deutsche Großunternehmen im Dritten Reich an den Verbrechen des NS-Regimes beteiligt waren, ist längst bekannt, »nicht aber das Ausmaß ihrer Komplizenschaft«, dem Peter Hayes in seinem Buch Geschäfte im Schatten des Holocaust nachgeht (C.H.Beck, März). Der us-amerikanische Historiker zeichnet anhand von 120 Firmen ein »erschütterndes Bild« des Zusammenspiels von »führenden Figuren des deutschen Wirtschaftslebens« mit den Machthabern.
Um den Zeitraum des NS-Regimes geht es auch Theresa Ehret in Annexion und Alltag (Wallstein, Mai) über das »Elsass unter nationalsozialistischer Herrschaft 1940–1944/45«. Als differenziertes Bild will die Autorin darstellen, was es bedeutet, in einem annektierten Gebiet zu leben (das schon zuvor ein Zankapfel zwischen Deutschland und Frankreich war).
Eher skeptisch werde ich mir Die Buchhandlung der Exilanten von Uwe Neumahr ansehen, über die Buchhandlungen von Sylvia Beach und Adrienne Monnier in Paris (C.H.Beck, Februar): »Aus der literarischen Oase im Herzen der Stadt wird ein Zufluchtsort für deutsch-jüdische Exilanten und ein Ort des Widerstands.« Wie seine damit höchst erfolgreichen Kollegen Wittstock und Illies erzählt er retrospektiv von der Emigration in Frankreich zur Zeit der Naziherrschaft in Deutschland auf der Basis von autobiografischen und biografischen Texten und Materialien, was nur dann etwas bringt, wenn man nicht die Quellen selbst schon gelesen hat.
Spezialisten: Dass ihn außer Inseln auch Brücken faszinieren, motivierte Gavin Francis zu Eine kurze Geschichte der Verbundenheit (DuMont, Mai). Der schottische Arzt und Sachbuchautor erkundet reale und metaphorische Brücken und nimmt Leserinnen und Leser mit auf eine Reise durch rund zwanzig Länder – von der Engelsbrücke in Rom und der Rialto-Brücke in Venedig über Bosporus und Öresund bis zur Brooklyn Bridge in New York und zur Harbour Bridge in Sydney.
Sehr speziell, doch interessant erscheint mir auch das Thema Grüner Wohnen, das sich »Pflanzenkulturen um 1800 und um 1900« widmet und mit Stefanie Freyer, Christiane Holm und Julia Schmidt-Funke drei Herausgeberinnen hat (Wallstein, April). »Die Beiträge erschließen ein breites Spektrum an Raumformaten und Genres, von Bau- und Möbelformen wie Wintergärten und Blumentischen über Interieurbilder und Musterbücher, Herbarien und Tapeten bis hin zu literarischen und musikalischen Aneignungen, Gärtnereitraktaten, kunstphilosophischen Essays, medizinischer und pädagogischer Fachliteratur.«
Keine Materialkunde eines Gebrauchsgegenstands ist Nehmt Scheren von Juliane Vogel (Konstanz University Press, April). Der Literaturwissenschaftlerin geht es in ihren »Ansichten eines Werkzeugs im Zeitalter der Collage« um künstlerische Verfahren in Text und Bild.
Bereits erschienen: Schon im November erschien Die Deutschen und die Natur (Propyläen, 2025) von Birgit Aschmann. Die Historikerin will im Blick auf das 19. Jahrhundert »die Wurzeln des heutigen, oft widersprüchlichen Umgangs mit der Natur« freilegen. Im Fokus dieser spannungsreichen Beziehung stehen »der deutsche Wald, der deutsche Rhein«, Industrialisierung und Umweltschutz, Geschlechterordnung und »Rassenkonzepte«.
Bislang übersehen hatte ich auch Agnès Varda von Carrie Rickey (Henschel Verlag, 2025), eine Hommage an die »Filmemacherin, Künstlerin, Feministin«. Die Biografie der us-amerikanischen Filmkritikerin erzählt vom Leben der vielfach ausgezeichneten »Wegbereiterin der Nouvelle Vague und des Independent-Films«, von ihren Begegnungen und Freundschaften, der Ehe mit Jacques Demy, den professionellen Anfängen und »den Stationen einer großen Karriere« bis zur Verleihung des Ehrenoscars an Agnès Varda.
Ebenfalls bereits lieferbar ist Paris als Exil, in dem Felix Philipp Ingold die Einwanderung aus Russland 1910 bis 1940 thematisiert, als es Maler, Musiker, Dichter und Philosophen aus Osteuropa an den »Tummelplatz der künstlerischen Moderne« zog (Arco Verlag, 2025). Bisher habe sich noch keine Gesamtdarstellung »diesem faszinierenden Kosmos« gewidmet – einer »Parallelgesellschaft wie zuvor schon in Berlin.« Der Schweizer Schriftsteller und Publizist lässt das russische Paris »mit all seinen Facetten und Widersprüchen noch einmal aufleben: geistige Höhenflüge und Existenznöte, künstlerische Kooperation oder Konkurrenz, erbitterte Feindschaften und Verbrüderungen.«