DAVIS BRÖDERBAUER: ACKER, BAULÜCKE, DEPONIE
Ein Brachenatlas: Mit »Acker, Baulücke, Deponie« startet David Bröderbauer zu einer Erkundungstour durch Brachland. Der Biologe und Autor arbeitet im Botanischen Garten der Universität Wien und nimmt uns mit auf zwölf Etappen in Bahnviertel und Baulücken, Zechenareal und Truppenübungsplatz, Kiesgrube und Abfalldeponie, um die »Vielfalt unbekümmerten Lebens« im »scheinbar unbedeutenden Raum zu erkunden, sein Nischendasein zu würdigen und seine widerständige Schönheit zu entdecken«. Jedem Kapitel ist ein Pflanzenporträt beigesellt, vom Besenkraut über Klatschmohn bis zum Schilf.
Terrain vague: Im Französischen wie im Englischen wird sprachlich genauer unterschieden zwischen verödetem Land (la friche und wasteland) und Ackerbrachen (la jachère und fallow). Wie wichtig Ackerbrachen für die Bodenqualität sind, macht Bröderbauer gleich im ersten Kapitel deutlich: »War der Ackerboden ausgelaugt und wucherte das Unkraut zu stark, ruhte das Land nicht einfach«, sondern er wurde mehrmals umgepflügt und der Kot von Weidetieren eingearbeitet, eine »arbeitsintensive Methode, deren Darstellung als ungestörte Ruhephase ein falsches Bild vermittelt. Dabei zerstört die industrialisierte Landwirtschaft mit ihren Praktiken die eigene Grundlage: Kunstdünger hilft gegen ausgelaugte Böden und Bodenerosion keineswegs, die Landwirte bringen so viel auf den Äckern aus, »dass de Bodenfruchtbarkeit sogar darunter leidet« (Seite 21). Doch lässt der Autor das populistische Argument der Landwirte und anderer unwidersprochen, Äcker dürften nicht brachliegen und jede Fläche müsse genutzt werden, »um die wachsende Weltbevölkerung zu ernähren« (Seite 20). So lange auf 60 Prozent der Äcker weltweit Tierfutter angebaut wird, folgt diese Argumentationsweise leider der Lobby der Agrarindustrie.
Kenntnisreich: Doch viel mehr als das Kulturland interessieren den Biologen sich selbst überlassene Naturräume. »Brachen sind die Krähen unter den Landschaften«, nicht selten das Resultat von Übernutzung und Zerstörung, schreibt der Autor, doch gerade sie bieten vielen Pflanzen und Tieren Lebensraum. Mit seinen Streifzügen will er den Blick seiner Leserinnen und Leser schärfen, im »Unkraut« der Pflasterritze und im Gestrüpp der Baulücke nicht nur fehlende Pflege und Zeichen des Verfalls zu erkennen. »Brachen sind keimende Wildnis«, heißt es im Epilog, »oft die einzige, die uns noch bleibt.«
Naturkunden: Die renommierte, von Judith Schalansky herausgegebene Reihe »Naturkunden«, die im Berliner Verlag Matthes & Seitz erscheint, kam hier schon mehrfach vor, als Streifzug durch »Verlassene Orte« oder Bände über »Farne«. Zu den Pflanzen porträtierenden Titeln gehören etwa die Bände zu Birken, Tannen, Kakteen und Hanf, einige mehr sind Tieren gewidmet. Auch dieser Titel ist wieder ansprechend gestaltet, mit grasgrünen Fußnoten, grünem Vorsatzpapier, der gut lesbaren Typo Hercules und eingezogenen Zwischenüberschriften.
David Bröderbauer: Acker, Baulücke, Deponie. Ein Brachenatlas, Matthes & Seitz, Berlin 2026