CARRIE RICKEY: AGNÈS VARDA
Independent-Kino: Im Sommer 1979 habe ich »L’une chante, l’autre pas« (Die eine singt, die andere nicht) im Kino gesehen, und 1992 »Jacquot de Nantes«, also beide Filme, als sie recht neu waren und offensichtlich schnell einen Verleih für Deutschland gefunden hatten. Es gab noch keine Mediatheken, für die Filme von Jean-Luc Godard, Claude Chabrol, Marguerite Duras, Louis Malle, Coline Serreau, Bertrand Tavernier, François Truffaut oder Eric Rohmer ging man ins Kino – selbst Raymond Depardon habe ich im Kino entdeckt. Auch Carrie Rickey erinnert sich noch genau, wann sie den ersten Film von Agnès Varda gesehen hat: 1971 wurde in einem Studienseminar an ihrer kalifornischen Universität »Cléo – Mittwoch zwischen 5 und 7« gezeigt. Wie für die amerikanische Filmkritikerin steht Varda für mich am Anfang cineastischer Entdeckungen, ebenso wegen ihrer unverwechselbaren Film- und Bildsprache wie als »Feministin von Geburt an«, als die sie sich verstand.
Cinécriture: Agnes Varda wurde 1928 geboren und wuchs erst in Belgien, dann in Südfrankreich auf. Sie war Fotografin, ehe sie Mitte der 1950er Jahre ihren ersten Film drehte, der später als Geburtsstunde der »Nouvelle Vague« galt. Als erste Frau wurde sie 2015 beim Filmfestival in Cannes mit der Goldenen Palme für ihr experimentierfreudiges Lebenswerk ausgezeichnet, als erste Regisseurin erhielt sie 2017 einen Ehren-Oscar. Bekannte Schauspielerinnen und Schauspieler standen bei ihr vor der Kamera, Catherine Deneuve, Jane Birkin, Philippe Noiret, Sandrine Bonnaire beispielsweise. In mehr als sechs produktiven Jahrzehnten blieb Vardas Kino immer erfinderisch, vielgestaltig, eigensinnig und offen für Formen, Formate und Gattungen, immer blieben die Übergänge zwischen fiktionalem Erzählkino und Dokumentation fließend.
Dokumentarfilmerin: Neben Kurz- und Spielfilmen bleiben Vardas Dokumentarfilme in besonders eindrücklicher Erinnerung. Sie denke sich keine Geschichten aus, die Themen drängten sich ihr auf, hat sie in einer Masterclass mal präzisiert. Vardas künstlerische Neugierde galt der Street-Art ebenso wie den Black Panthers; mit »Daguerreotypen« porträtierte sie die Ladenbesitzer in ihrer Pariser Straße, in »Visages/Villages« (Augenblicke: Gesichter einer Reise) ging es, zusammen mit dem Künstler JR im Transporter unterwegs, um Menschen im ländlichen Frankreich. Bestes Beispiel für das sozialpolitische Engagement der Filmemacherin, ihr Interesse an Menschen und ihre Solidarität, ist ihr Film über Restesammler, über Menschen, die aus existenzieller Not von dem leben, was andere wegwerfen. Auf den Stoppelfeldern bücken sie sich nach zurück gelassenen Kartoffeln, in den Vorstädten durchwühlen sie die Müllcontainer der Supermärkte, auf den Wochenmärkten klauben sie liegengebliebenes Obst und Gemüse. Mit einer leichten Digitalkamera schließt sich Varda ihnen an.
Leben und Laufbahn: In ihrer Biografie zeichnet Rickey mit viel Feingefühl und Sympathie die Lebensgeschichte dieser Künstlerin nach, von den Fotoarbeiten der 1950er Jahre, die selbst Fans oft nicht kennen (zuletzt im Pariser Musée Carnavalet in einer Ausstellung zu sehen), über mehr als vierzig Filme bis zum posthum veröffentlichten Ciné-Memoir »Varda par Agnès« (2019). Es geht um Freundschaften und Familie ebenso wie um politisches und feministisches Engagement, um Hollywood und Cannes, um Budgetprobleme und die eigene Produktionsfirma, um den Wandel vom Zelluloid zum Digitalen und zur Medienkunst. Als Biografin schildert Rickey auch, wie oft Varda und ihr »wegweisendes und bahnbrechendes Werk« zunächst unterschätzt oder übersehen wurde, in einer Zeit, als Regie fast ausschließlich Männersache war. Als Varda 2019 starb, lag mehr als ein halbes Jahrhundert Arbeit hinter ihr, inzwischen anerkannt durch unzählige Ehrungen.
Carrie Rickey: Agnès Varda. Filmemacherin, Künstlerin, Feministin, übersetzt von Bert Rebhandl, Henschel Verlag, Leipzig 2025
