STEFANO MANCUSO: DIE PFLANZEN UND IHRE RECHTE

Unappetitliches aus der Massentierhaltung: Immer häufiger wird die kritische Frage gestellt, ob Hochleistungsrassen tierschutzwidrig seien. Mit Nachdruck wird darauf verwiesen, dass man für mehr »Tierwohl« nicht nur auf die Bedingungen bei Haltung im Stall, Transport und Schlachtung achten, sondern schon bei der Züchtung beginnen muss. Auf immer mehr Ertrag gezüchtete Hochleistungsrassen sind auf der Wiese und ohne Kraftfutter gar nicht mehr überlebensfähig. Masthähnchen erreichen ihr jeweiliges Schlachtgewicht in »Kurzmast« durch rasantes Wachstum, können sich aber gar nicht mehr bewegen. Durch ihre Bewegungslosigkeit sind sie verletzungs- und krankheitsanfälliger, was wiederum den Einsatz von Antibiotika steigen lässt. Ende des 19. Jahrhunderts legte ein Huhn gerade mal 80 Eier im Jahr, heute sind es 300. Schweine werfen immer mehr Ferkel und legen am Tag (!) bis zu einem Kilo Gewicht zu, eine Hochleistungskuh gibt heute dreimal soviel Milch wie noch vor 50 Jahren.

Zuchtfortschritt? Anlässlich meines Blogbeitrags über Erdbeeren habe ich mich gefragt, welchen Einfluss auf Umwelt, Biodiversität und Artensterben wohl Hochleistungspflanzen haben? Und ob es irgendwo Menschen gibt, die sich über Pflanzenwohl Gedanken machen? Die Züchtung hybrider statt samenfester Sorten beispielsweise habe ich hier im Zusammenhang mit der »Urmöhre«, Tomaten und Kräutern schon mehrfach thematisiert. Doch es geht um mehr, überall arbeiten die Pflanzenzüchter unter Hochdruck an der Steigerung von Ertrag, Haltbarkeit und »Qualität«: Da sind bei den Rebsorten die PIWI-Varianten gefragt, die widerstandsfähiger gegen Krankheiten, Schädlinge und Klimawandel sind. Da versprechen sogenannte remontierende, also mehrfach tragende Erdbeeren mehr Umsatz. Wenn der Trend bei den Verbraucher:innen zu »alten« Sorten geht, ist die Saatgutindustrie gleich zur Stelle. Weil Menschen gern Süßes essen (und dank der Lebensmittelindustrie immer mehr darauf gepolt sind) werden Möhren immer süßer, Bittersalate sind nicht mehr bitter. Über Weizen, »unser Brotgetreide Nummer eins«, verkündet das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) triumphierend: »Dass unsere heutigen Qualitätssorten hohe Erträge erbringen und zugleich den Anforderungen von Bäckern und Verbrauchern genügen, ist kein Zufall: Kornertrag und Backqualität sind eigentlich negativ korreliert. Intensiver Züchtungsarbeit ist es zu verdanken, dass wir seit den 1970er-Jahren über ertragreiche Weizensorten mit höchster Backqualität verfügen.« Dabei machen Fachärzte und Ernährungswissenschaftlerinnen gerade diese Sorten für wachsende Unverträglichkeiten verantwortlich (und nicht Gluten: Forschungen deuten darauf hin, dass die als natürliche Insektenabwehrstoffe bekannten alpha-Amylase-Trypsin-Inhibitoren (ATI) eine Rolle spielen. Sie kommen in Hochleistungsweizen verstärkt vor, um höhere Erträge zu erzielen.). Längst werden auch alte Kulturpflanzen wie Einkorn oder Emmer »für eine erfolgreiche ackerbauliche Nutzung züchterisch bearbeitet«.

Wer kennt die Genschere? Winterfestigkeit, Dürreresistenz oder Hitzeverträglichkeit beispielsweise sind bei der Bewältigung des Klimawandels sicher verdienstvolle Ziele. Doch wie ich fühlen sich viele Menschen nicht ausreichend über Gentechnik und Pflanzenzüchtung informiert. Laut einer Umfrage im Auftrag des Bundesverbands Deutscher Pflanzenzüchter (BDP), so heißt es im bereits erwähnten Text des BMEL, sind es drei Viertel der Befragten: »Während Kreuzung und Auslese überwiegend als notwendig für die Entwicklung neuer Pflanzensorten angesehen werden, hält über die Hälfte der Befragten Gentechnik für eine verzichtbare Methode.« Ich ergänze: Qualität und Fortschritt in der Züchtung müssen sich zudem mehr am Pflanzenwohl orientieren als an den Wünschen der Agrarindustrie nach lukrativen Geschäften. Pflanzenwohl???

Pflanzenwohl! Mit seinem neuen Buch »Die Pflanzen und ihre Rechte« hat Stefano Mancuso ein engagiertes Plädoyer dafür vorgelegt, mehr Wertschätzung für Pflanzen aufzubringen und die Biodiversität zu erhalten. Dafür fehle bislang vor allem das Wissen über diese größte Gruppe von »Lebewesen« auf unserem Planeten – trotz des Wirbels um Wald und die Heilkraft der Bäume in den letzten Jahren. Dabei ist ohne Pflanzen ein Überleben weder für Tiere noch für Menschen möglich. Unbedachte Eingriffe in natürliche Zusammenhänge seitens des Menschen können unabsehbare Folgen haben, denn das ökologische Beziehungsgeflecht zwischen den Arten ist komplex. »Durch die rücksichtslose Ausbeutung greift des Planeten greift der Mensch so tief ins natürliche Gleichgewicht ein, dass er eines der schlimmsten Massenaussterben in der Geschichte des Lebens ausgelöst hat.« (Seite 82) Nicht nur Menschen und Tiere, auch Pflanzen sollten Rechte haben, ergreift der Biologe Partei, nicht zuletzt, um das Überleben unserer eigenen Spezies zu sichern. Eine seiner Forderungen lautet, die Rechte der Pflanzen in die Verfassungen aufzunehmen. In Deutschland haben einige Kommunen wie beispielsweise Köln sogenannte Baumschutzsatzungen, Gesetze zum Schutz von Bäumen mit einem bestimmen Stammdurchmesser und von Baumgruppen und Alleen. Weltweit herrscht zwar Konsens darüber, dass Regenwälder möglichst nicht weiter großflächig zerstört werden sollten, doch ist bislang wohl die Schweiz das einzige Land, das in seiner Bundesverfassung auch von der »Würde der Pflanzen« spricht. Doch herrscht auch dort Unsicherheit darüber, was eine Achtung der Pflanzenrechte konkret bedeutet. Die eigens eingerichtete Eidgenössische Ethikkommission kam vor allem zu dem Schluss, dass man mit dieser Forderung Neuland betritt.

Lasst die Pflanzen ran: An einem der Vorschläge Mancusos, um die CO2-Konzentration in der Atmosphäre zu reduzieren, gefällt mir besonders die Radikalität. Es gehe nicht nur darum, die Abholzung der Wälder zu stoppen, sondern darum, »jede geeignete Oberfläche des Planeten mit Pflanzen zu bedecken«. Auch und gerade in den Städten, und dort nicht nur in Parks, Gärten, Alleen und Blumenbeeten, sondern »buchstäblich überall«. »Die Regel muss lauten: Wo eine Pflanze überleben kann, sollte auch eine wachsen.« Der renommierte Pflanzenforscher ist Professor an der Universität Florenz – und das 2021 bei Klett-Cotta erschienene Buch nicht sein erstes. Bereits »Die Intelligenz der Pflanzen« (2015, mit Alessandra Viola, Kunstmann Verlag) machte ihn einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Obwohl Pflanzenzüchtung und Nutzpflanzen nicht eigens thematisiert werden, dürfte Mancuso von hybriden, also nicht vermehrungsfähigen Einwegpflanzen sicher abraten. Denn zur Intelligenz der Pflanzen gehört ihre unfassbare Fähigkeit, »sich fortzubewegen und ihr Verbreitungsgebiet zu erweitern«, indem ihre Nachkommen »Generation um Generation immer neue Gebiete erobern«.

Stefano Mancuso, Die Pflanzen und ihre Rechte, Klett-Cotta, Stuttgart 2021

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