PARIS STRASSENWEISE: VILLA SEURAT
Avantgardistische Architektur: In den 1920er Jahren entstanden in Paris immer mehr »villa« oder »cité« genannte Privatstraßen mit unterschiedlich gestalteten Einfamilienhäusern. Oft setzte sich ihre Klientel aus Künstlern und Anhängern der Avantgarde zusammen – so auch in der Villa Seurat, einer ruhigen Sackgasse im 14. Arrondissement. Der Architekt André Lurçat (1894–1970) errichtete in dieser einzigartigen Künstlersiedlung acht Atelierhäuser. Den Auftrag für das erste Haus in Nummer 4, das seit 1975 unter Denkmalschutz steht, kürzlich restauriert wurde und zu besichtigen ist, erhielt er von seinem älteren Bruder. Jean Lurçat (1892–1966) war damals ein anerkannter Maler, der später Wandteppiche entwarf und sich als Erneuerer der Tapisserie einen Namen machte (in Angers ist ihm ein Museum gewidmet). Es folgten die Häuser in Nummer 3 und 3bis für die Maler Marcel Gromaire (1892–1971) und Édouard Goerg (1893–1969), letzteres mit sanft geschwungener Fassade und breiten Fensteröffnungen in den Obergeschossen, sowie bis 1926 noch fünf weitere Gebäude. Trotz der beengten Lage der Reihenhäuser und im Rahmen der vorgegebenen Maximalhöhe von 12 Metern entstand ein homogenes Ensemble kubistischer Baukörper. Für André Lurçat, der sein Studium in Nancy und Paris während des Ersten Weltkriegs wegen der Einberufung zur Armee unterbrechen musste, es erst 1919 fortsetzen konnte und 1923 abschloss, war dieses Projekt der professionelle Einstand. Die Verwirklichung seiner architektonischen Ideen neuen Bauens und der Kontakt zu Protagonisten der Avantgarde wie Adolf Loos, Robert Mallet-Stevens, der de Stijl-Gruppe oder Le Corbusier trugen dem jungen Berufsanfänger schon 1926 eine Einladung zur Eröffnung des Bauhauses ein wie auch zur Ausstellung »Französische Kunst der Gegenwart« in Wien und etablierten den Franzosen in der europäischen Architektur-Avantgarde.
Kosmopolitische Kunstszene: Das Atelierhaus Nummer 7bis schräg gegenüber aus dem Jahr 1926, in dem die in der Ukraine geborene Bildhauerin Chana Orloff (1888–1968) lebte und arbeitete, entwarf der französische Architekt Auguste Perret. Mit seiner Backsteinfassade und roh belassenem Sichtbeton unterscheidet es sich von den glatten verputzten Oberflächen seiner Nachbargebäude. Orloff hatte gleich zwei Parzellen erworben, für die benachbarte, erst 1931 erbaute Nummer 7 beauftragte die Bauherrin den jungen Zeev Rechter, den sie in Palästina kennengelernt hatte. Die Künstlerin, wegen des frühen Tods ihres Ehemanns alleinerziehende Mutter, war in den 1920er Jahren vor allem wegen ihrer Porträtbüsten gefragt; so hatte auch Auguste Perret sie mit einem Konterfei beauftragt (mehr zur Besichtigung ihres Ateliers hier). Im von Deutschen besetzten Paris des Zweiten Weltkriegs wollte die inzwischen eingebürgerte Bildhauerin zunächst nicht wahrhaben, dass sie als Jüdin in Frankreich bedroht war, dem Land der Französischen Revolution und der Menschenrechte. Gerade noch rechtzeitig vor der »rafle du Vel’ d’Hiv« gewarnt, der größten Festnahme von Juden in Paris, die tagelang im Wintervelodrom eingesperrt wurden, konnte sie 1942 mit ihrem Sohn über Lyon und Grenoble in die Schweiz flüchten. Als sie 1945 aus dem Exil zurückkehrte, fand sie ihr Atelier geplündert und verwüstet vor.
Schon 1931 kam Henry Miller (1891–1980) kurz in Nummer 18 bei Bekannten unter und begann den »Wendekreis des Krebses«, doch erst ab 1934 wohnte der amerikanische Autor für mehrere Jahre hier und schrieb mit »Wendekreis des Steinbocks« ein weiteres Buch. Der amerikanische Schriftsteller erinnert sich an das kreative Biotop: »The whole street ist given up to quiet, joyous work. Every house contains a writer, painter, musician, sculptor, dancer, or actor. It is such a quiet street and yet there is such activity going on, silently, becomingly, should I not say reverently too?« (Remember to remember, New York 1947).
Im selben Haus logierte ab 1937 der belarussische Maler Chaim Soutine (1893–1943), der schon seit Jahrzehnten mit Chana Orloff gut befreundet war. Zuvor hatte er häufig den Ort seiner Ateliers gewechselt, unter anderem in der »Ruche« gelebt, einer ärmlichen Künstlerkolonie mit einer Vielzahl von Ateliers, wie auch in der Cité Falguière am Montparnasse. Die materielle Not Soutines endete mit dem Ankauf von mehr als 50 seiner Gemälde durch den amerikanischen Kunstsammler und Museumsgründer Albert C. Barnes im Winter 1922/23. Zwar hatte der heute gefeierte Maler damit nicht dauerhaft ausgesorgt, doch die Verkäufe und die Preise seiner expressiven Werke stiegen. Wie Orloff war Soutine unter der deutschen Besatzung gezwungen, außerhalb von Paris Zuflucht zu suchen.
Weiterlesen: In der Zwischenkriegszeit war Frankreich stand als Ziel der Immigration an erster Stelle, noch vor den Vereinigten Staaten. Die Zahl der anderthalb Millionen Einwanderer, registriert von der Volkszählung im Jahr 1921, wuchs auf 2,89 Millionen im Jahr 1931. In diesem Jahr erfasste das »recensement« 80 Bewohnerinnen und Bewohner, darunter je zehn Personen aus Russland und der Schweiz, sieben aus Amerika und zwei aus Australien, eine Schwedin, ein Belgier, ein Chilene und ein Argentinier (»Villa Seurat«, Seite 2). Nur die bekannteren Künstlerinnen und Künstler habe ich oben erwähnt. Für das Buch zur »Villa Seurat« (siehe unten), herausgegeben von Catherine Kessedjian, wurde – soweit das möglich war – für jedes der Häuser ermittelt, wer dort im Lauf der Zeit gelebt hat. Um nur ein paar der Frauen zu nennen: die in Kairo geborene Malerin Amy Smart (1898–1974), die an Gala und Salvador Dalí untervermietete, die polnische Bildhauerin und Malerin Sarah Lipska (1882–1973) kaufte ein Grundstück, ließ es aber nicht bebauen, sondern verkaufte es wieder, die Tänzerin und Choreographin Muriel Jaër (1930–2021), dann in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Malerin, Dichterin, Keramikern und Illustratorin Andrée Schlegel-Vilar (1916–2009), deren Werk lange unbekannt blieb, die Illustratorin und Malerin Lise Le Cœur (1942–2020), die Schweizer Dokumentar-Filmemacherin Carole Roussopoulos (1945–2009), die Malerin Yvonne Grauer (1916–1996), die Malerin und Keramikerin Josette Bournet (1905–1962), der in Saint-Félix in der Auvergne ein Museum gewidmet ist – eine sehr unvollständige Auswahl. Wer französische Texte lesen kann, für den ist das zum 100jährigen Bestehen der Villa Seurat erschienene Buch eine reich bebilderte Fundgrube.
Ateliers-Musées Chana Orloff: 7bis Villa Seurat, www.chana-orloff.org
Maison Atelier Lurçat: 4 Villa Seurat, www.maisonatelierlurcat.fr
Villa Seurat. 100 ans pour une impasse ouverte au monde, hrsg. von Catherine Kessedjian, Éditions Lelivredart, 2025



