LE HAVRE: BAUEN MIT BETON

Moderne am Meer: Trotz des großen zeitlichen Abstands bleibt die Hafenstadt zwangsläufig mit dem Zweiten Weltkrieg verbunden. Denn als Frankreich von Deutschland besetzt war, zerstörten die Luftangriffe durch die Alliierten im September 1944 das ganze Stadtzentrum von Le Havre. Ihre Bomben ließen nur Trümmer zurück, rund 10.000 Gebäude lagen in Schutt und Asche, 5000 Menschen waren gestorben, 80.000 obdachlos. In der Nachkriegszeit entwickelte Auguste Perret (1874–1954) ein modernes Stadtkonzept für den Wiederaufbau, dem er einen großzügigen Rastergrundriss zugrunde legte. Eine historische Rekonstruktion war es nicht, nur einige Straßenachsen wie Rue de Paris, Avenue Foch und Boulevard François Ier, die das »Triangle monumental« bilden, und Gebäude wie das Hôtel de Ville oder die Markthalle lagen am selben Ort wie zur Vorkriegszeit. Auf einer Fläche von rund 150 Hektar wurde die Innenstadt von Le Havre neu erschaffen: »Une impression de rhythme et d’unité se dégagera de la ville, qui ne sera pas un amas informe de demeures disparates, mais un ensemble urbain, organique et vivant«, so das Leitbild des französischen Architekten. 1945 wurden zunächst Notunterkünfte errichtet, doch schon im Jahr darauf war der Plan Perrets beschlossen und unter seiner Leitung begann der Wiederaufbau, wobei ihm eine ganze Gruppe von knapp hundert jungen Architekten zur Seite stand. Er dauerte zwei Jahrzehnte, erst 1965 wurden die letzten Baulücken geschlossen.

Konstruktiver Klassizismus: Die Entwürfe von Auguste Perret für den Wiederaufbau sind geprägt vom dialektischen Verhältnis zwischen Architektur und seriell vorgefertigten normierten Elementen, klassischer Formgebung und modernen Baumethoden, Sichtbarkeit der Konstruktion und den ästhetischen Möglichkeiten. Voraussetzung dafür war die Erfindung eines neuen Baumaterials, des Eisenbetons, der universell einsetzbar und zugleich preiswert war. In die Betonmasse werden Eisengeflechte als Armierung eingelegt, die so die Tragfähigkeit verstärken. In der Ingenieursausbildung war Frankreich dabei Vorreiter, schon Ende des 19. Jahrhunderts wurden an der Ecole polytechnique Vorlesungen über Eisenbeton gehalten. Die Baupläne basieren auf einem städtebaulichen Rastermaß von 6,24 Meter, es galt für Straßen- und Blockbreiten wie für Länge und Tiefe der Bauten. Einige der Erdgeschosse waren für Läden des täglichen Bedarfs geplant, darüber gab es ein Zwischengeschoss als Lager. Im Innenraum tritt das Stützenraster nicht in Erscheinung, nach außen dagegen umso mehr: »Eine Stütze nicht zu zeigen ist ein Fehler. Eine Stütze zu simulieren, wo konstruktiv keine Stütze notwendig wäre, das ist ein Verbrechen.« (Auguste Perret). Sichtbar bleibt das Bauskelett, und die konsequente Trennung von tragenden und füllenden Bauteilen sorgt für rhythmisch gegliederte Fassaden. Sie wirken aber durch die gestalterische Oberflächenbehandlung des Betons oder zugemischte Materialien nicht eintönig, auch die Bauhöhen und die Anordnung der Balkone, Loggien, Treppenhäuser und Fenster variieren, dem Leitsatz »diversité dans l’unité« folgend.

Weltkulturerbe: Der 74 Meter hohe Rathausturm überragt die niedrigeren Bauten Perrets, zwei Hochhäuser flankieren auch die »Porte Océane«, dort wo die 80 Meter breite Avenue Foch als grüne Achse auf den Strandboulevard mündet. Die sachliche Architektur aus Stahlbeton in Fertigbauweise galt lange als unattraktiv. Doch das war der Zeit geschuldete Ansichtssache. Der Blick von heute erkennt im Zentrum von Le Havre eines der herausragenden Bauensembles der 1950er Jahre, das seit 2005 zum Unesco-Weltkulturerbe zählt. Die Häuser schimmern in Beige- und Rosetönen, wenn die Sonne darauf scheint, belebt noch vom Gelb der Markisen und Jalousien, die Straßen sind viel breiter als üblich – solche visionäre Stadtplanung kann man heute nur beneiden. Und sowohl die Grundrisse der Wohnungen mit ihren durchdachten Details und viel Licht durch bodentiefe Fenster wie auch die Anlage zahlreicher Durchgänge und grüner Innenhöfe im Blockinnern setzen bis heute Maßstäbe. In den 1960er Jahren, nach dem Tod Perrets als maßgeblichem Architekten, kamen noch der lichte Museumskubus des Musée d’art moderne André Malraux hinzu und die zentrale Markthalle mit ihren beiden kreuzförmig angeordneten Gewölbedächern.

Spirituelle Farbenlehre: Wie ein New Yorker Wolkenkratzer der Art-Deco-Jahre wirkt der markante Turm der Kirche Saint-Joseph, der als höchstes Gebäude von Le Havre 107 Meter in die Höhe ragt. Ein »Leuchtturm« ist er auch dank seiner 12.768 mundgeblasenen Buntglasfenster, überwältigend der Eindruck im immens hohen Innenraum, den das farbige Glas in allen Farben scimmern lässt. Die Malerin und Glaskünstlerin Marguerite Huré (1895–1967) gilt als diejenige, die der Abstraktion für die Gestaltung von Kirchenfenstern den Weg bereitete. Nach ihrem Kunststudium in Paris wandte sie sich in den 1920er Jahren der Glaskunst zu (1923 schuf sie in Zusammenarbeit mit Auguste Perret die »gläsernen Mauern« von Notre-Dame de Raincy; und der Architekt baute ihr Atelier in Boulogne-Billancourt). Für die Kirche Saint-Joseph verabschiedete sie sich selbst von geometrischen Motiven, um nur noch auf Farbe zu setzen. Auswahl und Anordnung der Buntglasscheiben sind jedoch nicht zufällig, sondern sowohl der Farbensymbolik verpflichtet wie auch den Überlegungen des Atelier d’art sacré, einem französischen Kollektiv von Künstlern, dessen Ziel es war, religiöser Kunst moderne Formen jenseits traditioneller Ikonographie zu geben. So steht etwa das Blau der Nordseite für die Jungfrau Maria. Von unten aufsteigend werden die kräftigen Töne immer heller und durchscheinender.

Appartement temoin: Bei der Anordnung der Gebäude in den sogenannten »îlots« wurde größter Wert auf ein »maximum d’ensoleillement« für alle Wohnungen gelegt. Oft erlaubt es zudem der flexible Grundriss, den Wohnraum und weitere Zimmer durch Falttüren zu einem durchgehenden Raum zu verbinden, der dadurch Licht von beiden Seiten erhält. Besucher können sich in einer Musterwohnung vom hohen Wohnstandard und der funktionalen Aufteilung überzeugen. Vor dem Zweiten Weltkrieg hatte noch kaum jemand Badezimmer und WC in der Wohnung, zentral organisierte Heizung und Müllentsorgung gab es nun sowie in der Einbauküche Edelstahlspüle, Kühlschrank und Elektroherd. Zahlreiche Einbauschränke machen klobiges Mobiliar überflüssig (Anmeldung für Führungen im Maison du Patrimoine).

Le Havre Auguste Perret

Le Havre Front de mer Auguste Perret

Le Havre Kirche Saint-Joseph Auguste Perret

Le Havre Auguste Perret

Le Havre Auguste Perret