CHARLOTTE PERRIAND: EIN BILDBAND UND MEHR

Design-Pionierin: »Wir besticken hier keine Kissen«, soll Le Corbusier gesagt haben, als Charlotte Perriand sich in den 1920er-Jahren nach ihrem Innenarchitektur-Studium für sein Atelier bewarb. Diesem Vorurteil sahen sich auch die Bauhaus-Frauen ausgesetzt, die schneller in die Weberei-Klasse abgeschoben wurden, als sie Piep sagen konnten. Und wie die Bauhaus-Kolleginnen wollte die 1903 in Paris geborene Französin nicht nur einen kreativen Beruf, sondern auch dieselben Freiheiten wie Männer – kurze Haare und Hosen tragen, auf Berge klettern und Ski fahren, die Welt erkunden. Sie reiste nach Moskau und Griechenland, Japan und Brasilien, und der ablehnend-skeptische Le Corbusier arbeitete dann doch mit der selbstbewussten jungen Frau zusammen – sehr zu seinem Vorteil.

Eine unabhängige Frau: Laure Adler, eine französische Kulturjournalistin, die auch Marguerite Duras und Hannah Arendt schon Biografien gewidmet hat, verbindet in ihrem Bildband einen biografischen Essay über das Leben der visionären Designerin mit vielen Bildern aus dem Archiv der Tochter Pernette Perriand. Mehr noch als der Text vermitteln die vielen bisher unbekannten Fotografien einen Eindruck von der Lebensfreude und Abenteuerlust dieser sehr sportlichen, modernen Frau, einer Feministin vor der Zeit. So inhaltsreich und interessant der biografische Essay auch ist, ich musste kämpfen beim Lesen, zu sehr irritiert, dass »Charlotte« immer beim Vornamen genannt wird und im Präsens »findet, glaubt, erinnert, fühlt…«! Fazit: Ein bemerkenswerter, schön ausgestatteter Bildband mit einer merkwürdigen sprachlichen Entscheidung, dennoch sehr lesenwert. Bei der Fotoauswahl wie beim Text steht das Biografische im Vordergrund, das Werk der Gestalterin nimmt eher kleinen Raum ein, auch wenn die drei Kapitel der »Designerin, Fotografin, Visionärin« gewidmet sind, geht es vor allem um das »Leben als unabhängige und moderne Frau« von Charlotte Perriand.

Flexible Möbel, intelligente Lösungen: Zwar stand die Architektin, Fotografin und Designerin Charlotte Perriand (1903–1999) ihr Leben lang im Schatten von Le Corbusier, doch das machte ihr nichts. Darf man das glauben? In Interviews vermittelte die Designerin zumindest den Eindruck, nicht damit zu hadern, dass ihre Entwürfe nicht ihr zugeschrieben wurden. Dabei stammen die meisten Möbeldesigns aus der Zeit der zehnjährigen Mitarbeit bei Le Corbusier von ihr. Ihre Stärke lag in der Zusammenarbeit im Team, und sie widmete sich ganz der Sache – berühmt zu werden stand nicht im Vordergrund. Auf Arte widmete sich eine Filmdokumentation dem aufregenden Leben und genialen Werk von Chalotte Perriand (»Das andere Bauhaus – Die Designerin Charlotte Perriand«), einzelne Kurzbeiträge stellen den Drehsessel und die verstellbare Stahlrohrliege vor (auch dieser Klassiker wird häufig Le Corbusier zu geschrieben), den Schreibtisch Boomerang, das fröhliche Bücherregal Tunisie (für ein Studentenwohnheim entworfen) oder die winzige Küche für die Cité Radieuse in Marseille. Der italienische Hersteller Cassina hat etliche Möbel wiederaufgelegt. Kein Wunder, denn viele ihrer Entwürfe sind flexibel, für begrenzten Platz und nicht nur für begüterte Kundschaft gedacht – Charlotte Perriand ist damit Wegbereiterin für eine Form des Wohnens, wie sie unserer heutigen Lebensweise entspricht. Ihr Strandhaus ist sozusagen ein »Tiny House«, bevor es den Begriff überhaupt gab.

Inventing a new world: Ganz vergessen war Charlotte Perriand nie, zuletzt hatte das Pariser Musée d’Art Moderne im Winter 2005 / 2006 (nach 1985 im Musée des Arts Décoratifs) ihr Werk gewürdigt. In Frankreich wird die Designerin gerade mit Macht wiederentdeckt, Originale der Kleinserien erzielen teils sechsstellige Summen auf Auktionen. Die im Herbst 2019 in Paris eröffnete große Retrospektive in der Fondation Vuitton entwickelte sich zu einem echten Publikumsmagnet (leider seit 24. Februar 2020 beendet). Der 400 Seiten starke Katalog »Le Monde nouveau de Charlotte Perriand« ist eine weitere Möglichkeit, sich in Leben und Werk zu vertiefen.

 

Laure Adler, Charlotte Perriand. Ihr Leben als moderne und unabhängige Frau, Elisabeth Sandmann Verlag, München 2020

Zum Weiterlesen: Britta Jürgs (Hrsg), Vom Salzstreuer bis zum Automobil – Designerinnen, Aviva Verlag, Berlin 2002

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