LYRIK ZUM ABLESEN UND PLATZNEHMEN: PARISER GEDICHTE

Urban Poetry: Was bewirkt ein Gedicht, das auf eine Fassade geschrieben wurde? In Berlin sorgte Eugen Gomringers Gedicht an der Alice Salomon Hochschule für Debatten für oder gegen dessen Entfernung. Die Lyrikerin Esther Dischereit befasste sich auch theoretisch mit dem »Buchgedicht« (für private Lektüre im »stillen Kämmerlein«) im Gegensatz zum »Wandgedicht« als Teil des öffentlichen (Streit)Raums. Der »Freiheit des Schreibens« stellt sie darin die »Freiheit der Meinung« gegenüber.

Ein Wandgedicht in Saint-Germain: Ganz zufällig beim Spaziergang vom Jardin du Luxembourg zur Kirche Saint-Sulpice (6e) bin ich auf Rimbaud gestoßen. Das komplette, 100 Verse lange Gedicht »Le Bateau Ivre« steht an einer Natursteinmauer und nimmt gut 300 Quadratmeter ein. Ganz offiziell aufgebracht von einer Stiftung und dem internationalen Rimbaud-Freundeskreis. Solche Präsentation von Gedichten in städtischer Umgebung ist immer noch ungewohnt, auch wenn es Beispiele aus New York (»Poetry in Motion« in der U-Bahn) oder in Leiden (Lyrik-Parcours mit über 100 Stationen) oder Antwerpen gibt. In Paris kommt sie recht offiziös, museal und denkmalhaft daher, und Arthur Rimbaud (1854–1891) ist ja auch nicht gerade ein Nachwuchsdichter. Warum diese Monumentalisierung und die Entscheidung für Kanonisiertes? Die genannten Beispiele aus den Niederlanden und Belgien geben auch zeitgenössischer Dichtung viel Raum.

Chaises-poèmes: Deutlicher noch als in der Rue Férou sollen die Verszeilen im Jardin du Palais-Royal (Ier) zum Nachdenken oder zumindest zum Innehalten anregen. Schriftgrund sind hier Holzbänke und Metallstühle, und das visuelle Moment gewinnt hier an Reiz dadurch, dass die Schrift nicht aufgetragen, sondern per Laser ausgestanzt wurde. Gestiftet hat die grünen Stühle der kanadische Bildhauer Michel Goulet, und außer den üblichen Verdächtigen Apollinaire, Baudelaire, Eluard, Hugo, Rimbaud sind es zum einen nicht nur Franzosen sondern auch Pessoa, Pasolini oder Tranströmer, und Dichterinnen wie Emily Dickinson. Das brachte die Parkverwaltung auf die Idee, jeweils neun Bänke Colette und Cocteau zu widmen, die beide in den 1940er-Jahren hier im Palais Royal gewohnt haben. Zu ihnen gesellt sich Lyrik von neun weiteren Dichterinnen und Dichtern. In ihrer dem geringen Platz geschuldeten Aphoristik erinnern die verwendeten Verse und Fragmente aber etwas an Achtsamkeits-Kalender- und Postkartensprüche. Das letzte Wort aus diesem »Jardin des Belles Lettres« überlasse ich den Frauen: Ingeborg Bachmann »On peut exiger de l’homme qu’il affronte la liberté« und Marina Tsetaieva »J’ai trouvé ma devise – deux verbes auxiliaires: être vaut mieux qu’avoir«.

 

 

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