VITTORIO MAGNAGO LAMPUGNANI: GEGEN WEGWERFARCHITEKTUR

Beschränkte Haltbarkeit: Beim Klimaschutz haben wir in Deutschland, wahrscheinlich sogar in ganz Europa, kein Erkenntnisdefizit, sondern ein Umsetzungsproblem. Leider sprechen (und schreiben) nur Experten und Wissenschaftlerinnen Klartext und fordern Tempo und einen Paradigmenwechsel, die Politik verzichtet auf offene Worte und bremst aus – aus Angst, die Wiederwahl zu gefährden. Schon seit Jahrzehnten ist als Problem erkannt, welche massiven ökologischen Auswirkungen die immer raschere Bodenversiegelung hat, aber es wird weiter bebaut, betoniert, asphaltiert, gepflastert. Warum ändert sich so wenig? Denn abgesehen vom hohen Flächen- und Ressourcenverbrauch trägt die Baubranche weltweit auch mit 30 Prozent des CO2-Ausstoßes, 40 Prozent des Energieverbrauchs und 60 Prozent des Abfallaufkommens zum Klimawandel bei und ist so umweltrelevant wie sonst nur die Superreichen.

Häuser mit Verfallsdatum: In seinem im Wagenbach Verlag erschienenen Buch »Gegen Wegwerfarchitektur« nimmt Vittorio Magnago Lampugnani eine noch radikalere Position ein als die Grünen, die sich mit ihrer Infragestellung der freistehenden Einfamilienhäuser das Etikett Verbotspartei einhandelten. Überhaupt kein neues Bauland soll mehr ausgewiesen werden, dauerhafter gebaut und statt weiterer Zersiedelung eine Strategie der Dichte entwickelt werden. Einen Namen gemacht hat sich der italienische Stadtwissenschaftler und Architekturhistoriker mit einer umfangreichen Geschichte des europäischen Städtebaus (ebenfalls im Wagenbach Verlag erschienen), hier vorgestellt habe ich schon »Bedeutsame Belanglosigkeiten«, eine geschichtliche Skizze zum Stadtmobiliar. Zum Thema Nachhaltigkeit beim Bauen wird viel publiziert, doch Lampugnani unterscheidet sich von den Befürwortern technologischer Lösungen wie Dämmen oder des Bauens mit Holz statt Beton durch seine grundsätzliche Kritik am »baulichen Konsumismus«. Was er »Wegwerfarchitektur« und »Modernisierungsbarbarei« nennt, sind kurzlebige, nur auf eine Lebensdauer von ein paar Jahrzehnten angelegte Objekte.

Architektur der Überflussgesellschaft: Baubestand, Rohstoffe, Landschaftsbilder und Umwelt sind kostbar und müssen geschont werden. Der solcher Art formulierte Widerstand gegen die mutwillige Stadtzerstörung durch Abriss und Neubau ist zugleich eine Kritik am Kapitalismus und ein engagiertes Plädoyer für Umbauen, Rückbauen, Weiterbauen. »Der Konsumismus ist ein durch und durch negatives Phänomen. Vor allem ist er die Hauptwurzel unseres ökologischen Notstands.« Besonders fatal sei die Übertragung der kapitalistischen Verwertung auf die Architektur und die Stadt, indem man begann, in ihrer Substanz einwandfreie Gebäude abzureißen, »nur um an ihrer statt neue, funktional, technisch und wirtschaftlich effizientere zu setzen« – aus rein ökonomischen Gründen, »um ein paar schäbige Quadratmeter mehr auf dem gleichen Grundstück zu realisieren und damit eine höhere Rendite«. Abgesehen von vereinzelten Vorläufern wie George-Eugène Haussmann wurde die Vorstellung, historische Bausubstanz sei obsolet, seit dem 20. Jahrhundert auf ganze Stadtteile übertragen – mit traumhaften Gewinnspannen für Grundeigentümer und Immobilienentwickler bei großflächigen Kahlschlagsanierungen (siehe meinen Betrag zum Hafen in Marseille). Erst recht fielen dieser Sichtweise nach den Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg »unzählige schöne historische Stadtquartiere zum Opfer, die sich problemlos hätten reparieren und wiederaufbauen lassen«. Als Bauhistoriker bezieht Lampugnani seine positiven Beispiele aus schon weiter zurückliegenden Jahrzehnten, Hinweise auf einige aktuelle Projekte wie den Umbau von Sozialwohnungen in Bordeaux durch das Architekten-Duo Anne Lacaton und Jean-Philippe Vassal beispielsweise habe ich etwas vermisst. Dennoch kann man nur hoffen, dass dieses schmale Buch viele Leserinnen und Leser gewinnt – unter Städteplanerinnen und Bauherren, Architektinnen und Bewohnern.

»Wenn es nichts zu bauen gibt, wird eben wieder abgerissen.« Ich lese auch gerade meine Bücher von Jürgen Becker wieder. In seinem Prosatext »Umgebungen«, aus dem auch der zitierte Satz stammt, schreibt der 1932 in Köln geborene Autor bereits 1970, vor mehr als fünfzig Jahren: »Einmal nicht hinausfahren ins Grüne, um ins Grüne hinauszufahren, sondern um ohnmächtig wahrzunehmen, wo ein weiterer grüner Hügel unter einem Haufen von Reihenhaus-Siedlung, wo eine Weide unter einem Parkplatz eines blinkenden Hallenbades und ein Waldweg unter einer Schnellstraße hin zum geplanten Flughafen-Ausbau verschwunden ist. Muß ja sein, alles. Die Kläranlage muß sein. Der Müllabladeplatz muß sein. Der Truppenübungsplatz muß sein. Das Eigenheim muß sein, muß massenweise sein. Das Einkaufszentrum muß auf dem Acker sein.« Im Jahr 2022 ist der für seine Gedichtbände und Prosa mit dem Heinrich-Böll- und dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnete Schriftsteller 90 Jahre alt geworden, gewürdigt als »maßgebliche Stimme der zeitgenössischen Poesie«. Diese kleine Abschweifung sei als Hinweis gestattet, wie lange schon die Erkentnnis auf den Paradigmenwechsel warten lässt.

 

Vittorio Magnago Lampugnani, Gegen Wegwerfarchitektur, Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2023

Jürgen Becker, Umgebungen, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1970

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