PARISER BUCHHANDLUNGEN: GIBERT

Fermeture définitive: Die Nachricht brachte es im Frühjahr 2021 auch in die deutsche Presse: Wieder eine Buchhandlung weniger im Quartier Latin. Und nicht irgendeine: Gibert Jeune war eine Pariser Institution und blickte auf mehr als 130 Jahre Buchhandelstradition zurück. Nach anderen Filialen schloss im März als Folge der Pandemie auch der Flagshipstore (mit vier Läden am Place Saint-Michel) definitiv. Die öffentliche Trauer über die Schließung galt in Teilen auch dem Niedergang des Quartier Latin. Früher standen die Viertel am linken Seine-Ufer für Studium und Wissen, Intellekt und Ideen – im 5. Arrondissement und im benachbarten Saint-Germain-des-Près waren neben Sorbonne und anderen Hochschulen mehrere Dutzend Buchhandlungen und ein Großteil der französischen Verlage angesiedelt. Doch nicht nur die Universität verteilt sich inzwischen auf mehrere Standorte eher an der Peripherie als im Zentrum. Auch die exponentiell steigenden Immobilienpreise in der Metropole sowie veränderte (Online-)Kauf- und Lesegewohnheiten beschleunigen den Wandel im Quartier Latin – die Librairie Boulinier, die Librairie Picard & Epona, die zum Verlag Actes Sud gehört, oder die der Presses Universitaires de France (PUF) sind nur drei der Buchhandlungen, die schließen mussten. Insgesamt sollen mehr als 40 Prozent bereits verschwunden sein.

Die Geschichte: In den 1880er-Jahren hatte Joseph Gibert, ursprünglich Lehrer in Saint-Etienne, die Buchhandlung gegründet. Zuvor als Bouquiniste direkt am Quai Saint-Michel vor Notre-Dame tätig, spezialisierte er sich zunächst auf den Handel mit gebrauchten Büchern, »livres d’occasion«. Die Studenten der nahen Sorbonne mit ihren schmalen Budgets waren damals wie heute dankbare Kunden und stöberten in Regalen und Wühlkisten nach günstigen Ausgaben. Während des Ersten Weltkriegs übernahmen die beiden Söhne Régis und Joseph das Unternehmen, doch ihre Wege trennten sich in den 1920er-Jahren. Nun gab es mit Gibert Jeune und Gibert Joseph zwei getrennte Buchhandlungen, die beide erfolgreich wuchsen – bis 2017, als finanzielle Schwierigkeiten zur Übernahme von Gibert Jeune durch Gibert Joseph führte. Im Onlinehandel firmieren sie nun gemeinsam unter gibert.com

Die Gegenwart: Etwas weiter den Boulevard Saint-Michel hinauf residiert in Nummer 26 auf mehreren Etagen Gibert Joseph (in Nummer 30 und 34 Papeterie und Musik, Videos, Comics, Mangas). Im Erdgeschoss bekommt man beispielsweise die Karten des Institut Géographique National (IGN) und Reiseführer, mit großer Auswahl zu Paris und interessanten Spezialführern zum Weintourismus, Wandern oder Slow-Travel-Ideen. Weiter oben folgen Bildbände und Literatur, Fach- und Sachbücher. Und das Tolle, was sich deutsche Buchhandlungen gern abschauen könnten: Im selben Regel, nebeneinander eingeordnet, stehen neue Ausgaben und gebrauchte. Perfekt, so konnte ich zwei Bücher von Marie-Hélène Lafon als »livres d’occasion« erwerben, Zustand hervorragend, Preis reduziert.

Paris Gibert Buchhandlung Librairie

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