MARIE-HÉLÈNE LAFON: DIE ANNONCE

Bauer sucht Frau: Annette, Ende 30, lebt im äußersten Norden Frankreichs und hat auf die Kontaktanzeige eines auch nicht mehr ganz jungen Bauern aus der Auvergne geantwortet. Ihrem elfjährigen Sohn will sie den getrennt lebenden Vater Didier, einen gewalttätigen und straffälligen Alkoholiker, nicht weiter zumuten – und für sich selbst hofft sie nach der destruktiven Beziehung auf eine zweite Chance in der Liebe. In der Annonce hatte das Wort »sanft« gestanden: »Landwirt, sanft, 46, sucht junge Frau, die das Land liebt.« Nach zwei Treffen auf halber Strecke ziehen Annette und ihr Sohn Eric auf den isoliert gelegenen Bauernhof, wo außer Paul auch seine »schroffe, kriegerische« Schwester Nicole und zwei argwöhnische, über 80-jährige Onkel leben, denen das Land gehört. Sie sind alles andere als begeistert von den zugezogenen »Eindringlingen« aus dem Norden, und der Empfang eher eisig – alles scheint daraufhin zu deuten, dass das Zusammenleben in dieser geschlossenen, fast autarken Welt gar nicht funktionieren kann. Doch Paul findet, er habe schon viel zu lange als Junggeselle gelebt und will nicht in der Einsamkeit »verwildern« und dem Alkohol verfallen, wie er das von vielen unverheirateten Landwirten in der Nachbarschaft kennt – er möchte eine Frau an seiner Seite.

Auvergne: Rundherum breiten sich die kargen und dünn besiedelten Berge des Zentralmassivs aus, und schon das erste Sommergewitter, das Annette und Eric erleben, ist ein »wildes Schauspiel« und apokalyptisch. Die Dunkelheit zieht abends auf »wie ein Sturm«, ertränkt »in ihrer Tinte die Konturen der Dinge«, und der Winter bricht mit aller Macht ein in diese abgeschiedene Region mitten im Nirgendwo, auf 1000 Metern Höhe – und hält »selbst den verwegenen kommunalen Schneepflug von seinen heroischen Bemühungen« ab. Trotz der widrigen Bedingungen in rauer Natur und ungastlicher bis feindseliger Familiensippe entfalten sich zarte Liebesgeschichten im Buch, zwischen Annette und Paul, aber auch zwischen Eric und der Hündin Lola. Den Protagonisten des Romans ist es nicht gegeben, viele Worte zu machen oder gar Gefühlen verbal Ausdruck zu verleihen. »Türen knallten. Schweigen. Mahlzeiten vor dem Fernseher. [..] Eine Geschichte ohne Worte.« Aber Annette hält durch, schließt sogar Freundschaften außerhalb des strikt organisierten Alltags auf dem Bauernhof. Und die langsam wachsende Anerkennung von Annette und Eric seitens der Onkel und Nicole funktioniert nach dem Prinzip »nicht getadelt ist genug gelobt«. Die Familie von Paul lässt sich nach und nach erweichen, durch Obstkuchen, Beerenmarmelade und geduldige Arbeit im Gemüsegarten, die allen anderen zuwider ist, vor allem aber hat Eric »die richtige Art« mit den Salers-Rindern.

Eine der interessantesten literarischen Stimmen Frankreichs: Wie bei allen wirklich guten Büchern ist es nicht die Geschichte, die den Roman zu etwas Besonderem macht, sondern die Sprache, in der sie erzählt wird – einerseits sachlich-nüchtern und knapp, ohne wörtliche Rede scheinbar in Berichtsform. Doch mittels indirekter Rede und dem Stilmittel, sich über Aufzählungen (oft ohne durch Kommata getrennt zu werden) an den rechten Ausdruck heranzutasten, erhält der Duktus der Erzählstimme etwas Melodisches, wird musikalisch und rhythmisch, entfaltet einen echten Sog. Für den Schweizer Rotpunktverlag hat Andrea Spingler den 2009 erschienenen Band »L’Annonce« so wunderbar übersetzt, dass Leser:innen diesen so besonderen literarischen Stil endlich auch auf Deutsch kennenlernen können (und interessant der Vergleich zur Verfilmung des Romans von 2015). Im August 2020 erschien in Frankreich der neueste Roman »Histoire du fils« von Marie-Hélène Lafon, alle rund 15 Bücher der Schriftstellerin wurden im Verlag Buchet-Chastel veröffentlicht. Die 1962 in Aurillac geborene Autorin lebt zwar seit mehr als drei Jahrzehnten in Paris, wo sie französische Literatur, Latein und Griechisch unterrichtet, doch als Hintergrund für ihre Romane wählt sie oft die bäuerliche Welt im Cantal, aus der sie auch selbst stammt und wo sie alljährlich zwei bis drei Monate verbringt. Eine echte Entdeckung und unbedingte Lese-Empfehlung: Nicht nur die zarte Liebesgeschichte und die Naturbeschreibungen ziehen in den Bann, auch das Komödiantische der Beschreibungen – etwa die sonntägliche Autofahrt der beiden Onkel oder die rigide Reihenfolge, in der die Zeitung »La Montagne« »gemäß einem der von der Gewohnheit geheiligtem Protokoll« unter den Bewohnern des Hauses zirkuliert.

 

Marie-Hélène Lafon, Die Annonce, aus dem Französischen übersetzt von Andrea Spingler, Rotpunktverlag, Zürich 2020

Romane von Marie-Helene Lafon

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