NIZZA: COMPTOIR DU MARCHÉ

Lieblingslokal: In den Altstadtgassen von Nizza laden unzählige kleine Bistros und feine Restaurants dazu ein, die Spezialitäten der südfranzösischen Küche zu probieren. Das Comptoir du Marché habe ich vormittags durch Zufall gefunden, zudem noch quasi durch die Hintertür – der Koch, der dort eine kurze Verschnaufpause machte, wies mir den Weg um die Ecke zum eigentlichen Eingang. Weil mir die Einrichtung gut gefiel und sich die Tagesgerichte auf der schwarzen Tafel vielversprechend anhörten, habe ich gleich für mittags einen Tisch reserviert. Das schöne Ambiente macht den Charme des Bistros aus – ein nostalgischer Retro-Stil mit Anklängen der 1950er-Jahre, aber zugleich völlig up to date mit gemusterten Zementkacheln auf dem Fußboden, Sardinendosen und witzigen Zeichnungen als Dekoration an der Wand. Im hinteren Raum – soweit ich später gelesen habe, eine ehemalige Metzgerei – kann man die Köche in der offenen Küche wirbeln sehen, vorne sitzt man eng Tisch an Tisch, kommt aber auch schnell mit den Nachbarn ins Gespräch. Wenn man denn Französisch kann: Zumindest mittags waren deutlich mehr Einheimische als Touristen im Lokal, die große Stammkundschaft ist sicher dem ausgezeichneten Preis-Leistungs-Verhältnis geschuldet.

Coup de cœur assuré: Die besten Rinderbäckchen meines Lebens habe ich dort verputzt, in der Cocotte serviert, also im gusseisernen Minibräter. Da ich als Amuse gueule schon Käse, Oliven, gutes Olivenöl und Baguette, danach als Vorspeise eine hausgemachte Pâté verspeist hatte, war für einen Nachtisch definitiv kein Platz mehr in meinem Magen. Aber alles war so gut gemacht, dass ich trotz längst eingetretener Sättigung doch noch ein Mandel-Mandarinen-Törtchen mit Joghurteis bestellt habe… Und ich kann nur sagen, bereut habe ich es nicht. Der junge Koch Lois Guenzati bringt traditionelle französische Gerichte mit modernem Dreh und frische mediterrane Marktküche auf den Tisch, eine attraktive und bodenständige Auswahl, bei der jeder etwas nach seinem Geschmack findet: Kalbsleber oder Artischocken, Ossobuco mit Orangensauce oder Schweinebäckchen mit Polenta, Fischcarpaccio oder Thunfisch-Lachs-Tatar mit Avocado, Entenbrust oder Jakobsmuscheln.

Bistronomie: Erst hinterher habe ich mal geschaut, wo ich da eigentlich war… Auf der Short List der besten Restaurants in Nizza landet das Comptoir du Marché mit schöner Regelmäßigkeit, und bei den online-Bewertungen auf diversen Portalen hagelt es nur so Lob: Die Franzosen applaudieren der »déco insolite, cadre sympathique, accueil chaleureux, ambiance conviviale, qualité irréprochable, excellent rapport qualité-prix«, der guten regionalen Küche zu unschlagbaren Preisen, den sorgfältig zubereiteten Produkten und der frischen Qualität, der moderaten Rechnung und nicht zuletzt der netten und aufmerksamen Bedienung zollen deutschsprachige Gäste Anerkennung. Weil mich auch interessierte, wer hinter der unprätentiösen Lässigkeit steckt, mit der hier ein Gesamteindruck geschaffen wurde, bei der aber jedes Detail durchdacht ist, habe ich nach meiner Rückkehr in französischen Zeitungsartikeln gestöbert: Ausgeheckt hat das Ganze Armand Crespo, ein echter Profi: Das 2006 eröffnete Bistrot d’Antoine in der Rue de la Préfecture war sein erster Coup und ein voller Erfolg, 2011 folgte das Comptoir du Marché. 2014 eröffnete er mit der Bar des Oiseaux (5 rue Saint-Vincent, auf Pasta spezialisiert, zusammen mit der Maison Barale) und gerade erst mit Peixes (4 rue de la Opera, auf Fisch und Meeresfrüchte spezialisiert) das dritte und vierte Lokal – kein Wunder, dass er manchen schon als »roi de la bistronomie niçoise« gilt. Demnächst soll eine Vinothek folgen… Der in Lissabon geborene, schon als kleines Kind nach Frankreich gekommene Armand Crespo, der auf lange Jahrzehnte in der gehobenen Gastronomie zurückblickt, hat offensichtlich nicht nur den Dreh raus, er fördert auch den Nachwuchs – Köche und Service in den Lokalen sind engagiert bei der Sache, Lois Guenzati, der Koch aus dem Comptoir du Marché, ist inzwischen Partner.

8 rue du Marché, 06000 Nice, Tel. 04 93 13 45 01, Di–Sa 12–13.30, 19–21.30 Uhr

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