FRANKFURTER BUCHMESSE 2020: LESETIPPS FÜR DEN OKTOBER

Großer Auftritt verschoben: Der für diesen Herbst geplante Auftritt als Ehrengast wird erst 2021 stattfinden, auf der gerade beginnenden Buchmesse ist Kanada vor allem digital präsent. Wer neben den großen Namen der kanadischen Literatur und der Bestsellerlisten – von Margaret Atwood bis Alice Munro – auf Entdeckungsreise gehen will, kann in einer von der Buchmesse als Download zur Verfügung gestellten Liste mit Neuerscheinungen stöbern. Und das habe ich getan, auch in den Herbstvorschauen der Verlage und im Veranstaltungsprogramm.

Das plurale Mit- und Nebeneinander von Französisch, Englisch und indigener Sprachen prägt die Kultur Kanadas. Zwei der Autorinnen, die ich mir ausgesucht habe, schreiben auf Französisch. Marie-Renée Lavoie aus dem Québec hat sich mit lebendigen Dialogen und unverblümten Frauenfiguren einen Namen gemacht. Ihr »Tagebuch einer furchtbar langweiligen Ehefrau« (Autopsie d’une femme plate) erschien im Eichborn Verlag.

Jocelyne Saucier ist bereits mit zwei Büchern in deutschen Übersetzungen vertreten, als drittes erscheint »Was Dir bleibt« (A train perdu) im Insel Verlag und macht eine ältere Dame zur Heldin, die einfach in den Zug steigt und ohne Abschied aus der kanadischen Provinz verschwindet. Jocelyne Saucier sei »eine literarische Soziologin der Souveränität im Alter, unter den Bedingungen der kanadischen Wildnis. Als solche hat sie einen knappen, freundlichen und klugen Roman geschrieben.«, schrieb Thomas Steinfeld in der Süddeutschen Zeitung über ein anderes ihrer Bücher.

»Ich bin ein Laster« (I Am a Truck), der Debütroman von Michelle Winters, wurde für den Wagenbach Verlag aus dem kanadischen Englisch übersetzt und thematisiert die Gegensätze der anglo- und frankophonen Kulturen – eine kanadische Liebesgeschichte »zum Lachen, zum Heulen und voll überraschender Wendungen,« schreibt Angela Schader in der NZZ.

 

Independents: Von Autorinnen, deren Fan ich schon länger bin, sind die Neuerscheinungen sozusagen gesetzt auf meiner Leseliste. Also Anke Stelling mit Erzählungen: »Grundlagenforschung« im Verbrecher Verlag. Und Dominique Manotti mit »Marseille73« in der Ariadne-Krimireihe des Argument Verlags. Aus dem Verlagsprogramm von Antje Kunstmann kommt das erzählende Sachbuch von Uta Ruge über »Bauern, Land« auf den Stapel, allein schon wegen des Untertitels: »Die Geschichte meines Dorfs im Weltzusammenhang«. Die Autorin verbindet Erinnerungen an das Leben auf dem Land in den 1950er-Jahren mit den Veränderungen in der Landwirtschaft und verknüpft die Geschichte des Dorfs mit welthistorischen Ereignissen.

 

Sachbuch: Die Historikerin Ute Frevert hat mit »Mächtige Gefühle« (S. Fischer Verlage) einen umfangreichen Band zu einem Thema vorgelegt, der auch ihr Forschungsschwerpunkt ist – als Direktorin am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin leitet sie den Forschungsbereich »Geschichte der Gefühle«. Ich habe zur selben Zeit (in den 1980er-Jahren) in Bielefeld studiert, als sie dort promovierte und sich habilitierte, und schon damals galt sie als kluges Ausnahmetalent unter den vielen klugen Köpfen (als noch Kosellek, Luhmann, Wehler, Kocka dort lehrten). Seither hat Ute Frevert zahlreiche wichtige und gewichtige Publikationen vorgelegt, viele Auszeichnungen erhalten, an mehreren Universitäten in Deutschland und in Yale als Professorin gelehrt und auch gegen die Vorbehalte ihrer meist männlichen Kollegen die Emotionsforschung als eigenständigen Bereich der Geschichtswissenschaft etabliert (aber man vergleiche die Länge ihres Wikipedia-Eintrags mit denen der genannten männlichen Historiker).

 

Klassiker:innen wiederenteckt: Lektürevorlieben entwickeln und verändern sich im Lauf eines (Lese)Lebens, doch eine Vorliebe begleitet mich schon seit dem Germanistikstudium, als ich im ersten Semester die ZEIT-Liste der 100 Klassiker der Weltliteratur in Angriff nahm… Eine Zeitlang waren Klassikerausgaben sogar mein Beruf, im Artemis & Winkler Verlag erschienen sie im Dünndruck und diversen anderen Ausgaben, ihnen galten Biografien und waren Kalender gewidmet, für die ich verantwortlich war. Seither halte ich aber vor allem nach wiederentdeckten oder entdeckenswerten  Klassikern von Frauen Ausschau (wie Elaine Dundy, Marghanita Laski, Dawn Powell, Anne Wiazemsky und anderen). Im DuMont Buchverlag erschien gerade »In feiner Gesellschaft« (No Fond Return of Love), der zweite Band von Barbara Pym in deutscher Übersetzung (nach »Vortreffliche Frauen«). Die zeitlos-aktuellen Romane zeugen von einem feinen Gespür für Situationskomik und der scharfen Beobachtungsgabe der englischen Schriftstellerin, deren Werk nach wie vor als unterschätzt gilt.

 

Haute Cuisine in Lyon: Reportagen und Autobiografisches aus den Küchen Frankreichs oder auch weltweit lese ich gern, von Anthony Bourdain über Nigel Slater, Verena Lugert und Karl Heinz Götze bis zu Maylis de Kerangal oder A.J.Liebling. Klar, dass dann auch Bill Buford auf meinen Lesestapel gehört – er hat sich in Lyon als Koch versucht und die »Geheimnisse der französischen Küche« aufgedeckt (Hanser Verlag). Der Titel »Dreck« hört sich allerdings ein wenig nach »was Sie über Restaurants nie wissen wollten« an, den »Geständnissen« des Küchenchefs Bourdain.

 

Buchmesse Frankfurt: Die Frankfurter Buchmesse findet in dieser Woche statt, fast ausschließlich digital. Volle Ausstellungshallen – so wie auf meinem Foto von 2017 – wird es in diesem Oktober nicht geben. Doch wenn wir unsere Begeisterung für Bücher teilen, kann auch der Bücherherbst 2020 großartig werden. Lust auf neuen Lesestoff? Ich habe in Verlagsvorschauen und im Messeprogramm nach Neuerscheinungen gestöbert und meine ganz persönliche Auswahl als Leseliste für Oktober zusammengestellt. Neugierig geworden oder Lust auf mehr? Im Lauf der nächsten Tage kann man auch per Livestream bei Veranstaltungen dabei sein, ob beim »Weltempfang«, Gesprächen auf dem »Blauen Sofa« oder der ARD-Buchmessenbühne.

 

https://www.buchmesse.de/highlights/ehrengast/kanada

Vorschau Ute Frevert Vorschau Uta Ruge

Vorschau Michelle WintersVorschau Barbara Pym Dominique Manotti Marseille 73Vorschau Buford

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