CÔTE D’AZUR: AUSFLUGSTIPP SANARY-SUR-MER

Zuflucht für Künstler: In den 1930er-Jahren lag die »heimliche Hauptstadt der deutschen Literatur« am Mittelmeer. Das friedliche Sanary-sur-Mer an der Côte d’Azur wurde nach und nach zum Refugium für aus Nazideutschland geflüchtete Schriftsteller. Der ehemalige Fischerort, heutzutage ein Städtchen mit 18.000 Einwohnern, entwickelte sich schon um die Wende zum 20. Jahrhundert zu einem beliebten Urlaubsort. Während des Zweiten Weltkriegs wurde das friedliche Sanary mit seinen zahlreichen, versteckt im Grünen liegenden Villen zur Exilzuflucht für deutsche und österreichische Schriftsteller und Intellektuelle, bevor auch der Süden Frankreichs vom Nazi-Terror erreicht wurde. Heute hat der Ort eine eher familiäre Atmosphäre, im postkartenhübschen Hafen schaukeln bunte Fischerboote. Überragt werden die Häuser von der Tour Romane, einem mittelalterlichen Wehrturm, zu dessen Aussichtsplattform man hinaufsteigen kann. Das benachbarte Hôtel de la Tour am Hafen war für viele Emigranten die erste Anlaufstation in Sanary.

Zwischenstation vor dem bitteren Ende: Ein mit Infotafeln versehener Weg folgt den Spuren deutscher und österreichischer Schriftsteller, die hier in den 1930er-Jahren im Exil auf das Ende der Nazi-Diktatur hofften (kleine Runde 3 Kilometer, 1 Stunde und 15 Minuten: große Runde 8 Kilometer, 3 Stunden). Damals lebten Lion Feuchtwanger, Thomas und Heinrich Mann, Franz Werfel und René Schickele hier. Auch Franz Hessel, Ludwig Marcuse, Arthur Koestler, Joseph Roth und Alfred Kantorowicz ließen sich in Sanary nieder. Ernst Toller und Arnold Zweig wohnten vorübergehend in der Villa Valmer der Feuchtwangers. In die Bar Nautique und das Café de la Marine am Hafen kamen sie alle, auch wenn die Exilliteraten sich untereinander teilweise nicht ausstehen konnten. Der kleine Ort an der Küste war zum Fluchtpunkt geworden – das Leben war relativ günstig hier, und zunächst erschien der Aufenthalt nur wie ein unfreiwillig verlängerter Urlaub fern der Heimat. Ein Spazierweg führt zu den Villen und Treffpunkten der Emigranten in Sanary, wo jeweils Gedenktafeln an die Zeit des Exils erinnern. Das Office de Tourisme hält eine Wegbeschreibung »Sur les Pas des Allemands et des Autrichiens en Exil« bereit. Für viele der bedrohten oder »ausgebürgerten« Autoren war der Küstenort eine letzte, erst unbeschwerte, dann bange Zwischenstation vor der (legalen) Ausreise oder (illegalen) Flucht aus Frankreich. »Wir waren im Paradies – notgedrungen«, schrieb Ludwig Marcuse: »Alles war azurblau, nur nicht unser Gemüt.«

Exil in Südfrankreich: Bis heute bleibt unklar, warum ausgerechnet das ruhige, kleine Sanary zum Flucht- und Sammelpunkt für deutsche Schriftsteller wurde. Doch schon in den 1920er Jahren galt die französische Riviera nicht mehr nur als Freiluftkurziel für Tuberkulosekranke, sondern war Trend. Erika und Klaus Mann hatten 1929 als Auftragsarbeit den munteren Reiseführer »Das Buch von der Riviera« veröffentlicht. 1932 kam der Elsässer René Schickele, der während des Ersten Weltkriegs in der Schweiz seine pazifistischen »Weißen Blätter« veröffentlicht hatte. Schickele hatte gerade seinen Roman »Die Witwe Bosca« geschrieben, der im benachbarten Bandol spielt. Zum Freundeskreis des Elsässers gehörten Lion Feuchtwanger sowie Thomas Mann und dessen Familie. Vielleicht war also Schickele der Auslöser dafür, dass Sanary in den nächsten Jahren zur heimlichen Hauptstadt der deutschen Literatur wurde. Für viele Flüchtlinge bedeutete die Zeit in Sanary ein Leben zwischen zwei Welten. Nazi-Deutschland waren sie vorerst entkommen, Sanary war eine Gnadenpause zwischen Vertreibung und erneuter Flucht, erst der Beginn einer langen Irrfahrt ins Exil. Noch glaubten die meisten antifaschistischen Schriftsteller an ein rasches Ende des Hitler-Regimes. Noch dachte man nicht an ein Exil in den Vereinigten Staaten oder an die Grausamkeiten eines neuen Krieges und der Vernichtungslager.

Meine Literaturtipps: Zum Exil in Südfrankreich gibt viele lesenswerte Erinnerungen, einige Titel sind allerdings nur noch antiquarisch erhältlich. »Der Teufel in Frankreich« ist der autobiografische Bericht von Lion Feuchtwanger (1884–1958), »Exil in Frankreich« von Alfred Kantorowicz (1899–1979), »Unsentimentale Reise« der literarisch bearbeitete Bericht von Albert Drach (1902–1995). In einem der wichtigsten Werke der Exilliteratur, in »Die Wenigen und die Vielen«, erzählt Hans Sahl (1902–1993) romanhaft die Geschichte eines Schriftstellers auf der Flucht vor der Verfolgung durch Nazi-Deutschland. Auch für ihr mehrfach verfilmtes Werk »Transit« wählte Anna Seghers (1900–1983) die Romanform. Sybille Bedford (1911–2006) kommt in mehreren ihrer Bücher auf die Zeit an der Côte d’Azur zu sprechen, nicht nur in »Rückkehr nach Sanary«.

Der Amerikaner Varian Fry (1907–1967) kam nach Marseille als Abgesandter eines Hilfskomitees, um die Flucht prominenter Künstler in die Staaten zu organisieren. Auch er veröffentlichte seine Erinnerungen über die Rettung deutscher Emigranten in den Jahren 1940 und 1941, die in deutscher Übersetzung unter dem Titel »Auslieferung auf Verlangen« erschienen. Wie Fry engagierte sich Lisa Fittko (1909–2005) als Fluchthelferin; ihre autobiografischen Erinnerungen haben den Titel »Mein Weg über die Pyrenäen«.

Unter den Sachbüchern ist »Wider Willen im Paradies« von Manfred Flügge nach wie vor der einschlägige Klassiker zum Exil deutscher Schriftsteller in Sanary, lesenswert daneben auch »Spaziergänge an der Côte d’Azur der Literaten« von Heinke Wunderlich.

Sanary-sur-Mer Côte d’Azur

Sanary-sur-Mer Côte d’Azur

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