URSULA KRECHEL: VOM HERZASTHMA DES EXILS
Plädoyer für eine menschlichere Flüchtlingspolitik: Es gibt viele Aspekte der aktuellen Migrationsdebatten, die unmenschlich erscheinen. Ursula Krechel geht in ihrem Essay »Vom Herzasthma des Exils« auf einige davon ein. Im Kapitel »Zahlen« sprechen Tabellen zur Todesursache Flucht unkommentiert für sich, im Abschnitt »Begriffe« unterzieht die Autorin die Verwaltungssprache einer kritischen Bestandsaufnahme, von Ausreisegewahrsam über Duldung bis zum Zustrombegrenzungsgesetz. »Armutsflüchtlinge« wird nicht explizit genannt, doch Krechel erinnert daran, dass Migration nicht schon per se illegal ist – wie in unserer heutigen Gesellschaft populistisch suggeriert wird. Auch in der Neuen Welt hatte im 19. und 20. Jahrhundert niemand auf die Ausgewanderten aus Europa gewartet: »Sie wünschten sich nichts anderes als a better life, ein Fluchtgrund, der gegenwärtig denunziert wird, als wäre er eine Zumutung, ja schon fast unsittlich.« [Eine Zahl zur Notstandsemigration: Allein in der krisengeschüttelten Zeit zwischen 1919 und 1932 wanderten rund 600.000 Deutsche nach Übersee aus, um fern der Heimat eine bessere Zukunft zu finden. Quelle: Helmuth Kiesel, Schreiben in finsteren Zeiten, C.H. Beck, München 2025] Lesenswert auch Krechels Text zum Buch »Die Peripheren« von Ernst Grünfeld, dem sie zur Fremdenfeindlichkeit das Wort überlässt: »Man kann nicht gut Leute als fremd bezeichnen, die viele Generationen im selben Land leben, die dieselbe Sprache sprechen, dieselbe Kultur teilen, sich dem Land zugehörig fühlen und in ihm aufgehen wollen.«
Vertriebene und Randständige, Exilanten und Remigranten: In anderen Kapiteln zeigt dieses Buch, wie allgegenwärtig Migration in der Geschichte war und ist. Mit den »Ausgewanderten« aus einem Roman Goethes setzt Krechel zur Zeit der Französischen Revolution ein, als das linksrheinische Ufer und später auch Mainz, Worms, Speyer und Frankfurt von den Franzosen erobert wurden. Um Flucht und Verbannung, Exil und Migration geht es auch in Kapiteln über Ellis Island, über deutsche Lumpensammler und Kinderarbeit in Frankreich nach 1848, oder über den armenischen Emigranten Assadour Kreussayan in Marseille. Dass die Exilanten der NS-Zeit im Nachkriegsdeutschland keineswegs mit offenen Armen empfangen wurden, obwohl nur ein geringer Teil überhaupt zurückkehrte, weiß man von Einzelschicksalen wie Alfred Döblin oder Willy Brandt. »Das Exil wurde in seiner Bedeutung verleugnet, die Exilanten verleumdet«, schreibt Krechel und erinnert daran, wie negativ die Rückkehrer aufgenommen wurden, wie lästig die Emigranten der Öffentlichkeit waren. Auch angesichts der massiven Verdrängung der NS-Verbrechen gelang es vielen Remigranten nicht, in Deutschland wieder heimisch zu werden. Ursula Krechel, die 2025 mit dem Georg-Büchner-Preis, dem wichtigsten deutschen Literaturpreis, ausgezeichnet wurde, hat mit diesem Essay eine politische Kulturgeschichte vorgelegt, der viele Leserinnen und Leser zu wünschen sind und deren Menschlichkeit hoffentlich starken Widerhall findet.
Ursula Krechel: Vom Herzasthma des Exils, Klett-Cotta, Stuttgart 2025