ROSA BONHEUR

Rosa sur Seine: Das erste Mal ist mir Rosa Bonheur in Paris begegnet, und weil es sich um den Namen für ein Partyboot auf der Seine und um eine Guinguette im Parc des Buttes-Chaumont handelte, hielt ich es für eine coole Umschreibung für nette Stunden – durch die rosa Brille gesehen – und ein paar Glücksmomente beim Feiern. Das zweite Mal begegnete mir Rosa Bonheur in Bordeaux, in Form einer Statue des mir erst recht unbekannten Gaston Veuvenot Leroux im Jardin Public. Und weil diese Marmorfigur auf der Terrasse vor der Orangerie Palette und Pinsel hält, als Insignien ihrer Zunft, lag nahe, dass Rosa Bonheur wohl eine Malerin war. Ein Foto habe ich 2015 vor der Restaurierung gemacht, das andere danach. Ein Weinhändler hatte das 1910 im Park eingeweihte Werk in Auftrag gegeben, um der in Bordeaux geborenen Malerin ein Denkmal zu setzen.

Pariser Flaneuse: Das dritte Mal begegnete mir Rosa Bonheur in den Pariser Spaziergängen von Serena Dandini, die sie unter dem Titel »Uns bleibt immer Paris« veröffentlicht hat. Rosa Bonheur gehört zu den frühesten weiblichen Flaneuren, die die Straßen der französischen Hauptstadt im 19. Jahrhundert durchstreiften, als die Bewegungsfreiheit fast aller Frauen ausgesprochen eingeschränkt war. Sie trug die Haare kurz, liebte es Zigarren zu rauchen und bevorzugte männliche Kleidung bei ihren Ausflügen in die Straßen der Großstadt. Sogar mit offizieller Genehmigung, denn die französische Polizeipräfektur hatte der Künstlerin 1857 eine »Permission de travestissement« ausgestellt, die halbjährlich erneuert werden musste. In diesem Jahrzehnt erhielt nur ein Dutzend Frauen die Erlaubnis, Männerkleidung zu tragen – Rosa Bonheur begründete die Notwendigkeit, Hosen zu tragen damit, anders sei es ihr als Tiermalerin nicht möglich, Pferde- und Viehmärkte oder Schlachthöfe zu besuchen. Auf allen »offiziellen« Fotos trug Rosa Bonheur allerdings stets Kleider.

Unabhängig als Tiermalerin und Bildhauerin: Am 16. März 1822 wurde Marie-Rosalie Bonheur in Bordeaux geboren. Ihr Vater Raimond Oscar Bonheur, ein Maler, erlaubte seiner ältesten Tochter – in einer für Frauen nicht gerade freizügigen Zeit – jungenhaftes Auftreten und dieselben Freiheiten wie seinen Söhnen und nahm sie als Schülerin in sein Pariser Atelier auf. In einem Jahrhundert, als eine Karriere als Malerin für ein Mädchen absolut nicht vorgesehen war. Ihr Handwerk lernte sie dort gründlich, sie kopiert die Alten Meister im Louvre, lernt Zeichnen anhand von Anatomiebüchern und skizziert Tiere in ihrer natürlichen Umgebung. Denn das Studium an einer Kunstakademie war dem weiblichen Geschlecht damals verwehrt. Noch keine zwanzig Jahre alt, wurden zwei ihrer Arbeiten im Salon von 1841 zugelassen, mit 26 Jahren erhält Rosa Bonheur einen offiziellen Staatsauftrag für ein Gemälde und wird mit Medaillen ausgezeichnet. Berühmt als »peintre animalière« macht sie das monumentale Gemälde »Le marché aux chevaux« vom Salon im Jahr 1853, in dem Kunstkritiker den »kraftvollen Pinselstrich eines Mannes« erkennen. Dieser »Pferdemarkt« brachte ihr auch den internationalen Ruhm in Belgien, in England, wo sie Queen Victoria vorgestellt wird, und in den USA, wo das Gemälde die sensationelle Summe von mehr als 268.000 Francs erzielt. Sie betrachte Malerei nicht als Zeitvertreib wie Sticken, schreibt Théophile Gautier über die Künstlerin und ihre professionelle Berufsauffassung, »elle fait de l’art sérieusement, or l’on peut la traiter en homme.« (Les Beaux-Arts en Europe, 1855). Von nun an stellt Rosa Bonheur ihre realitätsnahen Tiergemälde nicht mehr auf den Salons aus, denn ihr Erfolg gestattet es ihr, nur noch im Auftrag zu arbeiten – sie gilt als erste Künstlerin der Welt (männliche Kollegen eingeschlossen), deren Werke bereits zu Lebzeiten Spekulationsobjekte waren. 1865 wurde Rosa Bonheur (als erste Malerin und neunte Frau) zum Ritter der französischen Ehrenlegion, 1894 sogar als erste Frau zum »Officier de la Légion d’Honneur« ernannt. Kaiserin Eugenie überreichte ihr den Orden am 10. Juni 1865 persönlich bei einem Besuch in Château de By.

Privatleben jenseits aller Konventionen: Im Jahr 1860, als erfolgreiche Künstlerin zu Wohlstand gekommen, erwarb Rosa Bonheur ein Anwesen nahe dem Wald von Fontainebleau, das Château de By in Thomery. Gemeinsam mit ihrer Lebensgefährtin Nathalie Micas und deren Mutter lebte sie dort, ließ ein großes Atelier, Stallungen und Gewächshäuser anbauen und hielt eine Art großen Privatzoo mit zahllosen Hunden, Katzen, Affen, Pferden, Schafen, Hirschen und zwei Löwen. Nach dem frühen Tod ihrer Mutter Sophie 1833 war Rosa Bonheur bei der befreundeten Familie Micas aufgewachsen, sie und die Tochter Nathalie schon von Jugendtagen an ein Paar. Madame Micas führte den Haushalt, Nathalie kümmerte sich um Besucher, ein Werkverzeichnis und geschäftliche Verhandlungen, Rosa Bonheur konnte sich ganz auf ihre künstlerische Arbeit konzentrieren und sorgte mit ihren Einkünften für den Unterhalt ihrer Wahlfamilie.

Im Alter von 77 Jahren starb Rosa Bonheur am 25. Mai 1899 und wurde ihrem Wunsch folgend auf dem Friedhof Père Lachaise in Paris beigesetzt. Zuletzt hatte sie (nach dem Tod von Nathalie Micas) mit der amerikanischen Malerin Anna Klumpke zusammengelebt. In ihrem Testament machte Rosa Bonheur ihre zweite Partnerin zu ihrer Alleinerbin, zum Entsetzen der Familie, mit der sich Anna Klumpke aber gütlich einigte. Die Werke von Rosa Bonheur sind unter anderem im Louvre und im Musée d’Orsay in Paris, im Musée des Beaux-Arts in Bordeaux und im Metropolitain in New York zu sehen. In Paris (15. Arr., schon seit dem Jahr 1900!), Nizza, Lyon und Bordeaux sind jeweils Straßen nach ihr benannt.

 

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