PARISER PARKS: PARC DE BERCY
Jardins de la Mémoire: Etwas mehr als drei Jahrzehnte ist er jetzt alt, der Mitte der 1990er Jahre geschaffene Park im Osten der Stadt. Der 14 Hektar große Park auf dem Gelände des ehemaligen Weinhändlerdorfs im 12. Arrondissement erstreckt sich von der Accor Arena und dem Finanzministerium bis zum Bercy Village, wird aber von der Rue Joseph Kessel in zwei Teile zerschnitten. Rund 200 alte Bäume blieben erhalten, darunter Platanen, Ahorn- und Kastanienbäume, 1200 weitere wurden neu angepflanzt. Zwar liegt der Parc de Bercy direkt an der Seine, ist aber durch einen hohen Wall (in dem sogar ein Busbahnhof Platz findet) und eine mehrspurige Schnellstraße vom Ufer getrennt. Große Rasenflächen dehnen sich vor der Wassertreppe und den Stufen aus, die auf die grün bepflanzte Rampe hinaufführen. Zur Nationalbibliothek gegenüber schwingt sich oben eine elegante Fußgängerbrücke, die Passerelle Simone de Beauvoir.
Gartenreich: Neben weitläufigen Rasenflächen (»les prairies« oder »les grandes pelouses«) und Alleen besteht der Park aus unterschiedlich gestalteten Grünanlagen (»les parterres«), dem Rosengarten und dem Duftgarten, Gemüse- und Obstgarten, Zwiebelgarten und Labyrinth. Über zwei getreppte Brücken überquert man die Rue Joseph Kessel und gelangt in den Jardin romantique, mit einem idyllischen Kanal und Teich mit Insel. Eine ganze Reihe von Bronze-Skulpturen, die »Kinder der Welt« des Künstlers Rachid Khimoune, sind oben auf der Grande Terrasse zu entdecken, den Rasenflächen beim Übergang zur Fußgängerbrücke: 21 »Enfants du Monde«, übergroß und rund 150 Kilogramm schwer, schuf der französische Bildhauer insgesamt, etwa die Spanierin Marie Carmen, den Mexikaner Felipo oder den New Yorker Jim. Die Kinderfiguren stehen jeweils auf Abgüssen von Asphalt, Pflastersteinen, Baumschutzgittern oder Kanaldeckeln aus dem jeweiligen Land.
Entrepôts de Bercy: Wer an der ein oder anderen Stelle nach unten schaut, wird im Kopfsteinpflaster alte Bahngleise entdecken. Über sie rollten Waggons mit Wein zu den Lagerhallen, nachdem er per Schiff über die Seine angeliefert worden war. Schon zur Zeit von König Ludwig XIV. war das erste Weinlager entstanden, und bis ins 19. Jahrhundert waren die Entrepôts von Bercy das weltweit größte Weinhandelszentrum. Erst der Bau von Eisenbahnlinien machte den Transport über Flüsse und Kanäle obsolet. Im 20. Jahrhundert begann der Niedergang, in den 1950er Jahren endete aller Handel endgültig. Ein Rebfeld mit rund 350 Sauvignon- und Chardonnay-Weinstöcken, aus deren Trauben jährlich etwa 250 Liter Wein gekeltert werden, ist eine Hommage an die Geschichte dieses Orts. Die meisten Lagerhäuser wurden zerstört, nur einige historische Gebäude blieben erhalten: das Maison du Lac war die Wache untergebracht, im Maison du Jardinage mit dem Küchengarten und Gewächshäusern daneben saß das für die Steuern zuständige Büro, heute führen dort Workshops Interessierte in Themen der Gartenarbeit ein. Im Chai de Bercy stand eine Abfüllanlage, heute wird die Weinkellerei als Ausstellungsort genutzt. Zwei Reihen kleinerer Lagerhäuser blieben im Bercy Village erhalten, in die Restaurants und Läden einzogen.
Auf der Leinwand: Der ein Jahrzehnt zuvor errichtete Bau von dem Architekten Frank Gehry war ursprünglich als Amerikanisches Kulturzentrum gedacht, heute ist er der siebten Kunst gewidmet. Seit 2005 die berühmte französische Cinemathèque in den Parc de Bercy umzog, zeigt hier das Programmkino restaurierte Filme, Retrospektiven und thematische Reihen, das Musée Méliès widmet sich der Kinogeschichte. Sein dekonstruktivistischer Stil, Bauwerke mit kurvigen Konturen und abgewinkelten Formen wie Skulpturen in die urbane Umgebung zu setzen, ist auch hier unverkennbar, obwohl der gewählte Stein nicht ganz so auffallend wirkt wie die sonst gern von Gehry gewählte metallische Verkleidung. Gehry entwarf auch die Fondation Vuitton im Bois de Boulogne, ganz im Westen von Paris, und den silber glänzenden Turm des Kreativcampus Luma in Arles. Hier im Parc de Bercy schwebte dem Architekten beim Entwurf eine Ballerina vor, die ihr Röckchen hebt, um zum Eintreten einzuladen, nun ja.




