CHRISTIAN BEGEMANN: KLEINE POETIK DER SCHUBLADE
Geheimschubladen, Zettelkästen und mehr: Eine Ausstellung über Schränke in der Wissenschaft oder Bäume in der Kunst, ein Sammelband über Müll in der Literatur oder erste Sätze von Romanen – solche Themen quer zu Genres und Disziplinen finde ich äußerst spannend. Wen wird es also wundern, wenn ein Buch mit dem Titel »Kleine Poetik der Schublade« gleich mein Interesse weckt? Christian Begemann, Literaturwissenschaftler mit Professur in München, hat seine Abschiedsvorlesung in der Konstanz University Press veröffentlicht. In seinem Essay geht es nicht um griffbereite Gedanken oder »Framing«, wie das Schubladendenken heute neudeutsch genannt wird, sondern um Texte, in denen sich aus Schubladen Geschichten entwickeln, sie Handlungen ins Rollen bringen, »inkalkulable Dynamiken freisetzen« – nach einem kurzen Überblick vom Alltagssammelsurium bis zum Schreibsekretär mit Geheimfach und vom Zettelkasten bis zu den Schubladensystemen der Wissenschaft geht es um Schubladen in der Literatur.
Erinnern, Verbergen, Vergessen: »Schubladen sind häufig Räume für das Private und Intime«, schreibt Begemann, oft lagere man darin »emotional hoch besetzte Sachen, die man nicht wegwerfen, aber auch nicht dauernd vor Augen haben und vielleicht auch nicht jedermann zeigen will.« Ein scheinbar dummer Zufall, und das Auffinden kompromittierender Briefe setzt eine ganze Reihe an Geschehnissen in Gang. In Theodor Fontanes Roman »Effi Briest« folgen ein Duell mit Todesfall und die soziale Ächtung der Titelprotagonistin daraus. Dass sich die Schublade nicht nur in den Eheromanen des 19. Jahrhunderts als »Katalysator des erzählten Geschehens« zum intertextuellen Topos entwickelt, zeigt Begemann an weiteren Werken Fontanes und von Wilhelm Hauff, Karl Immermann, Eduard Mörike, Theodor Storm, William Makepeace Thackeray, André Gide und anderen auf. Wieder andere Funktionen übernehmen literarische Schubladen etwa, wenn sie ihre Besitzer charakterisieren: in Gottfried Kellers Erzählung »Die drei gerechten Kammacher« eine bigotte Jungfer, in Adalbert Stifters Roman »Der Nachsommer« einen Natur- und Kunstobjekte sammelnden Freiherrn. Und in den im 19. Jahrhundert so beliebten Rahmenhandlungen fördert die Auffindung alter Dinge oder verschollener Blätter Vergangenes zutage, das dann den Inhalt der Binnenerzählung ausmacht.
Schreiben mit Schwung: Obwohl kein Zweifel besteht, dass der Germanist Begemann als Hochschullehrer das akademische Register beherrscht, erfreut an dieser »Poetik« nicht zuletzt, wie pointiert der Autor formuliert und so lebendig wie unterhaltsam erzählt, ohne auf Präzision bei der Textanalyse zu verzichten. Mit dem 19. Jahrhundert, so der Epilog, ist die Literaturgeschichte der Schublade keineswegs zu Ende. Begemanns »Ausblick« gilt einem Beispiel aus dem Walt-Disney-Kosmos, Onkel Dagoberts Bett, und nur allzu gern wäre ich seinen Ausführungen zur anhaltenden Faszination der Schublade noch weiter in die Moderne gefolgt.