MONA HORNCASTLE: PEGGY GUGGENHEIM
Entschlossen und risikofreudig: Zu lesen gibt es über Peggy Guggenheim bereits einiges, neben ihren eigenen Memoiren beispielsweise die Biografie von Annette Seemann, die allerdings schon 1998 im Econ & List Verlag erschien, und diverse Beiträge in Büchern über Kunstsammlerinnen und Sammler, so etwa in »Sammeln nur um zu besitzen?«, im Aviva Verlag herausgegeben von Britta Jürgs. Man darf also gespannt sein, inwieweit Mona Horncastle mit ihrer gerade im Molden Verlag erschienenen Biografie dem gezeichneten Bild Neues hinzufügt oder Einschätzungen korrigiert. Der Verlag kündigt das Buch jedenfalls als »völlige Neubewertung des „Enfant terrible“ der Kunstszene« an. So ist allgemein bekannt, dass Venedig Peggy Guggenheim ein wichtiges Museum moderner Kunst verdankt, weniger dagegen, dass sie in den 1940er Jahren als Galeristin in den USA »gegen den Chauvinismus in der Kunstwelt« zwei bahnbrechende Ausstellungen nur mit Künstlerinnen organisierte. Und schon in den 1930er Jahren in ihrer Londoner Galerie »die Aufmerksamkeit gezielt auf Surrealistinnen lenkt« und damit Pionierarbeit leistete. Dass die von Peggy geförderten Künstlerinnen sich teils (noch) nicht durchsetzen konnten, so das Fazit von Horncastle, sei »weniger der Qualität und Originalität der Arbeiten, als vielmehr ihrem Geschlecht geschuldet – und der männlichen Dominanz in der Kunstwelt und der Kunstgeschichtsschreibung«. Noch im Jahr 2022 füllte Katy Hessel mit ihrer »Story of Art without Men« eine weit klaffende Leerstelle.
Großzügig und engagiert: Fast wie nebenbei erwähnt Horncastle immer wieder, mit welchen Summen, auch umgerechnet in heutige Kaufkraft, Peggy Guggenheim Künstlerinnen und Künstler unterstützte, darunter Schriftstellerinnen wie Djuna Barnes, die Herausgeberin einer avantgardistischen Literaturzeitschrift Margaret Anderson, die Fotografin Berenice Abbott und viele andere. Den Maler Jackson Pollock stattet sie mit einem monatlichen Stipendium aus, für die Bildhauerin Elsa Coates und ihren Mann lässt sie ein kleines Häuschen auf ihrem Grundstück an der Côte d’Azur bauen, viele andere sind Langzeitgäste. Manche »stehen kurz vor dem Durchbruch, bei anderen wird es noch länger dauern, manche werden nie berühmt«. Nicht alle Stationen des rastlosen, farbigen und unkonventionellen Lebens, das Peggy Guggenheim geführt hat, können hier nachgezeichnet werden, dazu lädt eben diese unbedingt lesenswerte Biografie ein. Ich schätze das faktenreiche Buch von Mona Horncastle sehr, habe ihre Biografie zu Josephine Baker auf meinem Blog besprochen (https://gabrielekalmbach.de/mona-horncastle-josephine-baker/) und finde die Molden-Reihe farblich, typografisch und mit Bebilderung toll gestaltet.
Die Autorin: Mona Horncastle hat viele Quellen konsultiert und gründlich recherchiert. Erfreulicherweise verliert die Kunsthistorikerin bei all ihrem interessanten Material zu den biografischen Hintergründen, den historischen Zeitumständen und den Einblicken in die Kontakte zu (später berühmten) Künstlern nicht ihr Ziel aus den Augen – die Lebensleistung einer unkonventionellen Sammlerin, Galeristin, Museumsgründerin und Mäzenin zu würdigen. Dass sie auf allzu pikante, boulevardeske Details aus Peggy Guggenheims Affären und sechs Ehen verzichtet, ist ihr positiv anzurechnen. Ein Wermutstropfen bleibt: Im so heiklen Kapitel über die Zeit in Frankreich unter der deutschen Besatzung hat Mona Horncastle leider eine nicht belegte Quelle zitiert, das ist für ihre sonst sorgfältige Arbeit ein Lapsus. Auf Seite 114 übernimmt sie aus dem Buch von Uwe Wittstock über »Marseille 1940« eine (von ihm wiederum ohne Quellenangabe angegebene) Situation, die sich so wohl nie zugetragen hat. Es dürfte allgemein bekannt sein, dass vieles nach dem Krieg in selektiver Erinnerung geschönt wurde…
Kritische Anmerkung: Ich empfehle dem Lektorat und der Autorin, die Biografie von Luise Straus-Ernst zu lesen, »Notre-Dame de Dada« (Kiepenheuer & Witsch, Seite 341–343). Eva Weisweiler erläutert darin, über das vorgebliche Treffen mit Max Ernst sei kein Wort in der Autobiografie und den Briefen von Luise Straus-Ernst zu finden. Die erste Frau von Max Ernst wurde verhaftet und aus Frankreich nach Auschwitz deportiert. »Trotzdem hält sich in der Max-Ernst-Biografik hartnäckig die Darstellung, dass sie sich gesehen hätten … (entsprechend weiter wie bei Wittstock und Horncastle). Weisweiler belegt, anders als Wittstock, ihre Quellen: Die Zitate stammen aus den Erinnerungen des nach Amerika emigrierten Sohns von Luise Straus-Ernst, »der es allerdings nur von Max Ernst wissen konnte, da er selbst nicht in Marseille dabei war. Es ging wohl darum, seinen Vater von dem in Köln häufig zu hörenden Vorwurf zu entlasten, er habe es „abgelehnt“, Lou nach Amerika mitzunehmen.« Zeugen, die die Ernstsche Variante dementieren konnten, seien nicht gehört worden, dagegen empfahlen Anwälte Max Ernst, Gras über die Geschichte wachsen zu lassen. In einer neuen Auflage der Biografie scheint mir zumindest eine Fußnote angebracht mit Hinweis auf das Zweifelhafte der Selbstauskunft von Max Ernst (und der entsprechenden Wiedergabe in den Erinnerungen von Jimmy Ernst). Und Peggy Guggenheims Rolle dabei (immerhin zahlte sie für die Flugtickets ab Lissabon) bleibt im Nachhinein wohl nicht mehr zu aufzuklären.
Mona Horncastle: Peggy Guggenheim. Freigeist, Mäzenin, Femme fatale, Molden Verlag 2025, www.mona-horncastle.de