EMMANUEL CARRÈRE: V13
VON DR. CHRISTOPH FISCHER Ein Lehrstück des Journalismus: »V13«, vendredi treize, ist der Codename für den Prozess um die Terroranschläge in Paris, bei denen am Freitag, den 13. November 2015, in der Konzerthalle Bataclan, auf Caféterrassen im 10. und 11. Arrondissement und vor dem Stade de France 130 Menschen in den Tod gerissen wurden. Emmanuel Carrère besuchte 2021 und 2022 für das Magazin Le Nouvel Obs den gigantischen Prozess gegen die Terroristen vom ersten bis zum letzten Tag und berichtet über Akteure, das Grauen, unverhoffte Menschlichkeit und die Maschine der Rechtsprechung. Über ein langes Jahr schildert der Schriftsteller die Berichte der Überlebenden vor Gericht, ebenso sachlich beschreibt er aber auch die Täter und einen verstörenden Auftritt des damaligen französischen Präsidenten François Hollande in der »fensterlosen weißen Sperrholzkiste«, die für die Verhandlung auf der Pariser Île de la Cité in den Justizpalast gebaut worden war. 340 Anwälte sind in den Prozess involviert, 1740 Nebenklagen zugelassen. Paris Match nannte das Buch »ein Wunder der Literatur«, die Süddeutsche Zeitung bemerkte »am Ende der langen Nacht steht dieses mächtige Buch, dessen Lektüre aufklärt, versöhnt und befreit«. Vor allem aber ist die Gerichtsreportage von Carrère eines der im Internet-Zeitalter selten gewordenen Lehrstücke des Journalismus.
Auf der Bühne: Im Kölner Schauspiel wurde das Buch exakt ein Jahrzehnt nach den Anschlägen zum Theaterstück des Regisseurs Stephan Kimmig, die beiden Darsteller Claude de Demo und Paul Grill übernehmen die Rolle des Berichterstatters – und über diese die Rollen der Überlebenden, der Täter, der Experten und der Angehörigen der Opfer. Kimmig gibt den chronologischen Aufbau der Vorlage auf zugunsten einer detailorientierten Präsentation des blutigen Geschehens an den Tatorten und der Täter, deren Radikalisierung und ersten Morde in Syrien. All dem über zwei Stunden im Theater zu folgen, ist anstrengend, auch, weil das sinnlose Morden der Dschihadisten noch zehn Jahre später sprachlos macht. Dabei wird zwei Stunden pausenlos geredet – auf der Suche nach Zusammenhängen. Wer die Reportage von Carrère nicht gelesen hat, wird das kaum wirklich erfassen können.
Ein theatralischer Drahtseilakt: Wenn Claude de Demo einerseits die Brutalität des Islamischen Staates anklagt, andererseits trotz aller Brutalität auch den Aussagen des Hauptangeklagten Salah Abdeslam gerecht werden will – der am Ende seinen Bombengürtel nicht zündete, der höchsten jemals von französischen Gerichten verhängten Strafe aber trotzdem nicht entgeht. Dass der Zuschauer in Köln am Ende ergriffen, verstört und erschüttert zurückbleibt, verdankt Kimmigs Produktion vor allem der grandiosen Vorlage von Carrère. Herausragenden Journalismus in dieser Form in der Dramaturgie von Viola Köster auf die Bühne zu bringen, bleibt ein Wagnis, lohnt aber den Versuch des Intendanten Kay Voges im Rahmen seines »theaterjournalistischen Projekts« in Köln.
Eine bewegende Gerichtsreportage: Über allem steht aber die Eindringlichkeit, die Detailgenauigkeit der Beobachtungen, das Ringen um Verständnis wie die Grenzen dieses Bemühens und vor allem die Geduld, die journalistische Beharrlichkeit und das nie nachlassende unbedingte Interesse des Autors an der juristischen Aufarbeitung des Terrors von 2015. Der Jahrhundertprozess von Paris, der Geschichte schrieb, hat eine Jahrhundert-Reportage geschaffen, die für alle Zeiten bleibt. Das Buch ist nicht mehr und nicht weniger als ein journalistisches Vermächtnis des Emmanuel Carrère, ein Lehrstück des Journalismus.
Emmanuel Carrère, V13. Die Terroranschläge in Paris. Gerichtsreportage, aus dem Französischen übersetzt von Claudia Hamm, Matthes & Seitz, Berlin 2023