DAS LOIRETAL ALS REISEZIEL

Adel verpflichtet: Wie viele Schlösser gibt es an der Loire, dreihundert? Eher noch ein paar mehr, wenn man die Adelssitze an den Nebenflüssen wie Indre und Cher mitrechnet. Jedenfalls genug, um jeden Bewunderer prächtiger Renaissance- und Barockarchitektur glücklich zu machen. Die weltweit berühmten Châteaux sind der ganze Stolz der Region, und mit lebendigen Städten wie Orléans, Tours und Angers und charmanten Dörfern machen sie das Loiretal zu einem der reizvollsten Ziele in Frankreich – das als Ensemble in die Liste der Unesco-Welterbestätten aufgenommen wurde. Dass so viele französische Könige und Adlige das Loiretal als Lieblingsaufenthalt wählten, lässt durchaus darauf schließen, dass die Region zu den schönsten Frankreichs zählt.

Slow Travelling: Was erwartet Reisende also in diesem Teil der »Centre – Val de Loire« genannten Region? Keineswegs nur blaublütige Geschichten und historische Gemächer! Mitnichten stehen nur bedeutende Kulturdenkmäler auf dem Programm, sondern auch viel Natur im »Garten Frankreichs«. Das Interesse am Loiretal hat sich im letzten Jahrzehnt deutlich verändert, neben dem Weintourismus, der eine immer größere Rolle spielt, ist vor allem Slow Travelling angesagt. Statt eine reine Autotour zu planen, steigen viele Reisende gern mal aufs umweltschonende Rad, um unterwegs herrliche Parks und Gärten wie die von Chaumont oder Villandry, grüne Weinberge und die großartige Flusslandschaft unbeschwert zu erkunden. Denn das ebene Loiretal ist das ideale Ziel für Fahrradtourismus – so extrem sportlich muss man gar nicht sein, denn die gute Infrastruktur samt Ladestationen für E-Bikes lässt auch gemütliche Genusstouren zu. Ob man nun nur Ausflüge mit dem geliehenen oder mitgebrachten Zweirad macht oder sich selbst und sein Rad gleich den ÖPNV anvertraut – nachhaltiger reist man so auf jeden Fall und erlebt auch viel mehr. Entsprechend vielfältig ist das Angebot an Aktivitäten für Gäste der Region geworden – neben Schlosstouren spaziert man durch kilometerlange Troglodyten-Höhlen oder unternimmt eine Bootsfahrt auf der Loire. Gemächlich schippert man vorbei an Inseln und Sandbänken auf einem der letzten »ungezähmten« Flüsse Europas. Erholung pur!

Unterwegs in Sachen Wein: Was für feine Tropfen aus den Rebsorten Sauvignon und Chenin Blanc (gerade letztere ist hierzulande nur Insidern bekannt) gekeltert werden können, ist eine echte Entdeckung, und zum Crémant-Fan wird man – Schluck für Schluck – sowieso schnell. Bei Keller- und Weinbergführungen können Besucher den Anbau von Reben und die Arbeit in den »Caves« hautnah erleben. Und wer viel Rad fährt, darf auch gut und gern essen. Nicht nur dem Wein verdankt die Region ihren lebenslustigen Ruf. In dieser französischen Genießerregion gehört neben der Einkehr in Restaurant, Bistro oder Guinguette unbedingt ein Marktbesuch aufs Programm, beispielsweise in Tours – dort sorgen ein quirliger Wochenmarkt und eine Markthalle für Augen- und Gaumenschmaus.

Gabares: Die mit Segel bestückten Holzkähne mit breitem Bug und flachem Rumpf, die heute mit kleinem Außenborder durch die urtümliche Flusslandschaft tuckern, beförderten einst Lasten auf dem Wasserweg. Heute wird noch etwa ein Dutzend traditioneller Boote für Ausflüge instandgehalten, einige weitere sind Nachbauten. Besonders schön in der Abenddämmmerung, wenn sich der Himmel rosa färbt, beispielsweise ab Tours. Wo man sonst noch starten kann, steht in meinem Reiseführer »Loiretal« (Reise Know-how Verlag).

Literarische Lobrede: Hier überlasse ich dem in Tours geborenen Honoré de Balzac (1799–1850) das Wort. In seinem Roman »Die Frau von dreißig Jahren« bietet der Schriftsteller seiner Titelfigur kurz Gelegenheit, »eine der schönsten Landschaften, die die reizvollen Ufer der Loire bieten können, zu bewundern. Zur Rechten umfaßt der Reisende mit einem Blick alle Krümmungen der Cise, die sich wie eine silberne Schlange durch das junge Gras der Wiesen windet, dem der erste Lenztrieb zu dieser Zeit einen smaragdenen Ton verlieh. Zur Linken erscheint die Loire in ihrer ganzen Pracht. Auf der weiten, vom frischen Morgenwind leichtgekräuselten Wasserfläche, die dieser majestätische Fluß entfaltet, werden die Sonnenstrahlen von unzähligen Facetten gebrochen. Wie die Edelsteine eines Halsbandes reihen sich hier und da grünende Inseln auf den schier unendlichen Wassern. Auf der anderen Seite des Flusses breiten die schönsten Landschaften der Touraine, soweit das Auge reicht, ihre Herrlichkeit aus. In der Ferne ist der Blick nur von den Hügeln des Cher begrenzt, dessen Gipfel sich zu dieser Stunde in leuchtenden Konturen von dem durchsichtigen Blau des Himmels abhoben« (übersetzt von Hedwig Lachmann).

Loire Frankreich Saumur

Loire Frankreich bei Tours