PARIS: DEUTSCHE BUCHHANDLUNG LE NEUVIÈME PAYS

In Saint-Germain-des-Prés: Nach und nach waren alle deutschen Buchhandlungen aus Paris verschwunden, 2020 schloss die letzte. Unweit der Kirche Saint-Sulpice hat die deutschsprachige Literatur nun wieder einen Ort in der französischen Hauptstadt: 2023 hat Sophie Semin-Handke die Buchhandlung Le neuvième pays in der Rue Bonaparte Nummer 84 im sechsten Arrondissement von Paris eröffnet, in den Räumen eines zuvor dort ansässigen Antiquariats. »Littérature en Français et en Allemand« steht auf dem Schaufenster: Rund ein Drittel machen Bücher in deutscher Sprache aus, daneben gibt es französische Klassiker, zweisprachige Ausgaben; Kunstbände, und häufig finden Lesungen statt. Die Namensgebung (»Das neunte Land«) ist den Werken ihres Ehemannes Peter Handke entnommen. Kundinnen und Kunden sind in Paris lebende Deutsche, Studierende, Touristen und an deutscher Literatur Interessierte. Unterstützt wird die Gründerin vom Buchhändler Pierre Stapf.

Auf der Ile de la Cité: Immer wieder gab es deutsche Buchhandlungen, so etwa von 1948 bis 1988 am Quai des Orfèvres in Nummer 68. Dort erinnert nur noch eine Gedenktafel an die legendäre Buchhandlung von Martin Flinker (1895–1986). Aus Wien war der Österreicher 1938, nach dem Anschluss an das Deutsche Reich, ins Exil gegangen und mit seinem Sohn über die Schweiz nach Paris geflohen. Als auch Frankreich besetzt wurde, ging die Flucht weiter über Bordeaux und Spanien nach Marokko. Seine Eltern, Geschwister und seine Frau wurden in den Konzentrationslagern Auschwitz und Theresienstadt ermordet. Nach dem Kriegsende kehrte Flinker aus Tanger nicht nach Wien zurück, sondern gründete in Paris eine deutsch-französische Buchhandlung, »eine verwegene Idee, die nur aus dem pazifistischen Geist heraus zu verstehen ist, der die ersten Nachkriegsjahre beherrschte« (Hans Scherer). Die Librairie allemande Martin Flinker wurde zur Institution und eine »exterritoriale Botschaft deutschen Geistes«, den der Buchhändler »war bekannt und befreundet mit der gesamten Weltliteratur seiner Zeit«, schreibt der zeitweilige Pariser Kulturkorrespondent der FAZ Hans Scherer in seiner (am Ende leider etwas selbstgefälligen) Würdigung des Exilanten (in: Martin Flinker, der Buchhändler. Ein Emigrantenleben, Frankfurt am Main 1988). Bei Flinker schauten Malraux, Colette oder Eluard ebenso vorbei wie Konrad Adenauer 1950 bei seinem ersten Paris-Besuch im Jahr 1950.

Im Quartier Latin: Zu den bekanntesten Buchhandlungen zählte lange Calligrammes, 1951 von dem deutschen Exilanten Fritz Picard (1888–1973) eröffnet. So kurz nach dem Krieg »eine Sensation und ein Schock für die Franzosen, die schließlich die Besatzung durchgemacht hatten«, erinnert sich Ruth Fabian (1907–1996) und beschreibt ihren Lebensgefährten als einen Menschen, »der nur in Büchern lebte, eine unerhörte Kenntnis von Büchern hatte« (Georg Lechner, Prägungen. Deutsche in Paris, Bollmann Verlag, Düsseldorf 1991). Auch er war 1938 aus Deutschland, wo er als Verlagsvertreter arbeitete, vor den Nazis nach Frankreich geflohen. In den Fünfzigerjahren war der Laden – zuerst in der Rue du Dragon, dann in der Rue de Rennes und zuletzt in der Rue de la Collégiale ansässig – ein Treffpunkt der in Paris lebenden Emigranten, hier verkehrten Raoul Hausmann und Tristan Tzara, Hans Arp und Hannah Arendt, Claire Goll und Paul Celan. Im Februar 1960 blättert Georg Stefan Troller in der Buchhandlung gerade in einem Buch von Walter Mehring, als der Autor selbst ihn anspricht (»Personenbeschreibung«). Ulrike Ottinger hat der Buchhandlung mit »Paris Calligrammes« eine Hommage gewidmet, die auf der Berlinale 2020 Premiere hatte. Die Dokumentation, die Autobiografisches mit historischem Archivmaterial verknüpft, ist zugleich eine Zeitreise in die 1960er Jahre, als die deutsche Filmemacherin in Paris lebte, damals ein Anziehungspunkt für Intellektuelle, Künstlerinnen und Künstler aus aller Welt.

Literatur in Buchladen und im Hotel: Vor der Neueröffnung des Neuvième Pays gab es drei Jahre lang in Paris keine deutschsprachige Buchhandlung mehr, nachdem Iris Mönch-Hahn ihre Librairie Allemande nahe der Sorbonne geschlossen hatte. Nach fünf Jahren war es für den kleinen Laden 2020 wieder vorbei. Über drei Jahrzehnte hatte die Buchhandlung Marissal in der Rue Rambuteau beim Centre Pompidou bestanden – seit 1981 in durchaus wechselhaften Umständen. Am Ende konnte auch die Filiale des Hamburger Buchhändlerpaars Christel und Günther Marissal sich nicht halten. Sinkende Umsätze durch den Internethandel, steigende Versandgebühren und die Pariser Mieten gaben den Ausschlag, im Jahr 2015 aufzugeben. Noch länger, seit 1968, gab es die Librairie Buchladen in der Rue Burq am Montmartre, die Gisela Kaufmann 2018 schloss. Erstaunlich war das schon, wenn man die vielen anderen Pariser Buchhandlungen betrachtet, die auf fremdsprachige Literatur von Großbritannien bis Portugal spezialisiert sind – sogar eine belgische Buchhandlung ist darunter. Um schon beim Frühstück blättern und stöbern zu können, steht es Literaturfreunden frei, im Literaturhotel zu übernachten: Gleich um die Ecke der Rue Burq empfängt das Marcel Aymé gewidmete Hotel Littéraire Gäste, mit bibliophilen Geschwistern im 8. und 10. Arrondissement, Marcel Proust und Arthur Rimbaud gewidmet. Ich selbst freue mich schon auf den Aufenthalt in Clermont-Ferrand im Hôtel Littéraire Alexandre Vialatte.

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