AUSSTELLUNG IN PARIS: MAGDALENA ABAKANOWICZ

Die dritte Dimension: In der Ausstellung »La trame de l’existence« in Paris ist gerade das Werk einer großartigen polnischen Bildhauerin und Textilkünstlerin zu »entdecken«. Die Anführungszeichen sollen unterstreichen, dass Magdalena Abakanowicz (1930–2017) vielleicht nur aufgrund ihrer Nationalität, ihres Geschlechts oder ihrer Arbeit mit Textilien schon ein knappes Jahrzehnt nach ihrem Tod wiederentdeckt werden muss, denn zu Lebzeiten war sie schnell anerkannt und bald weltweit berühmt. Angefangen hatte die Künstlerin mit großen gewebten, teppichartigen Wandtextilien, mit denen sie in den 1960er Jahren Aufmerksamkeit errang. Mit den skulpturalen Formen ihrer monumentalen »Abakans« erweiterte sie als Pionierin Textilkunst ins Dreidimensionale und setzte sie in eine neue Beziehung zur Bildhauerei. Als meterhohe Installationen hängen die gewebten Abakans (die Bezeichnung leitete sie aus ihrem Familiennamen ab) von der Decke herab. Die raumgreifenden Abakans, vorzugsweise aus Sisal gefertigt und Zeugnisse ihrer großen Meisterschaft in der Webkunst, sicherten Abakanowicz einen Platz in der internationalen Kunstszene und gelten heute als ihre wichtigsten Werke.

Textilkunst im Fokus: In den 1960er Jahren begann sich die Textilkunst von der (weiblich konnotierten) Abwertung als rein dekoratives Kunsthandwerk zu emanzipieren, mit der Biennale Internationale de la Tapisserie in Lausanne als Multiplikator, die von 1962 bis 1995 ausgerichtet wurde. In der Folge wuchsen zunächst das Interesse an Textilkunst wie auch die Ausstellungsformate, um dann wieder abzuebben. Eine erneute Wende markiert das Jahr 2018 mit großen Überblicksausstellungen zu Sheila Hicks in Paris, Anni Albers in Düsseldorf und London, Olga de Amaral in Brüssel und Magdalena Abakanowicz in Lodz.

Lebensfaden: Der Titel der Ausstellung (frz. trame ist der Schussfaden beim Weben) knüpft an das zentrale Zitat der Künstlerin an: »Je considère la fibre comme […] le plus grand mystère de notre environnement. C’est à partir de la fibre que sont construits tous les organismes vivants, les tissus des plantes, des feuilles et de nous-mêmes.« Fasern und Fäden begegnen wir im Sprachgebrauch als Metapher, vom »roten« bis zum »seidenen Faden«, in Mythen wie dem Ariadnefaden, der den Weg aus dem Labyrinth weist, und als Material und Symbol in der zeitgenössischen Kunst, was auch den Besucherinnen und Besuchern Anknüpfungspunkte (um im Bild zu bleiben) für Assoziationen bietet.

Musée Bourdelle: Dass die Ausstellung im Atelier des Bildhauers Antoine Bourdelle (1861–1929) stattfindet, und nicht etwa im Musée des Arts Décoratifs, ist kein Zufall, denn nicht nur mit ihren spektakulären textilen Werken zählt Abakanowicz zu den bedeutendsten Bildhauern des 20. Jahrhunderts. Ihre Figurengruppen aus den 1970er Jahren – »Rücken« und »Tanzende Figuren« – stellte Abakanowicz ebenfalls vorwiegend aus organischen Materialien wie Jute und Sackleinwand (mit Kunstharz und Klebstoff) als Abdrücke menschlicher Körper her. Auch wenn sich die seriellen Figuren auf den ersten Blick zu gleichen scheinen, weisen sie individuelle Züge auf. Es folgen Arbeiten aus den 1980er und 1990er Jahren, darunter »La Foule V«, eine bedrohlich wirkende Masse anonymisierter, kopfloser Gestalten, die aber ebenso für einen gewaltfreien Massenprotest stehen könnte wie für eine zum Appell angetretene Menschenmenge, ob nun zum Bewundern oder zum Hassen auf Befehl, ob nun in Macht oder Ohnmacht vereint. Für spätere Arbeiten verwendete die Künstlerin auch Bronzeguss und Eisen, Exponate sind etwa zwei Rückenansichten. Den Abschluss der Ausstellung bildet ein mit Stahl umhüllter Baumstamm aus der Serie der »Jeux de guerre«, der an einen mittelalterlichen Rammbock erinnert.

 

Magdalena Abakanowicz, La trame de l’existence, 20. November 2025 bis 12. April 2026

Musée Bourdelle, 18 rue Antoine Bourdelle (15e), Paris, Di–So 10–18 Uhr