WANDERN IN DER BRETAGNE: DER ZÖLLNERWEG

Unterwegs auf Küstenpfaden: Ihren Namen verdanken die »Sentiers des Douaniers« den Zöllnern, die früher auf den schmalen Wegen am Meer patrouillierten, um Schmuggler auf frischer Tat zu ertappen – an der Pointe de Primel etwa lehnt sich ein Häuschen an die Granitfelsen, das einst als Wachposten diente. Schon im Ancien Régime hatte Colbert, der Finanzminister unter Sonnenkönig Ludwig XIV., Steuern eingeführt, die an den Grenzen Frankreichs auf eingeführte Waren erhoben wurden. In den Jahren nach der Französischen Revolution Ende des 18. Jahrhunderts wurden die Zöllnerwege zur Überwachung der Küsten angelegt. Hunderte Zöllner kontrollierten bei Tag und Nacht und bei jedem Wetter, ob Schmuggler illegal Waren an Land brachten oder Plünderer gestrandete Schiffe ausraubten, deren Ladung gesetzlich dem Staat zustand. Erst im 20. Jahrhundert verloren die Zöllnerwege aufgrund neuer Transportmittel an Bedeutung.

Perfekte Tage am Meer: Der weiß-rot markierte Weitwanderweg GR 34, der im Norden am normannischen Mont Saint-Michel beginnt und am Golfe du Morbihan im Süden endet, folgt den historischen Pfaden an der ganzen bretonischen Küste entlang (je nach Auskunft insgesamt um die 1700, 1800 oder 2000 Kilometer). Dass das überall geht, verdankt sich der »Loi Littoral« aus dem Jahr 1976: Das Gesetz erklärte einen Streifen von 3 Metern Breite entlang der französischen Küsten zu öffentlichem Grund. Obwohl auch viele GR-Etappen mit ständig freiem Blick auf das Meer die Küste säumen, wandert man auf den Teilstücken östlich und westlich von Locquirec teils auch durch mannshohen Farn und struppiges Dorngebüsch, das immer mal wieder den Blick auf Felsen und Gischt freigibt. Jetzt im Oktober war das Meer sehr friedlich, der Himmel blau und das Wetter so sommerlich, dass man auf den kurzen Anstiegen schnell ins Schwitzen kam. Das stabile Hoch setzte selbst die bretonische Allzeit-Wettervorhersage außer Kraft: »En Bretagne il fait beau – cinq fois par jour« (In der Bretagne ist das Wetter schön – fünfmal am Tag). Und auch ohne spektakuläre Brandung und Schaumkronen bieten Ebbe und Flut, Watt und Wellen, Felsen und die Küstenvegetation mit Heide und Gräsern, Stechginster und Strandkiefern ein faszinierendes Naturschauspiel.

Wandern ohne Aussicht: Da wir die Etappen jeweils als Rundtouren gewandert sind, führten uns die Routen immer auch ein Stück durchs Hinterland. Die reizvolle Bocage-Landschaft mit Hecken, Gebüsch und Bäumen am Feldsaum brachte dabei Überraschendes zutage – die Wallhecken dienen nicht nur zur Begrenzung von Wiesen und Ackerflächen, sondern teilweise verlaufen auch Wege darin, auf denen man wie durch grüne Tunnel wandert. Auch die Arte-Dokumentation »Wie das Land, so der Mensch: Bocage Normand«, in dem solche geheimen Hohlwege in der Normandie ein Thema sind, hat nicht wirklich eine Erklärung dafür, warum sie angelegt wurden – man glaubt aber gerne, dass die hohen, dichten Hecken auch Schmugglern sicheren Schutz vor den wachsamen Augen der allgegenwärtigen Zöllner boten.

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