TYPOWALK KÖLN: KÖLSCHE UMLAUTE

Zwei Pünktchen über dem Vokal: Was uns heute als selbstverständlich erscheint, wurde in Schrift- und Drucksachen noch bis ins 19. Jahrhundert anders gehandhabt. Einerseits schrieb man durchaus mal »Aehre«, mal »nähren«, »über« und »Ueberraschung«. Bei den Großbuchstaben stellte Ae, Oe, Ue als Ersatz von Ä, Ö, Ü quasi die Normalität dar (wie beim »Oelwerk« in Nippes und der »Staedtischen Badeanstalt« in Ehrenfeld). In den Frakturschriften wurden die Umlaute bei Kleinbuchstaben teils auch durch ein über den Buchstaben gestelltes kleines »e« dargestellt. Die historische Verschmelzung von ae, oe und ue fand zuerst bei den Kleinbuchstaben statt, die sich als eigenständige Lettern in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vollends durchsetzten. Im Französischen dagegen zeigt der waagerechte Doppelpunkt (= Trema) – beispielsweise bei Citroën – eine getrennte Aussprache der beiden Buchstaben an.

Kein Platz: Die Großbuchstabenversionen stellten die Buchdrucker vor ein echtes Problem – wohin mit den Umlautpunkten? Denn bei den Druckschriften reichte die Versalhöhe in aller Regel auch bis an den oberen Rand des Schriftkegels (Druckletter aus Holz oder Metall). Beim A (der Bäckerei) lassen sich die Punkte neben den Buchstaben quetschen, beim U oder O geht das nicht. Im »Typojournal« hat Florian Hardwig anhand von vielen Fotobeispielen gezeigt, dass sich auch heute noch besonders kompakte Gestaltungen für Ä, Ö und Ü vor allem dem Wunsch verdanken, Platz zu sparen: »Der stärkste Antrieb zur Schaffung ungewöhnlicher Umlaute ist der Wunsch, die lästigen Punkte irgendwie innerhalb der Versalhöhe unterzubringen.« (Ein Beispiel ist das Metallgitter der Münchner Lebensversicherungsbank am Hansaring). Ansonsten verhindern die diakritischen Zeichen es, Zeilen kompress – also mit minimalem Zeilenabstand – zu setzen.

Rund oder eckig? Köln und Kölsch scheinen da die idealen Kandidaten, um mal die verschiedenen typografischen Lösungen für Großbuchstaben-Umlautpunkte unter die Lupe zu nehmen (ein weiterer Typowalk zu kölschen Beschriftungen hier). Besonders ausgefallene diakritische Zeichen, die in Form, Größe, Anordnung oder Position nicht dem Standard entsprechen, sind hier besonders interessant. Die Bildbeispiele zeigen Fundstücke aus dem öffentlichen Raum, etwa Ladenschilder und Fassadenbeschriftungen. Unkonventionelle Lösungen müssen vor allem Leuchtschriften suchen – um möglichst alle Bestandteile des Schriftzugs miteinander zu verbinden, kommt es zu »Punkten«, die eher einer Tilde ähneln oder dem doppelten Akut (zwei Schrägstriche, wie sie im Ungarischen vorkommen). Andere Formen betonen die historische Herkunft oder sind rein dekorativ wie bei der Brauerei Früh. Gerade in der Werbegrafik werden Umlautpunkte gern verfremdet, um dem Schriftzug Logocharakter zu geben und origineller zu wirken – so scheinen beim »Stückwerk« die Umlautpunkte ihrem ewigen Zwillingsdasein entfliehen zu wollen. Wer auf den Umlaut-Typo-Geschmack gekommen ist, findet mehr Beispiel bei der Gruppe »Fancy Diacritics«, die ihre Funde auf Flickr teilt: https://www.flickr.com/groups/fancy-diacritics/pool/

Typo Köln Umlaut

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