TANJA BUSSE UND CHRISTIANE GREFE: DER GRUND

Politischer Sprengstoff: Tanja Busse und Christiane Grefe widmen sich in ihrem Sachbuch der Frage nach den »neuen Konflikten um unsere Böden«, wie es im Untertitel zu »Der Grund« heißt. So neu sind sie allerdings gar nicht, das sei als Anmerkung vorweg gestattet, viele unserer heutigen Probleme gründen in den Landreformen früherer Jahrhunderte, bei der zur »Verbesserung« von Agrarflächen Allmende, also öffentlicher Besitz von Gemeinden, in Privatgrund umgewandelt wurde – gesetzlich legitimiert, aber letztlich rücksichtsloser Landraub. Oder wie Hanno Sauer in seinem Buch »Klasse« schreibt: Die Oberschicht ist keineswegs eine Gruppe besonders tauglicher Helden und Anführer, sondern eine Schicht, der es gelingt, »sich durch Grund- oder Kapitalbesitz einen disproportionalen Anteil des sozial erarbeiteten Wohlstands anzueignen« (Piper Verlag, München 2025, Seite 41). Die bis heute wachsende Konzentration von Bodenbesitz in den Händen weniger Vermögender ist durchaus Thema im Buch. Die beiden Kapitel »Wem gehört das Land?« und »Wem gehört die Stadt?« sind dem Landgrabbing und dem Machtkampf um urbane Flächen gewidmet, ein drittes gilt den neokolonialen »globalen Landnahmen«. Für die beiden Journalistinnen ist jedoch der Konflikt zwischen Schutz des Eigentums und Schutz des Gemeinwohls nur ein Aspekt vielfältigster »Flächenansprüche« auf ein knappes Gut. Beansprucht werden Böden für Straßen, Wohnungsbau und Gewerbegebiete, Klima- und Naturschutz, für die Energiewende und Ernährungssicherheit.

Umkämpftes Ackerland: Schon die Landwirtschaft agiert in einem Spannungsfeld. Darf Tierfutter für den Fleischkonsum angebaut werden, wenn anderswo Menschen hungern? Muss Mais für Autotanks und Biogasanlagen dort wachsen, wo auch Getreide und Hülsenfrüchte gedeihen? Sollen Wälder Holz produzieren oder Treibhausgase binden? Monokulturen und Agrarchemie zerstören die Böden und vergiften sie. Vom Naturschutz reklamierte Flächen, ob für Blühstreifen, die Renaturierung von Mooren oder den Hochwasserschutz, erregen den Ärger der Landwirte. Aber der Akteure im Streit um die Bodennutzung sind noch viele weitere, Investoren und Industrie, Kommunen und Energieunternehmen.

Umweltpolitik in Deutschland: Gleich in der Einleitung wartet das Buch mit einer Überraschung auf. Es gibt also einen »Wissenschaftlichen Beirat Globale Umweltveränderungen« der Bundesregierung. Never heard of it. Es ist doch erstaunlich, dass einem als Sachbuchleserin, bei täglicher Zeitungslektüre und Nachrichtenschau die »Wirtschaftsweisen« immer mal wieder begegnen, nicht jedoch der »WBGU«. Gleich mal nachgeschaut, es gibt den Beirat seit 1992, alle vier Jahre wird er mit rund einem Dutzend Professoren besetzt, neben Referenten und Geschäftsstelle und unter Federführung der Bundesministerien für Umwelt und für Bildung und Forschung. Da läuft doch etwas gewaltig schief! Unter der Rubrik »Der WBGU in den Medien« (www.wbgu.de/de/aktuelle-themen/in-den-medien) findet sich jetzt Mitte August 2025 nur ein einziger Presseartikel im Lauf des Jahres! Würde sich dieser Beirat wirkungsvoll betätigen, würde man doch davon hören…

Bodenlos: Trotz des Handlungsdrucks fehlt der Schutz von Böden im Fokus politischer Aufmerksamkeit. In Deutschland wagen sich Bundes- und Landesregierungen an Auflagen – zugunsten des Flächensparens, gesunder Böden und einer ressourcenschonenden und nachhaltigen Nutzung – nicht heran. Selbst die geplante, eher zahme EU-Bodenrichtlinie droht am Widerstand zu scheitern. Im letzten Kapitel widmen sich die beiden Autorinnen nach ihrer deprimierenden Bestandsaufnahme einigen positiven Ansätzen, »die Hoffnung machen«, vom Agroforst bis zur Schwammstadt. Damit sich tatsächlich etwas ändert, sind allerdings viel weitreichendere politische Maßnahmen gefordert, von der Bodensteuer über Obergrenzen für einzelne Besitztümer bis zum Vorkaufsrecht für Land und Kommunen und einer klaren gesetzlichen Vorrangregel für langfristige Gemeinwohlinteressen bei der Raumplanung.

Tanja Busse / Christiane Grefe: Der Grund. Die neuen Konflikte um unsere Böden und wie sie gelöst werden können, Verlag Antje Kunstmann, München 2024