NEUE SACHBÜCHER IM HERBST 2025

Herbstlese: Bei der beständigen Suche nach neuer Lektüre gibt es für mich zwei maßgebliche Informationsquellen im Internet: Den Perlentaucher, der mit seiner täglichen Feuilletonschau auf die Rezensionen der wichtigen Tageszeitungen verweist. Und die Buchbesprechungen des Deutschlandfunks Kultur, wo ich schon oft auf Lesestoff gestoßen bin, der mir sonst entgangen wäre. Zweimal im Jahr kommt zu diesem regelmäßigen »Online-Blättern« ein Ritual dazu, auf das ich mich schon vorab freue: das Sichten der digitalen Verlagsvorschauen mit den Neuerscheinungen der kommenden Buchsaison. Anlässlich der Buchmesse in Frankfurt liegt das Augenmerk vieler Rezensionen auf der Belletristik. Ich selbst merke mir aus den Herbstvorschauen nur Sachbücher vor, die ich lesen möchte. Die unendlich große Produktion an Romanen und Lyrik, Kinderbüchern und Ratgebern, Krimis, Fantasy- und Romance-Lesefutter überblättere ich – eine ganz persönliche Auswahl, die nur meinen Interessen folgt. Alle Zitate stammen aus den Vorschautexten.

 

Gesellschaft und Politik: Diesmal wird es quantitativ wohl ein kurzer Leseherbst – meinem Eindruck nach erscheinen jedes Jahr immer weniger Sachbücher. Und der Band Mediterrane Verflechtungen von Manuel Borutta (September, Wallstein Verlag) scheint mir fast schon ein Fachbuch zu sein. Thema des Historikers sind die kolonialen und postkolonialen Beziehungen zwischen Algerien und Frankreich.

Um die »Entstehung von Oben und Unten« geht es Hanno Sauer in Klasse (Piper, bereits erschienen). Der Philosoph untersucht, wie Klassen entstehen, unsere Gesellschaft bestimmen und unser gesamtes Leben prägen – Werte, Freundschaften und Beziehungen, Geschmack und Lebensstil, Beruf und Finanzen.

Mit Krieg ist Verachtung des Lebens (Kommode Verlag, September) hat die norwegische Journalistin Linn Stalsberg einen Essay über den Frieden verfasst. »Sowohl die Arbeiter- als auch die Frauenbewegung haben traditionell für den Frieden gekämpft.« Nun müsse sich auch die Umweltbewegung anschließen: »Einen Krieg zu gewinnen bedeutet, so viele Menschen, Häuser und Infrastrukturen des Feindes wie möglich zu zerstören.« Kaum etwas ist so zerstörerisch für den Planeten wie die Rüstungsindustrie.

Feminismus: Eva Thöne macht sich in Weibliche Macht neu denken (Hanser Berlin, bereits lieferbar) Gedanken über ein neues, positives Verständnis von Macht jenseits des Patriarchats. Die Journalistin will die »große Leerstelle im feministischen Diskurs« füllen, die ganz so leer eigentlich nicht ist, ihr Buch über Frauen in Führungspositionen, nachhaltiges Handeln und Utopien werde ich aber dennoch lesen, die Leseprobe ist vielversprechend.

Mit dem Text Wir sind alle gleich, Monsieur! (Wagenbach, bereits lieferbar) erhob die Feministin Louise Dupin (1709–1799) schon vor knapp 300 Jahren Einspruch gegen die Behauptung männlicher Überlegenheit. Die gebildete Salonnière »zählte Voltaire und Montesquieu zu ihren Freunden, Jean-Jacques Rousseau war eine Zeitlang ihr Sekretär. Ihre ebenso klugen wie humorvollen Gedanken sind ein eindrucksvolles Zeugnis eines Feminismus avant la lettre.«

Sprache und Literatur: Der Germanist Helmuth Kiesel legt mit Schreiben in finsteren Zeiten eine Gesamtdarstellung der Jahre von 1933 bis 1945 vor. In der Herrschaft der Nationalsozialisten verließen zahlreiche Autoren Deutschland und gingen ins Exil. Wer blieb, musste sich anpassen oder war von Verfolgung bedroht. Der Autor widmet sich der Literatur des Exils, der inneren Emigration und auch den regimenahen Autoren, in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Der Umfang von 1300 Seiten dürfte bei diesem Mammutprojekt also nicht erstaunen. Dass Kiesel überdies auch noch berühmte Werke von Hermann Hesse bis Thomas Mann vorstellt, ist vermutlich der Tatsache geschuldet, dass der Band den Abschluss einer mehrbändigen Literaturgeschichte bildet (Verlag C. H. Beck, November).

»Aus dem Wörterbuch meiner Mitmenschen«: Knut Cordsen spürt in Stand jetzt (Verlag Antje Kunstmann, September) der tieferen Bedeutung von Jargon und Worthülsen nach. Seine Sprachkritik ist ein »so heldenhaftes wie mitmenschliches, meinungsstarkes wie lückenhaftes Kommentariat« zum zeitgeistigen Sprachgebrauch der Gegenwart.

Biografisches und Kulturgeschichte: In Monsieur Eiffel und sein Turm (Kremayr&Scheriau, bereits erschienen) zeichnet Ralf Klingsieck ein Porträt des französischen Ingenieurs, der für die Weltausstellung 1889 in Paris das umstrittene Bauwerk konstruierte, das heute das Wahrzeichen der französischen Hauptstadt ist. Aus der Vorschau wird leider nicht klar, ob es nur um die Baugeschichte des Eiffelturms geht (was der Titel vermuten lässt) oder der Autor eine klassische Biografie liefert – schließlich baute Eiffel zahllose Brücken, Bahnhöfe, Kathedralen in Südamerika, Ungarn, Portugal und anderswo.

Nature Writing aus Frankreich, da darf man gespannt sein. Der Autor von Der Duft der Wälder (Harper Collins, bereits erschienen) hat für Parfümhersteller gearbeitet und sich weltweit in Wäldern auf die Suche nach Rohstoffen für Düfte gemacht. In seinem Buch versucht er, der »widersprüchlichen Beziehung zwischen Mensch und Baum näherzukommen.«

Kulinarik und Reise: »Wenn Alina Bronsky über Essen schreibt, geht es ans Eingemachte«, das ist jetzt kein Wortspiel, das mir gefällt. Aber ihr Buch erscheint in derselben Reihe, in der auch schon Heike Geißler über »Arbeiten« meine unbedingte Leseempfehlung ist. Alina Bronsky stellt offensichtlich die emotionale Seite in den Mittelpunkt: Essen ist »nicht einfach nur Nahrung, sondern ein Mittel der Fürsorge, Emanzipation, emotionalen Erpressung, das mal nach Heimat schmeckt, mal nach Liebe, Hemmungslosigkeit oder Askese.«

Um Essen, Gärtnern und Reisen und Tausend kleine Freuden geht es bei Nigel Slater. Der britische Journalist hat zahlreiche Kochbücher veröffentlicht und drei Jahrzehnte eine wöchentliche Kolumne mit Rezepten im »Observer« geführt. Doch das angekündigte Buch enthält »kurze Geschichten vom guten Leben«. Slater schreibt so unterhaltsam und fundiert, dass man selbst seine Rezepte gerne liest, nicht nur als Kochanleitung. Ob ich auch ein »weltliches Stundenbuch« mit Momentaufnahmen, etwa über den »Genuss einer reifen Mango im Regen«, schätzen werde, wird eine Leseprobe ergeben – vielleicht klingt ja nur der Vorschautext etwas geschwollen.

Robert Louis Stevensons (1850–1894) Reise mit einer Eselin durch die Cevennen (Unionsverlag, September) ist schon mehrfach vergriffen gewesen und in unterschiedlichen Verlagen wiederaufgelegt worden. »Stevensons geistreicher wie humorvoller Reisebericht gilt als Meisterwerk der frühen Reiseliteratur und wurde vom »Guardian« unter die hundert besten Sachbücher aller Zeiten gewählt.« Der neuen Übersetzung von Ilja Trojanow und Susann Urban wünsche ich viele Leserinnen und Leser.