KLASSIKER LESEN: WILHELM RAABE – PFISTERS MÜHLE

Ein unwiderruflicher Abschied: Der frisch verheiratete Latein- und Griechischlehrer Eberhard Pfister verbringt die Flitterwochen mit seiner jungen Ehefrau, der 19-jährigen Emmy, in der Mühle seines Vaters im Weserbergland. Die Stätte seiner Kindheit ist bereits verkauft und wird nach diesem letzten vierwöchigen Sommeraufenthalt abgerissen, der »locus amoenus« soll einer großen Fabrik weichen. Noch bevor der Bericht des Ich-Erzählers richtig beginnt, ist der Ton gesetzt: die Mühle mit Gartenlokal wird bald nur noch ein »liebes, vergnügliches, wehmütiges Bild in der Erinnerung« sein. Zwar suchen die Städter die grüne, am Wasser gelegene Idylle gern auf, um unter Linden und Kastanien Kaffee oder ein kühles Bier zu trinken, doch in der näheren Umgebung steht schon »dann und wann auch ein qualmender Fabrikschornstein«. Noch einmal genießt der Erzähler Entengeschnatter, Mühlwasserrauschen und das »Sonnenlicht seiner Jugendheimat«, doch letztlich lebt er selbst längst in der großen, »sich ins Unbestimmte ausbreitenden« Stadt Berlin, dort sogar »auf der Schattenseite« der Straße. Und das geplante Industriewerk, so befürchtet er, wird selbst am Mühlbach »wenig Helle und Wärme« übriglassen.

Übler Geruch: Unerträglicher Gestank leitet das Ende der Mühle und des belebten und beliebten Ausflugslokals ein, die Gäste bleiben aus, auch die Mitarbeiter vertreibt die »pestilenzialische Angelegenheit«. Bei den »infamen Odörs« bleibt es nicht, im Herbst treiben Fische »nur einzeln oder in Haufen, die silberschuppigen Bäuche aufwärts gekehrt, auf der Oberfläche des Flüsschens«. Ein Chemiker unternimmt die Analyse des »blaugrauen, schleimigen Flusswassers« des einst so klaren Mühlbachs, die nachweist, dass eine Zuckerfabrik einige Kilometer flussaufwärts das biologische Umkippen des Gewässers verursacht. Der alte Pfister und einige Mitstreiter nehmen mit Unterstützung eines Juristen den ungleichen Kampf gegen die Verantwortlichen und ihre »Satansbrühe« auf. Obwohl der Müller den Prozess gewinnt, kommt der Triumph für ihn zu spät, die Naturzerstörung hat ihm das »Herz abgefressen« – bald nach dem Rechtsstreit stirbt der Müller und Gastwirt.

Die Natur ausbeuten: Bürgerproteste gegen Umweltverschmutzung sind keine Erfindung des 20. Jahrhunderts, wie Birgit Aschmann in ihrer historischen Studie »Die Deutschen und die Natur« an einigen Beispielen zeigt, etwa der Belastung der Flüsse mit ungeklärten Abwässern. Sie waren im späten 19. Jahrhundert »einer gleich zweifachen Belastung ausgesetzt: Sowohl die Urbanisierung als auch die Industrialisierung hatten massive Folgen für die Wasserqualität« (Seite 333). Fäkalien, giftige Chemikalien, Grubenwasser und andere industrielle Abwässer wurden ungefiltert eingeleitet und verseuchten die Gewässer so stark, dass Fische verendeten, das verfärbte Wasser Gestank verbreitete und ungenießbar wurde. Oft blieben die Proteste aber lokal beschränkt und nur Einzelne beteiligten sich. In weiten Teilen von Gesellschaft und Justiz herrschte die Auffassung, »dass Beeinträchtigungen der Natur nun einmal zum obligatorischen Kollateralschaden der Industrialisierung gehörten, die im Interesse von wirtschaftlicher Prosperität und Wohlstandssteigerung eben hinzunehmen seien« (Seite 332).

Der erste Umweltroman: Mit »Pfisters Mühle«, der 1884 zunächst im Feuilleton einer Wochenzeitschrift erschien, schrieb Wilhelm Raabe (1831–1910) den ersten deutschen Roman, der die ökologischen Folgen der Industrialisierung zum Thema macht. So wie der Untertitel »Ein Sommerferienheft« leichte Unterhaltungslektüre verspricht, doch ironisch durch die äußerst realistische Schilderung der ökologischen Katastrophe unterlaufen wird, so zeigt der vielschichtige Roman insgesamt die Doppelgesichtigkeit des Fortschritts – die einen profitieren, anderes wird zerstört. Die Verklärung der einst »heilen Welt« durch den Erzähler wird schon dadurch als Heuchelei entlarvt, dass Eberhard die geerbte Mühle an ein weiteres naturzerstörendes Unternehmen verkauft hat und das so erworbene Kapital in einer chemischen Großreinigung investiert, die nun die Spree belastet. Als genauer Beobachter des Wandels gehörte der Schriftsteller mit seiner Kritik der rücksichtslosen Industrialisierung und den damit einhergehenden Umweltschäden und der Naturzerstörung aber noch einer Minderheit an, das Lesepublikum teilte Raabes Bedenken nicht. Zur Zeit der Publikation fand die Erzählung kaum Resonanz.

Traditionale Lebenswelt: Wenig »modern« war der Autor Raabe allerdings in seiner Frauendarstellung. Drei Frauenfiguren gibt es im Roman, stereotyp gezeichnet als Mutter, Tochter und Ehefrau: Emmy, die junge Gattin, die »liebe Kleine«, die »neckisch und holdselig«, mit zierlichem Knicks und Kusshand durch den Garten tänzelt, wird meist nur als »Kind«, als »dummes Närrchen« oder »Weibchen« tituliert, ihre Beschäftigung sind Handarbeiten. Die Gattin steht für die sexuell attraktive junge Frau, und kaum verhohlen spielt der Erzähler auf den Geschlechtsverkehr an: »Wir fanden etwas Besseres zu tun, als einander gegenüber oder nebeneinander zu lesen«. Christine, eine alte Jungfer, dagegen ist die gute Seele des Haushalts und »die harte, arbeitsselige Hand«, sie plagt sich in »Haus und Hof, Küche und Keller, Feld und Garten«. So unentbehrlich wie in der Mühle ist sie auch in der »jungen, unerfahrenen Haushaltung« von Eberhard und Emmy in Berlin, das »alte, tapfere Mädchen« hat mehr als genug Arbeit, die sie »nicht leicht zu Atem« kommen lässt. Die dritte im Bunde taucht nur als »arme Albertine« auf, da sie mit ihrem Vater, einem erfolglosen, etwas verwahrlosten und meist betrunkenen Dichter, »ihre Tage kümmerlich verlebte«, als selbstlose Tochter »in der ärmlichsten, kahlsten, trostlosesten Umgebung«. Im Lauf der Erzählung heiratet sie den Chemiker, der nach seinem Gutachten inzwischen selbst in »das wasserverderbende Geschäft« eingestiegen ist und eine große chemische »Fleckenreinigungsanstalt« betreibt, die die Spree »nach Kräften verunreinigt, ihr Gewölk zum Himmel bläst und gleich neben der Veranda »klappert und lärmt«.