EMILY ANTHES: DRINNEN

Wie uns Räume verändern: So fragt Emily Anthes im Untertitel ihres Buchs, und die von Corona geprägte Pandemiezeit hat ihrer Fragestellung noch mehr Dringlichkeit verliehen. Schon zuvor wussten wir, dass etwa Tageslicht und Beleuchtung unser mentales Wohlbefinden beeinflussen – mein Alltag in einer Wohnung in einer grünen Allee, aber leider im ersten Geschoss, ähnelte einem Langzeitaufenthalt in einem Aquarium (selbst im August ging es nicht ohne künstliches Licht – eine Winterdepression war die Folge). Im Home-Office stellte sich heraus, dass auch die Größe der Wohnung und ihr Zuschnitt, Rückzugsmöglichkeiten und Ruhe oder laute Umgebung, Ordnung und Stauraum, Ergonomie und Schlafqualität ganz neue Bedeutung bekommen. Und in öffentlichen Räumen interessierten uns auf einmal die Auswirkungen von Belüftung – im Krankenhaus nicht weniger als im Großraumbüro.

Der Mensch als Indoor-Spezies: Europäer verbrächten 90 Prozent ihrer Zeit drinnen – obwohl ich auf recht viel getippt hätte, schockiert diese Zahl dann doch. Alle nur Stubenhocker? Kein Wunder, dass mehr und mehr Wissenschaftler:innen ganz unterschiedlicher Disziplinen die Welt der Innenräume für untersuchenswert halten. Die Journalistin hat sich also angeschaut, was die Studien von Neurowissenschaftlerinnen und Anthropologen, Chemikerinnen und Psychologen und ihre Ergebnisse darüber nahelegen, wie Innenräume unser Leben prägen…

Erkenntnisse: Die »Expedition nach drinnen« der Autorin fördert einerseits Banales zutage – frische Luft fördert die kognitiven Funktionen –, anderseits Erhellendes – womöglich ist die Praxis, Umgebungen für Senioren möglichst wenig komplex zu gestalten, kontraproduktiv. Dass es im ersten Kapitel ausgerechnet mit Hygiene und »Indoor-Mikroben« losgeht, dürfte ein eher amerikanisches Phänomen sein, dass eine Wohnung ein eigenes Ökosystem bildet und daran angepasste Spezies beherbergt, gilt allerdings generell. Und das Fazit: »Ein steriles Haus ist keine gute Idee.«, »Unter mikrobiellem Aspekt ist Teppichboden ekelhaft«, entspricht auch dem Stand der Forschung in Europa. Und der »beste Weg zu einem gesundheitsfördernden heimischen Mikrobiom« liege gerade nicht in speziellen Reinigungsmitteln oder Technologien.

Natürlich wohnen: Obwohl der Klappentext auch den Einfluss von Räumen auf unsere Gesundheit thematisiert, geht es nur kursorisch um Schadstoffe in Bodenbelägen oder Wandfarben. Anthes streift Bleirohre, Impregniermittel, Legionellen und Schimmel kurz im ersten Kapitel und landet mit amphibischen Gebäuden, die ein Hochwasser überstehen, Smart Homes und Siedlungen auf dem Mars dann doch eher beim Bauen als beim Wohnen und eher bei neuen Technologien als bei Nachhaltigkeit. Angesichts dieser Leerstelle wirkt das Kapitel »Stufe um Stufe« erst recht wie ein Fremdkörper im Buch, denn darin geht es mit Treppen versus Aufzüge, Bürgersteige und Radwege versus Straßen vor allem um eine Stadt- und Bauplanung, die Bewegung nicht fördert, und insgesamt mehr um »draußen« als drinnen.

Büro und Co-Working: Wie komplex die Wirkungen von Innenräumen auf die Effizienz von Büroarbeiter:innen sind, hat mich beim Buchkauf nicht interessiert, daher wollte ich das Kapitel eigentlich überschlagen. Dem längeren Passus über die Coworking-Büros von WeWork kreide ich aber einen echten journalistischen Lapsus an: Es kann für eine Bewertung nicht ausreichen, nur mit einem der Leitenden zu sprechen statt mit den Nutzern. Die Autorin formuliert nur einige wachsweiche Bedenken gegenüber »datenbasierter Gestaltung« von Büroräumen, wo konkrete Nachfragen angebracht gewesen wären. »Je mehr ich über die Macht dieser Technologie erfuhr, desto häufiger fragte ich mich, wem sie wirklich nützt.« Diese Feststellung klingt nachgerade naiv und die Autorin sollte sich wohl bald von der Vorstellung verabschieden, »dass Unternehmen einen Algorithmus nutzen« zum Wohl der Beschäftigten.

Die Zukunft hat bereits begonnen: Mit dieser optimistischen Prämisse operiert der dritte Teil des Buchs. Ihre Hausaufgaben hat die Autorin gemacht, also geht es der Vollständigkeit halber erst weiter mit Schulen, Krankenhäusern, Barrierefreiheit und Gefängnissen, um dann zunächst das Loblied der Smart-Home-Technologien anzustimmen: »Die potenziellen Vorteile sind enorm.« Tatsächlich geht es fast nur noch um »virtuelle Check-ups«, Boden-, Bewegungs-, Bett- und Toiletten(!)sensoren für Senioren und Pflegebedürftige und erneut um Algorithmen… Immerhin ist hier der Abschnitt über Gefahren und Risiken der Datensammlung, Kontrolle und Überwachung, Hackerprobleme, Fehlfunktionen und Störanfälligkeit etwas ausführlicher.

Resilienz: Den Schluss des Buchs bilden die Kapitel über extraterrestische Bauten (Kapitel 9) und Gebäude mit besserer Umweltbilanz und Katastrophenresilienz (Kapitel 8). Zumindest kurz wird hier die Problematik der Klimabilanz der Bauwirtschaft und des Energieverbrauchs gestreift, doch scheint die Autorin vor allem auf technologische Lösungen zu setzen – wie die kommerzielle Baubranche. Dass es für nachhaltiges und energiesparendes Bauen und Wohnen auch andere Ansätze gibt, bleibt außen vor. Dann geht es unvermittelt um Notunterkünfte für Obdachlose (»…ich kann mir nur schwer vorstellen, dass die wohlhabenden Enklaven der Gegend sich wirklich von Häusern aus Erde begeistern lassen«.) Schnell muss noch 3-D-Druck erwähnt werden, und schon sind mit Anmerkungen 320 Seiten gefüllt. Auf mich wirkt es wie eine inkongruente Sammlung bereits veröffentlichter Aufsätze zum Thema Bauen, Wohnen und so weiter, die nie in einem Zusammenhang gestellt oder neu überdacht wurden. Das im Titel formulierte Thema behandeln sie nur so nebenbei. Die US-Sicht bleibt (vom deutschen Verlagsableger) unhinterfragt, Architekten wie Francis Kéré oder der Neuro-Urbanist Mazda Adli sind der Autorin vermutlich nicht mal bekannt. Schade, für mich schwere Lese-Enttäuschung, Buchankündigung, Klappen- und U4-Text versprechen mehr, als das Buch hält. Vermutlich ist das »wir/unsere« in den Formulierungen das Problem – genau diese Perspektive lassen die Kapitel vermissen. Ich habe zwar nicht gerade ein Buch über Lehmputz und Holzbauweise erwartet, aber doch etwas mehr über Raumklima, Farbpsychologie und Licht, Trends wie Tiny Houses sowie die Rolle aller im ersten Absatz genannten Faktoren. Und auch ein Blick in andere Kulturen, nach Afrika, Japan und anderswo, hätte dem Band gutgetan. Emily Anthes: Drinnen. Wie uns Räume verändern, HarperCollins 2021, ins Deutsche übersetzt von Johanna Wais. Sehr ansprechend: Titel und Coverentwurf von der Hamburger Werbeagentur Hafen.

Mein Lesetipp: Ganz anders geht Deborah Levy in ihrem autobiografischen Buch »Ein eigenes Haus« (im Original: »Real Estate«) der Frage nach, was ein Heim, ein Zuhause (für eine Frau) bedeuten kann. Ein völlig anderes Projekt, sicherlich, in dem es auch um die gesellschaftlichen Bedingungen geht, was wir für einen »Platz« beanspruchen können. Erschienen 2021 im Hoffmann und Campe Verlag, ins Deutsche übersetzt von Barbara Schaden.

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