DER CANNSTATTER NECKARSTEG

Nachruf auf eine Holzbrücke: Zukünftig müssen Fußgänger und Radler auf die beliebte Brücke mit Knick verzichten, die Bad Cannstatt mit dem Rosensteinpark verband. Seit Anfang Juni 2016 ist die einst zur Bundesgartenschau im Jahr 1977 von Architekt und Bauingenieur Dieter Sengler geplante Neckarbrücke nur noch Geschichte.

Als 1836 Frances Trollope zu Besuch in Stuttgart weilte, führt eine Spazierfahrt die reiselustige englische Schriftstellerin auch an den Neckar. Drei Brücken überqueren damals den Fluss, doch eine lag in Trümmern, die andere war noch unvollendet und „die dritte, die malerischste von allen ist eine aus rohem Holz gezimmerte Notbrücke“. Noch bis Mitte des 19. Jahrhunderts gab es etwa auch in Untertürkheim nur hölzerne Brücken, die bei Neckarhochwasser oft beschädigt wurden. Heute gibt es deutlich mehr Möglichkeiten, den Fluss zu überqueren – meist aus Beton und Stahl gebaut, für Autos und Züge, aber auch einige für Fußgänger und Radfahrer bestimmte Brücken wie Mühlsteg, Münstersteg oder Berger Steg.

Wie schon bei der ersten Stuttgarter Gartenschau im Jahr 1961 waren Fußgängerbrücken auch 1977 erneut ein zentrales Thema. Zehn neue Übergänge wurden errichtet, nicht nur über den Fluss, auch über Gleisanlagen oder Straßen. In kaum einer anderen Stadt findet man derart viele und vielfältige Fußgängerbrücken, über die Jahre wurden auch außergewöhnliche und innovative Projekte realisiert – so entwarf Jörg Schlaich, von dem auch der Killesbergturm stammt, eine Hängebrückenkonstruktion für den Max-Eyth-Steg, von den Stuttgartern liebevoll »Golden Gatele« genannt.

Die Brücke mit einer abknickenden Längsachse zählte mit 158 Meter Länge zu den zehn weitest gespannten Holzbalkenbrücken der Welt. Für die Mittelabstützung wurde das Ende der Schleusenmole genutzt. Die Träger wurden im Stuttgarter Hafen erstellt und per Schiff flussabwärts gebracht. Nach der Übernahme durch Mobilkräne erfasste ein Windstoß den tonnenschweren längeren Riegel und das Brückenteil stürzte in den Neckar. Es gelang jedoch, rechtzeitig einen Ersatzträger zu fertigen, so dass der Neckarsteg wie geplant zur Bundesgartenschau eröffnet werden konnte.

Der schnelle Weg zum Rosensteinpark und zur Wilhelma wird Fußgängern nun für wohl mindestens zwei, drei Jahre lang fehlen – die überdachte Holzbrücke wurde dem umstrittenen Großprojekt Stuttgart21 geopfert.

 

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